Auf dieser Insel lernen die Kinder eine Pfeifsprache an der Schule – in einem neuen Film finden Mafiosi einen neuen Nutzen dafür

Auf der Kanareninsel La Gomera lernen Schulkinder eine alte Pfeifsprache als Pflichtfach. Im Film «La Gomera» nutzt die Mafia die Pfiffe als Geheimsprache.

Walter Gasperi
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Den gekrümmten Finger wie einen Pistolenlauf in den Mund in Richtung Ohr. Cristi (Vlad Ivanov) beim Üben der Pfeifsprache. Antonio Buil.

Den gekrümmten Finger wie einen Pistolenlauf in den Mund in Richtung Ohr. Cristi (Vlad Ivanov) beim Üben der Pfeifsprache. Antonio Buil.

Bild: Filmcoopi Bild: Filmcoopi

Auf das Spielerische von Corneliu Porumboius sechstem Spielfilm stimmt schon die Eröffnungsszene ein: Die Schifffahrt des Polizisten Cristi (Vlad Ivanov) von Teneriffa nach La Gomera wird musikalisch von Iggy Pops «The Passenger» begleitet. Auf La Gomera angekommen trifft Cristi auf Gilda (gespielt von Catrinel Marlon). Sie ist eine Anspielung auf Charles Vidors Film-noir-Klassiker «Gilda». Wie die Original-Gilda setzt Porumboius femme fatale auf ihre Verführungskünste und wickelt Cristi um den Finger.

Cristi soll auf der kleinen Kanareninsel La Gomera die Pfeifsprache der indigenen Bevölkerung lernen, um sich so in Bukarest verständigen zu können, ohne dass die Polizei über die omnipräsenten Überwachungskameras seinen Gesprächen folgen kann. Dort, auf der Insel im Atlantik, ist die Pfeifsprache sogar Pflichtfach an den Schulen. Die Kinder lernen neben Mathe Silbo Gomero, so heisst die Pfeifsprache.

Neben Gilda trifft er auf La Gomera seinen Pfeiflehrer Kiko (gespielt von Antonio Buil, siehe Interview rechts), der auch in die kriminellen Machenschaften verwickelt ist.

Die Spielerei mit dem doppelten Spiel

Das Spiel des Rumänen Porumboiu mit der Sprache und die Verwendung der Pfeifsprache erinnert an seinen eigenen Film «Police, Adjective». Gleichzeitig wird mit dem Wort «verpfeifen» gespielt. Während die Pfeifsprache der heimlichen Weitergabe von Nachrichten dient, geht es gleichzeitig immer wieder darum, dass Leute verpfiffen – also verraten – werden.

Denn einst hat der Matratzenfabrikant Zsolt, der als Geldwäscher für grosse Drogenhändler gilt und 30 Millionen Euro in seiner Fabrik versteckt haben soll, seinen Bruder wegen Drogenkonsums verpfiffen. Nun sitzt Zsolt selbst im Knast, weil er verpfiffen wurde, und gleichzeitig verpfeift Cristi die Mafiosi gegenüber seiner Chefin Magda, da sie ihn mit ihrem Wissen über seine Bestechlichkeit unter Druck setzt.

So spielt hier jeder ein doppeltes Spiel, zu allererst natürlich Porumboiu selbst, wenn er Film-noir-Muster nutzt, seine Figuren auch in ein ehemaliges Filmstudio führt und mit einen Showdown in einem Park ebenso wie mit einem billigen Motel als Unterschlupf mit klassischen Film Locations arbeitet.

Auch die Chronologie wirbelt Porumboiu durcheinander, schneidet in den Aufenthalt auf La Gomera frühere Ereignisse in Bukarest und wechselt immer wieder die Perspektive zwischen Polizei und Gangstern sowie dem sich auf beiden Seiten bewegenden Cristi. Gegliedert wird «La Gomera» durch Kapitel, die jeweils mit dem Namen der Figur, die im Folgenden im Zentrum stehen wird, überschrieben sind.

Lustvoll spielt Porumboiu auch mit der Musik, denn es bleibt nicht bei Iggy Pops «The Passenger», sondern im Motel läuft auf einem alten Plattenspieler immer Opernmusik. Vollends zum Spiel wird schliesslich das Finale im Singapurer «Garden of Bay» mit der «Garden Rhapsody», wobei der Donauwalzer in den Radetzky-Marsch und schliesslich in den Cancan aus Offenbachs «Orpheus in der Unterwelt» übergeht und im Rhythmus der Musik die von Neonlicht erhellten Türme aufleuchten.

Erzeugte Kälte und Distanz zu den Schauspielern

Die auf Spannung ausgerichtete Dramaturgie klassischer Krimis unterläuft Porumboiu gezielt, dekonstruiert gewissermassen den Film noir und macht die Bausteine und Muster in trocken-lakonischer Erzählweise sichtbar. Raffiniert ist das konstruiert und durchsetzt mit einigem Witz. Andererseits bringt das Spielerische auch eine Kälte mit sich, bleibt der Zuschauer distanziert, ist zwar gespannt, welche Wendung als Nächstes folgt, baut aber kaum eine emotionale Beziehung zu den Figuren auf, die als Marionetten in der Hand des Regisseurs erscheinen.

«La Gomera» (RU/FR/DE 2019, 97 Min.); R: C.Porumboiu. Jetzt im Kino (Luzern ab Donnerstag)

Hier geht es zum Trailer: