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Wärme, gepaart mit einer kompromisslosen Härte: Darum lieben wir die Kommissarinnen

Gillian Anderson, Olivia Colman, Toni Collette und jetzt Kate Winslet: Sie alle jagen Verbrecher. Wieso schauen wir den Frauen dabei so gern zu?

Regina Grüter und Daniel Fuchs
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Zupackend wie hemdsärmelig: Kate Winslet in «Mare of Easttown» (jetzt auf Sky Show).

Zupackend wie hemdsärmelig: Kate Winslet in «Mare of Easttown» (jetzt auf Sky Show).

Bild: HBO

1. Hintergrund: Was übt einen solchen Sog auf uns aus?

Mit Detective Mare Sheehan sind Serien mit weiblichen Ermittlerinnen um eine Figur reicher. Und um was für eine! Mare schert sich nicht um ihr Äusseres, aber bei der Arbeit ist sie sehr gründlich. Die HBO-Miniserie «Mare of Easttown» mit Kate Winslet in der Hauptrolle läuft jetzt auf Sky Show (wir berichteten letzte Woche), und es macht sehr viel Spass, Mare zuzusehen, wie sie sich um Autoritäten schert, wenn sie ihre Ermittlungen behindern.

Mare wächst einem schnell ans Herz, weil sie keine eindimensionale Figur ist, Ecken und Kanten hat und uns auch mal an ihrem Tun zweifeln lässt. Sie ist vielleicht ein Charakter, wie man ihn eher Männern zuschreibt. Und Mare hat uns ins Bewusstsein gerufen, wie viele tolle weibliche Detectives uns in den letzten Jahren in ihren Bann zogen auf Netflix und Co.

Von warmherzigem Naturell und gnadenlosem Ermittlerinstinkt­

Mares burschikose Art hat ein grosses Vorbild: Polizeichefin Marge Gunderson (gespielt von Frances McDormand) im Kultfilm «Fargo» der Brüder Coen. Die Figur hat etwas Skurriles, wie die meisten Coen-Figuren. Und dafür lieben wir sie. Die Rolle von Deputy ­Molly Solverson (Allison Tolman) in der ersten Staffel der Serie «Fargo» ist eine Hommage an Marge Gunderson. «Fargo», sowohl Film als auch Serie, ist Krimi, Drama und schwarze Komödie in einem. Von der US-Kleinstadtatmosphäre und trockenem Humor lebt auch «Mare of Easttown».

Der Humor ist üblicherweise Garant dafür, weshalb wir britische Serien so lieben. Er nimmt den tragischsten Handlungsverläufen ein bisschen von ihrer Schwere. Eine Schauspielerin, die die Kombination aus Humor und menschlicher Wärme besonders einprägsam verkörpert, ist Olivia Colman.

Olivia Colmanerhielt 2019 den Oscar für die beste weibliche Hauptrolle

Olivia Colman
erhielt 2019 den Oscar für die beste weibliche Hauptrolle

In «Broadchurch» ist sie als Detective Sergeant Miller in einem Küstendorf mit dem Tod eines elfjährigen Jungen konfrontiert. An der Seite von Ser­geant Hardy (gespielt von David Tennant), einem Choleriker mit schottischem Akzent, tut die warmherzige, aber nicht etwa weniger bissige Miller einfach gut. Mit ihr würden wir liebend gern eine Tasse Tee trinken, aber ja nicht im Verhörraum sitzen.

Exakt dieselbe Wärme, gepaart mit einer kompromisslosen Härte, spüren wir bei Kate Winslets Mare in «Mare of Easttown»; besonders im Zusammenspiel mit ihrer Mutter Helen (gespielt von der wunderbaren Jean Smart). Die beiden leben im selben Haus – und geben sich gegenseitig aufs Dach. Gleichzeitig ist ihr Umgang von einer Nähe und Wärme geprägt, die diese Tochter-Mutter-Beziehung charakteristisch und authentisch wirken lässt. Wie aus dem Leben eben. Olivia Colman und Kate Winslet verleihen ihren nuancierten Figuren das Plus an Authentizität, das uns packt.

Polizistinnen werden in ­ ihrem Frausein erschüttert

Etwas skurril, vielleicht sogar verschroben, sicher sehr weiblich und mit einem Charme ausgestattet, bei dem wir nicht anders können, als uns in sie zu verlieben – das zeichnet solche weiblichen Ermittler aus. Und macht sie zu Identifikationsfiguren, mit denen wir mitdenken und mitfiebern. Das hat auch mit den Themen zu tun: Kinder als Opfer, Frauen als Opfer. Missbrauch, Sexualmord, Prostitution. Die These, dass Polizistinnen besonders häufig an solchen Fällen arbeiten, lässt sich mit vielen Beispielen bekräftigen. Was also machen Frauen anders? Und was macht das mit uns?

