Sexuelle Belästigung
Schauspielerin Nikola Weisse über #MeToo: «Es muss doch möglich sein, selbstbestimmt seine Erotik zu leben»

Als Schauspielerin hat Nikola Weisse (80) jahrzehntelang Theater von innen erlebt. Ein Gespräch über übergriffige Männer, Machismo und die Mitschuld der Frauen.

Merken
Drucken
Teilen
Nikola Weisse: «Die alten Männer und ihr Verhalten werden langsam Geschichte.»

Nikola Weisse: «Die alten Männer und ihr Verhalten werden langsam Geschichte.»

Björn Jensen

Ein Gespräch zum Thema sexuelle Übergriffe, ausgerechnet während der Pandemie?, fragt Nikola Weise erstaunt am Telefon. «Momentan dürfen wir uns ja eh nicht mehr anfassen», sagt sie und lacht. Die Schauspielerin stand seit letztem November nicht mehr auf der Bühne.

Nikola Weisse, Sie stehen seit über sechzig Jahre auf deutschsprachigen Bühnen. Haben Sie als junge Schauspielerin sexuelle Übergriffe erlebt?

Ich habe zum Glück nur selten ins Beuteschema von Regisseuren und Intendanten gepasst. Wenn es in meinen jungen Jahren zu Annäherungsversuchen kam, dann handelte es sich häufig um Männer, die sich für eine bürgerliche Ehe entschieden hatten und nun hofften, bei der Theaterarbeit mal da­raus auszubrechen. Oft wurde das von den Ehefrauen sogar geduldet. Das Theater ist für mich immer ein Abbild der Gesellschaft gewesen, und in den 1960er-Jahren gab es nun mal diese männerdominierte Unternehmenskultur. Die Männer hatten an den Theatern das Sagen, präsentierten sich der weiblichen Belegschaft, wurden von ihr angehimmelt und hofften auf Erwiderung ihrer Avancen. An der Schauspielschule bekam man gesagt, man sei zwar talentiert, aber eine Entjungferung müsse dringend mal stattfinden. Der Begriff der Übergriffigkeit kam im Vokabular jener Zeit schlicht nicht vor. Es gehörte dazu. Man hat sich als Frau da irgendwie durchgewurstelt.

Hat man Strategien entwickelt, sich diesen Avancen zu entziehen?

Ich komme aus einem sehr katholischen Elternhaus und war in sexueller Hinsicht wahnsinnig naiv. Paradoxerweise hat mich das in den ersten Berufsjahren vor übergriffigen Regisseuren und Intendanten geschützt. Ich habe die Annäherungsversuche einfach ignoriert. Ein später sehr bekannter Schauspieler, der mir vor jedem Auftritt die Hand auf meinen Hintern legte, was ich ganz widerlich fand, sagte einmal zu mir: «Wenn du meinen und den Annäherungsversuchen deines Intendanten nachgeben würdest, könntest du richtig Karriere machen.»

Matthias Hartmann war ein Machtmensch auf allen Ebenen. Ich wollte keine Debütantin bei ihm gewesen sein. Wir wussten, dass er bei seinen Besprechungen manchmal das Büro abschloss.

Gab es diese beruflichen Nachteile dann wirklich?

Ich hatte das Glück, dass ich auch ohne solche Händel Engagements erhielt. Trotzdem habe ich manche Rolle nicht gekriegt, weil ich mich nicht auf alles eingelassen habe. Dieses Tauschgeschäft gab es und gibt es bis heute. Auch beim ehemaligen Schauspielhaus-Intendanten Matthias Hartmann war diese Praxis üblich. Ich sass, bevor er engagiert wurde, im Verwaltungsrat als Ensemblevertreterin. Wir hatten uns genau über ihn informiert und wollten ihn verhindern. Das war ein Machtmensch auf allen Ebenen. Ich wollte keine Debütantin bei ihm gewesen sein. Wir wussten, dass er bei seinen Besprechungen manchmal das Büro abschloss.

Ist dieser Missbrauch immer so offensichtlich?

Er kann sehr schlicht und provinziell daherkommen, und sich plump daran zeigen, dass ein junges Mädchen durch die Gänge läuft, das sich dann als Geliebte des Intendanten herausstellt, und der Rest der Belegschaft lacht darüber. Es geht aber auch subtiler. Auch hinter ironischem oder politischem Reden kann sich Machtmissbrauch verbergen.

War man nicht in den erotischen Kreidekreis eingebunden, hatte man oft das Nachsehen.

Sie kamen 1971 mit Horst Zankl ans Zürcher Neumarkt-Theater. Dort wurde Gleichberechtigung über flache Hierarchien gelebt. Auch heute werden die wieder gefordert. Hat das funktioniert?

Am Neumarkt waren wir zur Hälfte Frauen, zur Hälfte Männer. Das Ensemble hat gemeinsam über Spielplan und Besetzung bestimmt. Im Unterschied zu anderen Häusern hatten heimliche Liebschaften hier deshalb keinen Einfluss auf die Rollenbesetzung. Das war ganz anders als beim Regietheater, wo man, wenn man nicht in den erotischen Kreidekreis eingebunden war, manchmal doch das Nachsehen hatte. Ich will diese Zeit nicht verklären, aber sie war prägend und hat mich kritisch gemacht gegenüber dem, was so abgeht an den Stadttheatern.

Wann war aus Ihrer Sicht dieser Machtmissbrauch am häufigsten zu beobachten?

