Medien
SRF-Direktor Ruedi Matter: «70 Prozent sind zufrieden mit uns»

Ruedi Matter, Direktor von Schweizer Radio und Fernsehen SRF, über Kritik an den gebührenfinanzierten Medien, die Zukunft des Service public und Ärger mit Roger Schawinski.

Benno Tuchschmid
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«Wir haben in den letztenJahren viel Mut gezeigt»: Ruedi Matter, Direktor von Radio und Fernsehen SRF.

«Wir haben in den letztenJahren viel Mut gezeigt»: Ruedi Matter, Direktor von Radio und Fernsehen SRF.

Alex Spichale

Herr Matter, mögen Sie Volksmusik?

Ruedi Matter: Es kommt ganz darauf an. Ich habe selbst Blasmusik gespielt. Ich mag auch die Appenzeller Volksmusik sehr. Und am Apéro meiner Hochzeit sang ein Obwaldner Jodelchor mit Talerschwingen. Ich habe also einen Bezug zu Volksmusik.

Das passt. Das SRF hat ja auch einen grossen Bezug zur Volksmusik. Manche sagen einen zu grossen.

Aus der Volksmusikszene höre ich eher, dass wir ja nicht weniger machen dürfen. Aber ja, wir sind breit aufgestellt. Wir haben mit der Musikwelle sogar einen Sender, der ausschliesslich Volksmusik spielt. Und natürlich waren wir auch an diesem Wochenende am Volksmusikfest in Aarau mit zwei Livesendungen, diversen Live-Schaltungen und der Übertragung des Festumzugs präsent.

Eben. SRF ist rural geprägt.

Sendungen wie «SRF bi de Lüt» hätten nicht einen solchen Erfolg, wenn sie nur auf dem Land geschaut würden. Wenn Sie sich die Nutzung anschauen, dann sehen Sie, dass die Hälfte der Konsumenten aus den Städten und Agglomerationen kommt.

Ruedi Matter

Ruedi Matter studierte an der Universität Zürich Geschichte, Publizistikwissenschaft und Philosophie. Von 1974 bis 1976 war er Redaktor bei der Basler «National-Zeitung», von 1976 bis 1988 arbeitete er bei der «Tagesschau» – unter anderem auch als Präsentator. Nach vier Jahren als freier Journalist wechselte er 1992 die Branche und arbeitete als Kommunikationsspezialist beim Unternehmensberatungs-Riesen McKinsey. 1997 bis 2006 war er zuerst Redaktionsleiter, dann Direktor Wirtschaft und Programmplanung beim Nachrichtenfernsehen N-TV in Berlin und Köln. 2006 wurde Ruedi Matter Chefredaktor und Abteilungsleiter Information bei Schweizer Radio DRS. Seit 2011 ist er SRF-Direktor. Matter ist verheiratet und Vater von drei Kindern.

Trotzdem, Sie arbeiten für das falsche Publikum. Es war die Land-Bevölkerung, die für das hauchdünne Resultat bei der Radio- und TV-Gebühren-
Abstimmung gesorgt hat.

Sie müssen genauer hinschauen. Die Vox-Analyse der Abstimmung bestätigt meine Erwartung: Selbst die Mehrheit der Nein-Stimmenden findet unser Programm gut. Über 70 Prozent der Abstimmenden sind zufrieden mit dem Programm. Das ist
eine hohe Quote, auch wenn sie noch höher werden soll.

Wieso dann, das knappe Resultat?

Die Menschen haben über eine Finanzierungsvorlage abgestimmt. Ich will damit aber nicht sagen dass wir über das Programm nicht offen diskutieren sollten.

Was haben Sie denn für das Programm aus der Abstimmung gelernt?

Direkte Lehren für das Programm kann man aus der Abstimmung nicht ziehen. Klar ist, dass wir dem Publikum noch offener begegnen müssen. Das Publikum ist unser Auftraggeber und es soll auf Augenhöhe mit uns diskutieren. Dafür wollen wir nun mit einer neuen Sendung, die «Hallo SRF!» heisst, eine Plattform schaffen.

Wie funktioniert «Hallo SRF!»?

Wir laden Zuschauer ins grosse Studio 1 ein. Die sollen mir in meiner Funktion als SRF-Direktor dann kritische Fragen stellen, die ich ohne Netz und doppelten Boden beantworte. Jonas Projer wird die Sendung moderieren. Und so wie ich ihn kenne, wird er auch kritisch nachhaken.

Das ist riskant für Sie. Normalerweise stellen Sie als Journalist die Fragen.

Gut, ich habe mich in meiner Position daran gewöhnt, dass es manchmal Fragen gibt, die ich nicht beantworten kann. In so einem Fall werde ich halt ehrlich sagen: Ich weiss es nicht, aber wir sorgen dafür, dass Sie eine Antwort erhalten.

Ist diese Sendung auch an Ihre Angestellten gerichtet?