Wir assoziieren mit den Ermittlerinnen weibliche Eigenschaften wie Wärme, Mütterlichkeit und, vor allem, dass sie als Frau nicht nur mehr Verständnis aufbringen für weibliche Opfer, sondern auch den unbedingten Willen, den (meist männlichen) Täter zur Rechenschaft zu ziehen.

Beispiele hierfür sind die Netflix-Serien «Unbelievable» und «Delhi Crime», die beide auf Tatsachen basieren. Sowohl in der US-Miniserie über einen Serienvergewaltiger als auch in der indischen fiktionalisierten Aufarbeitung der Massenvergewaltigung in Delhi von 2012 greifen die Assoziationen beim Publikum zu Gunsten einer hohen Emotionalität, ohne dass die Geschichte an Glaubwürdigkeit verlieren würde. Die Tat scheint die Polizistinnen selbst in ihrem Frausein bis ins Mark zu treffen und zu verunsichern.

Shefali Shahspielt die Kommissarin Vartika Chaturvedi in Netflix` Delhi Crime.

Shefali Shah
spielt die Kommissarin Vartika Chaturvedi in Netflix` Delhi Crime.

Bild: Wiki / Bollywood Hungama

Das Muttersein als emotionaler Steigbügelhalter für Zuschauer

Detective Karen Duvall in «Unbelievable» (Merritt Wever, die einen noch stärkeren Eindruck hinterlässt als Toni Collette) und Kommissarin Vartika Chaturvedi in «Delhi Crime» sind nicht nur ganz normale Frauen, sondern auch Mütter. Dass Vartika eine Tochter im jungen Erwachsenenalter hat, ist für die emotionale Ebene der Geschichte entscheidend. Wenn weibliche Detectives Kinder haben, ist die Familie ein Thema – und wie sie Familie und Arbeit unter einen Hut bekommen.

Diesbezüglich hat sich das Genre parallel zu gesellschaftlichen Veränderungen weiterentwickelt, das Serienformat bietet einer differenzierten Figurenzeichnung mehr Raum. In der dänisch-schwedischen Produktion «Die Brücke» ist es sogar umgekehrt: Hier hat die schwedische Kommissarin keine Familie, ihr dänischer Kollege hingegen schon. Und ihr wird viel Platz eingeräumt.

Die Nordic-noir-Serie ist nur ein weiteres Paradebeispiel für eine weibliche Chefermittlerin, der die Herzen zufliegen. Sofia Helin spielt Saga ­Norén, eine Kommissarin mit Asperger-Syndrom. In Sachen Gespür und Durchhaltewillen kann ihr niemand das Wasser reichen. Dabei nimmt sie auf nichts Rücksicht, am wenigsten auf sich selbst. Sie entspricht eher dem Typ einsamer Wolf, ein für Kriminalkommissare etabliertes Klischee – das Frauen genauso gut steht.

So auch Detective Superintendent Stella Gibson in «The Fall». Stella, umwerfend gespielt von Gillian Anderson, bietet dem Serientäter eine Angriffsfläche allein dadurch, dass sie eine Frau ist. Wärme und Mütterlichkeit verbindet man zuerst einmal gar nicht mit ihr. Und «The Fall» ist, atypisch für eine britische Serie, komplett humorlos. Neben der Formel «mütterliche Attribute und Unnachgiebigkeit» übt auch die Paarung «Sexyness und Cleverness» einen grossen Sog aus.

2. Die Liste: Hier gibt es die weiblichen Kommissarinnen zu sehen

«Mare of Easttown» (2021) mit Kate Winslet von HBO, jetzt auf Sky Show.

Quelle: Youtube

«Fargo» (1996), der Film mit Frances McDormand. Ihn gibt es auf VoD-Plattformen wie Youtube on demand.

Quelle: Youtube

Natürlich nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen Serie (seit 2014), die ersten drei Staffeln gibt es auf Netflix.

Quelle: Youtube

«Broadchurch» (seit 2013) gibt's auf Netflix. Mit Olivia Colman als Detective Sergeant Miller.

Quelle: Youtube

Auch bei Netflix: «Unbelievable» von 2019.

Quelle: Youtube

Ebenfalls aus dem Jahr 2019: «Delhi Crime».

Quelle: Youtube

Natürlich, «Die Brücke» mit Sofia Helin (seit 2011), bei Netflix.

Quelle: Youtube

Und Gillian Anderson in «The Fall».

Quelle: Youtube