Kino
«A Quiet Place Part II»: So still ­­ist es­ gar nicht mehr

Die Fortsetzung des US-Überraschungshits «A Quiet Place» ist ein bisschen weniger subtil und intim.

Regina Grüter
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Mutter Evelyn (Emily Blunt) und ihre Kinder suchen Schutz in einem Stahlwerk mit seinen dicken, Geräusche absorbierenden Betonmauern. Hier mit ihrem verletzten Sohn Marcus.

Mutter Evelyn (Emily Blunt) und ihre Kinder suchen Schutz in einem Stahlwerk mit seinen dicken, Geräusche absorbierenden Betonmauern. Hier mit ihrem verletzten Sohn Marcus.

Bild: Paramount

Gleich gibt’s was auf die Ohren, volle Power. Die taube Tochter ist bereit, ihr Hörgerät aufs Mikrofon zu halten. Einen Frequenzbereich mögen die höchst sensiblen Monsterohren gar nicht. Die Mutter lädt schon mal das Gewehr – mit einem süffisanten Lächeln im Gesicht. So endete Teil eins des Überraschungserfolgs «A Quiet Place» aus dem Jahr 2018. Bei einem Budget von 17 Millionen spielte der apokalyptische Überlebensthriller mit Monstern und Horrorelementen weltweit über 340 Millionen Dollar ein.

Die sich spinnenartig fortbewegenden Kreaturen mit Riesengehör, mit denen es die namenlose Familie zu tun hat, können nicht sehen – riechen offensichtlich auch nicht. Mehr wissen die Protagonisten nicht, und auch nicht das Kinopublikum.

Im Kinosaal verharrte man mit den Figuren in Schockstarre.

In den US-Kinos, wo sonst Popcorn geknuspert wird, was das Zeug hält, soll Totenstille geherrscht haben. Der Film wurde zum Kinoereignis.

Das Baby ist immer noch ­ in der schalldichten Kiste

Und zum Kritikerliebling. Wegen dieser originalen Idee, die halt beim zweiten Teil nicht mehr neu ist, aber auch wegen der klugen und stimmigen Umsetzung in der nordöstlichen Industrieregion und einer nur schwer antizipierbaren Geschichte, die emotional ganz auf die Bande dieser Familie setzt. Und des wunderbaren Ensembles wegen: «Vater» John Krasinski (Jim Halpert aus «The Office») und die Engländerin Emily Blunt in der Rolle der Mutter und Ehefrau sind seit zehn Jahren verheiratet und haben zwei Kinder.

Das Sequel basiert wieder auf Figuren von Bryan Woods und Scott Beck. Das Drehbuch aber hat Krasinski diesmal allein geschrieben und erneut das Regieheft in die Hand genommen. In einem kurzen Rückblick kündigt sich die Bedrohung in Form einer Himmelserscheinung an und wird handfest – keine weiteren Erklärungen, sie kommen aus dem Nichts. Dann nimmt «A Quiet Place Part II» den Faden dort auf, wo der erste aufgehört hat, und der Vater – er opfert sich im ersten Teil für seine Tochter und seinen Sohn auf – verschwindet wieder von der Bildfläche.

Die unmittelbare Gefahr ist gebannt, und die Familie macht sich auf die Suche nach einer monsterfreien Zone.

Die Tochter findet eine Karte, es bleibt nur noch eine Richtung – dort hat der Vater noch kein Kreuz gemacht.

Im Sequel bekommen die namenlosen Familienmitglieder Namen. Tochter Regan (Millicent Simmonds) nimmt einen tragbaren Verstärker und ein Transistorradio mit. Sie ist die interessanteste Figur. Weil sie nicht hört, was das Sounddesign immer wieder gekonnt auslotet, und weil sie klug ist. Der jüngere Bruder Marcus (Noah Jupe) braucht sehr viel Zuspruch und kann auch mal den Kopf verlieren. Und, nicht zu vergessen, das Baby. Manch einer hat sich beim ersten Teil gefragt, wie Lee und Evelyn in solchen Zeiten ein Kind machen können. Die Antwort: Es bietet enorm viel dramaturgisches Potenzial.

Lauter und ­ mehr Gemetzel

Als sie bei einem Stahlwerk auf Emmett (Cillian Murphy aus «Peaky Blinders») treffen, ein Freund aus der Vormonsterzeit, der seinen Glauben in die Menschen verloren hat, spielt Evelyn die Babykarte. Dort, im Stahlwerk, empfangen sie einen Radiosender, der immer den gleichen Song spielt. Regan, ganz der Vater, deutet das als Zeichen und weiss es auch zu interpretieren. Die Rettungsmission beginnt.

Häufigste Handbewegung bleibt auch im zweiten Teil das Führen des ausgestreckten Zeigefingers zum Mund: «Sch!», sagen die angsterfüllten Augen.

Aber die Fortsetzung ist lauter und blutiger, dehnt sich nicht nur räumlich und figurenmässig aus.

Sie fühlt sich mehr nach amerikanischem Blockbuster an, und die Hauptfiguren sind auch ausserhalb der Familie schnell zu Heldentum bereit – nicht wie Tomas im schwedischen Drama «Turist», der nicht nur vor der anrollenden Lawine, sondern auch Frau und Kinder im Stich lässt.

Trotzdem, die Story ist gut und «A Quiet Place Part II» ein tolles Kinoerlebnis, auch wenn die Schockstarre nicht über die ganze Filmlänge anhielt. Dafür war es nicht im Kinosaal zu laut, sondern auf der Leinwand. Apropos: Neben sehen und riechen können die Mistviecher noch etwas anderes nicht. Es besteht also Hoffnung. Und es wird einen dritten Teil geben, neu unter der Regie von Jeff Nichols («Take Shelter»).

«A Quiet Place Part II» (USA 2020), 97 Min., Regie: John Krasinski, ab 17. Juni im Kino.