Ich gehe davon aus, dass «Hallo SRF!» intern eine hohe Reichweite haben wird. Die Mehrheit der Mitarbeiter wird das mitverfolgen, schon nur, um zu schauen, wie ich über die Runden komme (lächelt).

Seit der Gebühren-Abstimmung steht SRF unter Druck. Sind Sie Direktor eines verunsicherten Medienhauses?

Was mehr Verunsicherung auslöst als die Abstimmung, ist, dass wir ab nächstem Jahr weniger Mittel haben, weil durch das neue Radio- und TV-Gesetz mehr Geld zu den lokalen Radio- und Fernsehstationen geht. Wir haben immer gesagt, dass wir
das gut finden. Aber es kostet uns. Dazu kommt, dass das Bundesgericht entschieden hat, dass auf den Radio- und TVGebühren keine Mehrwertsteuer mehr erhoben werden darf. Auch das kostet Geld. Insgesamt für die ganze SRG 40 Millionen Franken.

Nächstes Jahr fallen 12 Millionen weg, ab 2017 steigt die jährliche Spar-
summe auf 23 Millionen. Wird das
der Zuschauer merken?

Wir versuchen es, so zu machen, dass er es nicht spürt. Aber wer das Programm kennt, wird etwas merken. Klar ist allerdings: Es betrifft nicht die Kernbereiche von Information und Kultur.

Wird es einen Stellenabbau geben?

Das Sparprogramm wird sicher zu einem Abbau beim Programm führen und auch einen gewissen Stellenabbau zur Folge haben. Das versuchen wir natürlich so sozial verträglich wie möglich zu machen.

Sie waren auch in der privaten Medienbranche. Hilft das beim Sparen?

Es ist ein privatwirtschaftlicher Ansatz, laufend zu kontrollieren, ob man effizienter wirtschaften kann. Darauf wurde ich in der Privatwirtschaft trainiert. Allerdings waren die Sparprogramme dort beträchtlich grösser. Es ist kein Trost für die Betroffenen: Aber was wir nun sparen müssen, sind keine 5 Prozent unseres Gesamtbudgets. Allerdings müssen die Sparmassnahmen schnell ergriffen werden, weil die SRG bereits 2016 wieder schwarze Zahlen schreiben will.

Wie schauen Sie eigentlich fern?

Wahrscheinlich so, wie immer mehr Menschen TV schauen. Grosse Sportevents live, eine Show wie «Die grössten Schweizer Talente» mit der Familie vor dem Fernseher. Aber sonst sehr viel auf dem iPad über unseren Videoplayer.

Die Zahlen steigen ja rasant.

Rasant ist übertrieben. Es sind heute etwa 10 Prozent der Zuschauer, die zeitversetzt konsumieren. Lineares Fernsehen wird noch lange überleben. Pro 7/Sat 1 sind ja gute Rechner und die starten in der Schweiz nochmals einen neuen Sender. So schlecht kann es um die Zukunft also nicht stehen. Mir ist es letztlich egal, ob er live oder zeitversetzt schaut.

Das Onlineplayer-Publikum ist jünger

Tendenziell schon. Wie alt sind Sie?

30.

Dann sind Sie mit linearem Fernsehen aufgewachsen.

Ja, aber abgesehen vom Live-Sport schaut in meinem Umfeld kaum noch jemand SRF am TV. Die schauen Sendungen wie das Webformat «Güsel» und fragen sich, wieso es so etwas nicht im klassischen TV gibt?

Weil das Publikum es möglicherweise tatsächlich online konsumieren will. Die Sendeplätze im TV sind beschränkt.

Aber Ihr klassisches Angebot könnte Pepp brauchen. Sogar Kurt Aeschbacher wünschte sich via «Blick» mehr Mut.

Ich glaube, er hat da generell übers Fernsehen geredet und nicht über uns (lächelt). Wir haben in den letzten Jahren viel Mut gezeigt. Der «Bestatter» war ein hohes Risiko. Das ist nicht billig, so eine Serie. In Kürze lancieren wir das neue Auslandjournal. Auch «Schawinski» war ein Experiment.

Fragt sich allerdings, ob das Experiment gelungen ist.

Ich glaube ja. Er gibt unserem TalkSegment eine weitere Dimension. Aeschbacher führt intensive, persönliche Gespräche mit interessanten Menschen. Im «Club» wird über gesellschaftliche Themen gesprochen. Es gibt den «Literaturclub». Und es gibt Schawi, der kontrovers ist.

So kontrovers, dass Sie ihn auch schon öffentlich kritisieren mussten.

Ja, aber auch dafür bin ich bezahlt.

Zurück zum «Bestatter». Ein Publikumserfolg, der auch bei den Kritikern
gut wegkommt. Gibt es bald
eine neue SRF-Serie?

Die Kollegen sind daran, Stoffe zu entwickeln. Die Lehre ist: Es braucht eine
gute Geschichte, gute Schauspieler ...

