Animationskino

Sterben die frechen Filmschafe bald aus?

Stop-Motion-Filme wie «Shaun the Sheep» verzaubern mit Handwerk, rentieren aber kaum noch. Denn das Verfahren ist im Vergleich zur Computeranimation aufwendig kostspielig.

Lory Roebuck
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Wurde noch nicht vom Computer glattpoliert: das Stop-Motion-Filmschaf Shaun (ganz rechts) im «Shaun the Sheep Movie» . Impuls Pictures

Wurde noch nicht vom Computer glattpoliert: das Stop-Motion-Filmschaf Shaun (ganz rechts) im «Shaun the Sheep Movie» . Impuls Pictures

Chris Johnson

Gestatten: Shaun das Schaf, eine knuddelige Knetfigur, die sich nicht hinter Animationshelden wie den Minions («Despicable Me»), Buzz Lightyear («Toy Story») oder Scrat («Ice Age») zu verstecken braucht. Mehr noch: Shaun ist eine herzerwärmende Erinnerung daran, wie sehr uns Animationskino auch ohne 3-D, Computertricks – und sogar ohne Dialoge – bezaubern kann.

Zu verdanken ist das dem britischen Animationsfilmstudio Aardman, dem Spezialisten für Stop-Motion-Produktionen wie «Shaun the Sheep». Aardman erlangte im Zuge der Neunzigerjahre mit den «Wallace & Gromit»-Kurzfilmen Berühmtheit. Im dritten Abenteuer «A Close Shave», das der BBC an Weihnachten 1995 traumhafte Einschaltquoten bescherte, wurden der käseliebende Erfinder und sein schachspielender Hund von einem Schaf aus einer Zwickmühle befreit: Shaun. Es war der erste Auftritt des Wolltiers, das zwölf Jahre später seine eigene Fernsehserie erhielt. Aardman produzierte über einhundert siebenminütige Episoden von «Shaun the Sheep», die in etwa 170 Ländern ausgestrahlt wurden. Diese immense Popularität hat nun einen abendfüllenden Kinofilm nach sich gezogen. Mit einer Spielzeit von 85 Minuten war «Shaun the Sheep Movie» eine gigantische Herausforderung für die Macher.

Quälend lange Präzisionsarbeit

Denn das Stop-Motion-Verfahren ist aufwendig: Alle Kulissen und Figuren werden aus Plastilin, Silikon und Holz handgefertigt. Für jede Einstellung muss die Körperhaltung der Knetfiguren minimal verändert werden, 25-mal für eine Sekunde Film. Eine Spieldauer von 85 Minuten erfordert demnach knapp 127 000 Einzelaufnahmen. Aardman beschäftigt zwanzig Animatoren, jeder von ihnen liefert pro Tag zwei Sekunden Film ab. Der Dreh von «Shaun the Sheep Movie» beanspruchte insgesamt 128 Tage feinster Präzisionsarbeit.

Eine derartige Produktion ist teuer. Der Kinostart von «Shaun the Sheep» und die aktuelle DVD-Veröffentlichung von «The Boxtrolls» soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich Stop-Motion seit Jahren in einer Krise befindet. Die britische Firma Celluloid Dreams beispielsweise startete 2006 die Vorproduktion zu «Grass Roots», fand daraufhin aber keine Geldgeber. Spezialist Henry Selick («The Nightmare Before Christmas») begann 2011 sein neues Stop-Motion-Projekt «The Shadow King». Doch, als er das Budget von 50 Millionen Dollar zu überziehen drohte, stieg Disney aus. Beide Filme schweben derzeit betreuungslos im Produktions-Limbo.

Immerhin soll es «Hoffmaniada» bald ins Kino schaffen. Die ersten zwanzig Minuten des russischen Stop-Motion-Werks, das drei Erzählungen von E.T.A. Hoffmann kombiniert, liefen 2006 in einem Kino in Sankt Petersburg. Erst nach etlichen Jahren konnte das zur Fertigstellung nötige Geld gesichert werden, die Endfassung des Films soll bis 2016 bereit liegen.

Liebevolles Handwerk

Seit leistungsstarke Computer die Kosten der Filmanimation bedeutend gesenkt haben, ist Stop-Motion vom Aussterben bedroht. Wie jammerschade das ist, zeigt «Shaun the Sheep Movie», für dessen Produktion Aardman mit dem französischen Studio Canal zusammengespannt hat. Wenn der freche Shaun nach einem Aufstand gegen die langweilige Bauernhof-Routine den in der Grossstadt verloren gegangenen Bauern aufspüren muss, punktet der Film nicht mit billigen Gags, sondern mit Schalk und Charme. Wie die klassischen Stummfilme verdient sich «Shaun the Sheep Movie» seine Lacher mit prächtiger Situationskomik.

Das viele Herzblut, das in den Film hineingeflossen ist, spürt man in jeder Einstellung. Die handgefertigten Schauplätze und Figuren haben etwas liebevoll Imperfektes, das glattpolierten Computererzeugnissen abgeht. In Aardmans taktiler Animationswelt sind es Einfallsreichtum und eine ungeheure Liebe zum Detail, die diese Knetmassen beseelen. Ein Kinospass – nicht nur für Kinder und Pingu-Nostalgiker.

Shaun the Sheep Movie (UK/F 2015) 85 Min. Regie: Richard Starzak, Mark Burton. Ab heute im Kino.