Star aus «Better Call Saul»
Er hat eine Tante in Oberwil-Lieli: Bob Odenkirk kommt nun ins Kino – als zugänglicher Actionheld

Er gehörte zur Serie «Breaking Bad» und eroberte mit «Better Call Saul» unsere Herzen. Nun mimt Bob Odenkirk den grobschlächtigen Rächer mit menschlichen Regungen. Warum man diesen Kerl einfach mögen muss. Und was er an der Schweiz mag.

Daniel Fuchs
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Grobschlächtiger Actionheld? Ja, aber auch zugänglich. Bob Odenkirk als Hutch in «Nobody».

Grobschlächtiger Actionheld? Ja, aber auch zugänglich. Bob Odenkirk als Hutch in «Nobody».

Bild: Allen Fraser

Farbige Hemden, biedere Frisur, verlegene Stimme. So kennen wir Bob Odenkirk, als gutherzigen, von seiner Umwelt aber kaum beachteten Anwalt Jimmy McGill, der alles tut, um endlich aus dem Schatten seines Bruders zu treten. Diese Rolle ist dem 58-jährigen Bob Odenkirk wie auf den Leib geschrieben. In der Serie «Better Call Saul», die hierzulande auf Netflix verfügbar ist, wurde er definitiv zum Star. Sie erzählt als Spin-off der Erfolgsserie «Breaking Bad» davon, wie aus dem sympathischen und aufstrebenden Jimmy McGill Saul Goodman wird, ein Anwalt der Unterwelt, der in «Breaking Bad» dem Drogenkoch Walter White (Bryan Cranston) bei seinen krummen Geschäften hilft.

Jimmy McGill, ehe er zu Saul Goodman wird, dem kriminellen Anwalt in «Better Call Saul».

Jimmy McGill, ehe er zu Saul Goodman wird, dem kriminellen Anwalt in «Better Call Saul».

Bild: Ursula Coyote

Selbe Masche, gleich unscheinbarer Typ: Im neuen Action-Thriller «Nobody» von Ilja Naischuller spielt Odenkirk einen im Familienalltag gefangenen Vater. Hutch, so heisst er, ist Buchhalter und seine Wochentage gleichen sich auf deprimierende Weise. Im Alltag versetzen ihm auch wenig gravierende Vorfälle Nadelstiche. Und sei es der Müllwagen, der ihm regelmässig vor der Nase wegfährt.

Ein Ego wie herkömmliche Actionhelden

Zwischen Hutch und seiner Frau Becca läuft auch nicht mehr viel. Und als eines Nachts Einbrecher die Familie bedrohen, überlässt er ihnen ohne Gegenwehr das Geld. Trotz dieser Deeskalationsstrategie kriegt der Sohn eine Faust ins Gesicht und Hutch muss sich Sprüche Gefallen lassen darüber, dass er seine Familie nicht wie ein richtiger Mann verteidigt habe.

Trailer zu «Nobody».

Quelle: Youtube

«Sie haben sich richtig verhalten», sagt die eine der angerückten Polizisten. «Aber wenn das meiner Familie passiert wäre, ich wüsste nicht, ob ich die nicht kaltgemacht hätte», fügt ihr Kollege mit süffisanter Stimme bei. Nur ein weiterer Kratzer in Hutchs arg strapaziertem Ego. Das traumatische Ereignis führt dazu, dass Hutch noch mehr zu Luft wird für den Teil seiner Familie, der ihm das Nichtstun vorhält. Hutch ist der Nobody, doch eigentlich schlummert in ihm jemand ganz anderes.

Der Überfall weckt seinen Zorn. Und als Hutch nach seiner Rachetour gegen die Einbrecher in eine arge Keilerei mit einem Mob junger Männer gerät, entledigt er sich ganz der Fassade des braven Familienmenschen. Wir werden Zeuge seines Wandels vom gutmütigen, alles buckelnden Bürger hin zum kompromisslosen Actionhelden vom Schlag eines Genretyps, wie ihn Bruce Willis verkörpert.