... haben wir genügend gute Schauspieler in der Schweiz?

Die Schauspieler sind nicht das Problem, die Regisseure auch nicht. Unser Problem in der Schweiz sind die Drehbuchautoren. Es gibt zu wenige. Deshalb haben wir bei den neuen «Bestatter»-Folgen einen Writers’ Room kreiert, wo junge Schreiber lernen können, wie man ein Drehbuch verfasst.

Der «Bestatter» ist der einzige Bereich der Unterhaltung, der nicht kritisiert wird. Wird es bei der Unterhaltung
zu Abbau kommen?

Sparüberlegung finden überall statt.

Gehört Unterhaltung
zum Service public?

Es steht so in der Bundesverfassung. Zu einem Vollprogramm gehört grundsätzlich auch Unterhaltung. Zwingend. Und zwar eine Unterhaltung mit Anspruch und Haltung. Das heisst, mit einem gesellschaftlichen Bezug. Einem Bezug zum Land. Bei unseren Quizsendungen zum Beispiel geht es in der Hälfte der Fragen um Schweizer Themen.

... das reicht,
um Service public zu sein?

Ich sage einfach, eine Sendung wie «Voice of Switzerland» bildet die Realität dieses Landes ab, da hat es immer auch viele Teilnehmer mit Migrationshintergrund. Sie zeigt ein realistisches Bild der Menschen in der Schweiz. Und es ist auch Aufgabe von SRF, das zu tun. Abgesehen davon gehören zur Unterhaltung auch traditionsreiche Anlässe wie das Eidgenössische Volksmusik-Fest, das Sechseläuten und die Basler Fasnacht.

Quiz, «Voice of Switzerland», all das können auch private TV-Stationen.

Fakt ist: Fast alle diese Sendungen sind in einem kleinen Land wie der Schweiz nur über Gebühren finanzierbar.

Die Privaten sagen, es ist für sie
nicht finanzierbar, weil SRF die Preise beliebig hochtreiben kann.

(Lächelt) Der Beleg für diese Behauptung fehlt allerdings bis heute. Bei «Voice of Switzerland» hat der Lizenzgeber klargemacht, dass das Format nur an einen grossen Sender vergeben wird. In Grossbritannien macht es die BBC. In Deutschland machen es die grossen Privaten Pro 7/Sat 1 im Verbund. «Voice of Switzerland» läuft nicht bei Nischensendern.

BBC ist ein gutes Stichwort. Die sind werbefrei. Wäre doch ein gutes Modell. SRF bekommt eine saubere Finanzierung und die Privaten die Werbung.

Wissen Sie, die Vorstellung, dass die Werbung, die man bei uns streicht, zu den kleinen Privaten geht, ist romantisch. Das RTVG wurde schon einmal liberalisiert, damit bei den Privaten das Werbevolumen wächst. Das Werbeaufkommen ist dann einzig bei den deutschen Werbefenstern gewachsen. Schon heute geht die Hälfte des Werbegeldes ins Ausland.

Und trotzdem: Mit dieser Forderung werden Sie in der nächsten Legislatur konfrontiert werden.

Ich glaube, dass in der Politik ein Realitätsbezug zurückkehren wird. Ein Werbeverbot für SRF hat keinen positiven Effekt. Weder auf die Branche noch für die Schweiz. Ausserdem will die Werbebranche zu uns. Unsere Prime-Time-Werbeplätze sind ausverkauft.

Sie haben die Werbeminuten seit 1998 auch mehr als verdoppelt.

Wir dürften gesetzlich noch mehr machen. Wir beschränken uns aber freiwillig, weil wir nicht zu kommerziell wirken wollen. Vielleicht müssen wir unserem Publikum noch deutlicher machen, dass die Werbung Programmleistungen ermöglicht, die nicht mit Gebühren allein zu finanzieren wären.

Wieso ist das Radio weniger umstritten als das Fernsehen? Machen die einen besseren Job?

Nein, aber Radio ist wie die Trinkwasserversorgung. Es gehört zum Leben und so lange es läuft, beschwert man sich nicht. 60 Prozent der Radionutzung in der Schweiz ist bei uns. Wunderbar.

SRF war im letzten Jahr im medialen Kreuzfeuer. Hat das Ihr Bild des Schweizer Journalismus verändert?

Zeitungen sind wirtschaftlich stark unter Druck. Wir haben das Privileg, zu drei Vierteln durch Gebühren finanziert zu sein. Da kann ich nachvollziehen, dass einige manchmal nicht mehr ganz so distanziert berichteten. Aber das war
ja nur punktuell.

Das klingt nach einem Plädoyer
für eine staatliche Medienfinanzierung der Presse.

Ich rede nur aus SRG-Sicht. Und da kann ich sagen: Natürlich hilft Geld, wenn man Qualität will. Keines unserer Programme wäre alleine mit Werbung zu finanzieren.