In den 1990er-Jahren! Das war die Zeit der Spassgesellschaft, des totalen Konsums. Die Ensembles verfielen, stattdessen wurden Stars eingeflogen und Gagen verhandelt wie auf dem Kuhmarkt. Es herrschte der nackte Kapitalismus, auch innerhalb der Kultur. Die Intendanten vereinigten viel zu viel Macht auf sich. Sie agierten wie die CEO von Unternehmen: Sie sollten alles richten. Wenn es klappte, kriegten sie einen Bonus hinterhergeworfen. Ging der Plan schief, gingen sie deswegen auch nicht in Konkurs, sondern waren weg. Intendanten wird eigentlich eine unmögliche Aufgabe aufgebürdet. Auch deshalb bin ich der Meinung, dass Ensembles und ihr Mitspracherecht wieder mehr gestärkt werden müssten, wie man das gerade am Schauspielhaus Zürich wieder versucht.

Zur Person

Die deutsche Schauspielerin und Regisseurin Nikola Weisse, 80, kann auf eine sechzigjährige Karriere auf deutschsprachigen Theaterbühnen zurückblicken. Die seit vielen Jahren in der Schweiz lebende Künstlerin arbeitet regelmässig mit Christoph Marthaler zusammen, in dessen Stück «Das Weinen (Das Wähnen)» sie letztes Jahr in Zürich auf der Bühne stand. 2014 erhielt sie den Schweizer Theaterpreis. Mit ihrem Solostück «Vaters Aktentasche» gastiert sie im April am Kurtheater Baden. Weisse ist Mutter zweier Kinder und lebt in Zürich. (jst)

Wir reden immer über Männer als Täter. Trifft die Frauen auch eine Teilschuld?

Dieser Wunsch, Regisseuren gefallen zu wollen statt den Charakter oder die Rolle zu suchen, ist leider weit verbreitet. Ich habe mich oft gefragt, warum keine Frau normal über eine Bühne laufen kann, warum da immer mit den Hüften gewackelt werden muss. Wir Frauen haben das dermassen internalisiert. Ich habe mich sehr intensiv mit dem Werk der französischen Schriftstellerin Marguerite Duras beschäftigt, auch ein Stück von ihr inszeniert. Die von ihr aufgeworfene Frage, wo eine Frau durch sich selbst erotisch sein kann, beschäftigt mich immer noch.

Wie sehr läuft man Gefahr, zur Mitläuferin zu werden?

Man hat sich oft geschützt, indem man einfach mitgemacht hat. Und ich finde, wir sollten endlich damit aufhören. Ich habe meine Kollegen oft gefragt, wa­rum sie bei Ausfälligkeiten eines Regisseurs einfach schweigen. Oft bekam ich zur Antwort: «Aber wenn ich mit ihm probe, ist es einfach wunderbar.» Diese Ambivalenz steckt in unserer Arbeit leider drin. Ich habe die letzten Jahre deshalb vor allem mit Regisseurinnen und Regisseuren zusammengearbeitet, die ein gutes Arbeitsklima schaffen.

Zerstören übergriffige Regisseure Karrieren?

Auf jeden Fall! Ich habe oft erlebt, dass junge Kolleginnen erst hofiert und dann von ihren Förderern und Liebhabern plötzlich fallengelassen wurden. Das sind belastende Erfahrungen, die den weiteren Verlauf einer Karriere stark beeinflussen können.

Schauspielerinnen und Schauspieler sind bis zum heutigen Tag für viele Regisseurinnen und Regisseure einfach nur Material. Der ganze Mensch ist nicht immer erwünscht.

Wir reden gerade pausenlos über Übergriffe, da drängt sich die Frage zwangsläufig auf: Wird Sexualität durch die #MeToo-Bewegung aus Ihrer Sicht unnötig pathologisiert?

Ein alter Freund von mir sagte mal den schönen Satz zu mir, es gebe heute keine Anmut mehr. Ich fand das ein schönes Bild. Rückblickend auf mein langes Leben finde ich: Liebe und Erotik gehören im Theater einfach dazu. Theater ist ein erotisches Gewerbe, Missbrauch läuft dort oft unterschwellig ab. Aber eine Frau sollte anmutig sein dürfen, ohne dass es gleich heisst, sie sei zu sexy. Es muss doch möglich sein, selbstbestimmt seine Erotik zu leben. Irgendwie haben wir Frauen das nie richtig gelernt.

Warum ist diese #MeToo-Debatte dennoch so wichtig für Sie?

Wenn ich heute auf jene früheren Jahre zurückblicke, sehe ich, dass diese Generation der alten Männer und ihr Verhalten langsam Geschichte werden. Auch wenn es für eine Künstlerin oder einen Künstler nicht leicht ist, ein ehrliches Leben zu führen und trotzdem anarchisch und frei zu sein: Auf die feudalen Machtstrukturen an den Theatern kann man getrost verzichten. Meine Tochter Lena Streiff hat sich aus dem Schauspielberuf irgendwann zurückgezogen, weil sie den Zynismus und die Kinderfeindlichkeit der Branche irgendwann nicht mehr ertrug. Sie lehnte mal ein Casting ab mit der Begründung: «Ich ziehe mich nur nackt aus, wenn ich weiss, wofür das auch gut sein soll.» Ich fand das sehr mutig von ihr. Schauspielerinnen und Schauspieler sind bis zum heutigen Tag für viele Regisseurinnen und Regisseure einfach nur Material. Der ganze Mensch ist nicht immer erwünscht. Auch das ist meiner Meinung nach eine Form von Missbrauch.

Nikola Weisse kommt mit ihrem Solostück «Vaters Aktentasche» über die Geschichte ihrer aus Pommern geflüchteten Familie am 7. und 8. April ans Kurtheater Baden.