Bob Odenkirk, begleitet von seiner Frau Naomi, anlässlich der Critics' Choice Awards 2016.

Bob Odenkirk, begleitet von seiner Frau Naomi, anlässlich der Critics' Choice Awards 2016.

Jordan Strauss / AP

Aufgewachsen bei Chicago, zu Besuch in der Schweiz

Wie der 1962 bei Chicago geborene Bob Odenkirk in einem Interview mit dem Portal «bluewin.ch» verriet, lebt eine Tante von ihm in Oberwil-Lieli, bestens bekannt als Wirkungs- und Wohnort des Aargauer SVP-Politikers Andreas Glarner. In den 1980ern war Odenkirk dort zu Besuch, und mit seiner Tante erkundete er das Land. «Die Schweiz ist ja wirklich dramatisch schön», sagte Odenkirk. Seine Tante habe sich sehr gefreut, als sie ihren Neffen auf Plakaten zur Serie «Better Call Saul» entdeckte, was ihn im Interview zu diesem Satz veranlasste: «Die amerikanische Kultur macht sich wohl überall breit.»

Nur ist Odenkirk weder ein Haudegen noch von der Statur her ein Bruce Willis. Wie kommt man auf die Idee, sich für den Schauspieler, der vor seinen Engagements in «Breaking Bad» und «Better Call Saul» als Autor für TV-Sendungen wie «Saturday Night Live» Geld verdient hat, eine solche grobschlächtige Figur auszudenken?

Beim Drehbuch ­mitgeschrieben

Hutch kriegt einiges ab und die Arbeit der Maske lässt ihn nicht weniger übel zugerichtet aussehen als die von ihm erledigten Gegner. Odenkirk überlegte sich, was er der Figur eines Actionhelden beifügen könnte. «Mit einem besonders guten Aussehen konnte ich nicht punkten, aber ich konnte der Figur Menschlichkeit verleihen», verriet er dem Branchenmagazin «Variety».

«Ich wollte einen Typen spielen, der jeden Faustschlag spürt, dem man das Leiden während der Kämpfe ansieht, und der nicht einfach auf Autopilot schalten kann.»

Hutch steckt viel ein. Und er steht immer wieder auf. Exakt, was auch der Anwalt Jimmy McGill in der Saul-Serie durchmacht. Beim Drehbuch für «Nobody» arbeitete Odenkirk mit. Der Einbruch, der im Film Hutchs Zorn weckt, stammt aus Odenkirks eigener Erfahrung. «In unserem Haus in Los Angeles hatten wir zwei Einbrüche. Beide waren sehr traumatisch für meine Familie und hinterliessen bei mir das Gefühl, ich hätte nicht genug unternommen, obwohl das wahrscheinlich das Richtige war. Das förderte bei mir Frustration und Wut und eine Art Verlangen nach Vergeltung kam auf», sagte er im oben genannten Interview.

Hat Kultstatus: «Better Call Saul», hier der Trailer.

Quelle: Youtube

Mit «Nobody» wird der Actionthriller nicht neu erfunden. Für die Auseinandersetzung mit den durchaus interessanten Figuren neben Hutch bleibt in anderthalb Stunden auch wenig Zeit. Das sind freilich Stärken, die in den Serien mit Bob Odenkirk ausgespielt werden können. Die Story ­– eher einfach gestrickt – bleibt recht dünn.

Und doch ist dieser Film nicht nur für Fans von «Breaking Bad» oder «Better Call Saul» sehenswert. Diesem zugänglichen Typen, den wir uns gut als Arbeitskollege oder Nachbar vorstellen können, dabei zuzusehen, wie er sich wandelt mit dieser Wut im Bauch – das macht irrsinnig Spass. Deshalb ist «Nobody» genau richtig zum Überbrücken der Zeit, bis endlich, voraussichtlich 2022, die finale sechste Staffel von «Better Call Saul» herauskommt.

«Nobody» (USA 2020, 92 Min.); Regie: Ilja Naischuller; ab Donnerstag im Kino. «Better Call Saul» und «Breaking Bad» bei Netflix.