Zwischenruf
Rückt ein neuer Film über das Massaker von Christchurch die muslimischen Opfer in den Hintergrund?

Neuseelands Premierministerin Jacinda Ardern soll die Heldenfigur in einem geplanten Spielfilm sein. Muslime finden den Film pietätlos. Was hinter der Kontroverse steckt.

Daniel Fuchs
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Premier Jacinda Ardern nach dem Attentat.

Premier Jacinda Ardern nach dem Attentat.

Bild: Mark Baker/AP

Der Film gehört boykottiert, Schauspieler sollen von ihren Rollen zurücktreten: Nicht einmal gedreht, erzürnt ein Spielfilm bereits die Gemüter. Der Film des Anstosses thematisiert die Angriffe eines Rechtsextremen auf Moscheebesucher mit 51 Toten und Dutzenden von Schwerverletzten im neuseeländischen Christchurch vor zwei Jahren.

Viel zu früh, das Trauma sei nicht verarbeitet, lautete die Kritik. Kein Profit auf dem Rücken der Opfer, so die Forderung an die Adresse der US-Produktionsfirma. Und– vielleicht am wichtigsten – ins Zentrum eines solchen Films gehörten wenn schon die muslimischen Opfer und nicht eine weisse Premierministerin.

Diese heisst Jacinda Ardern, ihre Worte nach dem Massaker gingen um die Welt. «They are us», sagte Ardern und machte damit klar, der Angriff auf Muslime ist einer auf die neuseeländische Gesellschaft. «They Are Us» lautet auch der vorläufige Titel des Films.

Gerade hier ist ein «White Savior» fehl am Platz

Das Massaker führte zu einem Waffenverbot im Pazifikinselstaat. Die Intellektuellen, Angehörigen und sonstigen Kritiker des Films stellen Arderns Verdienste nicht in Abrede. Doch sie weisen darauf hin, dass ein Plot über die Taten eines weissen Rassisten, in dem die Reaktion einer weissen Politikerin im Zen­trum steht, die falsche Herangehensweise sei. Und sie haben recht: Gerade in dieser Geschichte ist ein «White Savior», eine weisse Erlöserfigur also, auf die eine Minderheit angewiesen ist, fehl am Platz.

Premierministerin Ardern ist die Heroisierung ihrer selbst nicht recht. Rasch stellte sie klar, vom Filmvorhaben nichts gewusst zu haben.

Mehr als eine einzelne Heldenfigur

Aufregung auf allen Ebenen also: Immerhin führte sie dazu, dass die Produzenten um Regisseur Andrew Niccol, selbst ein Kiwi, sich näher zum Projekt äusserten. Es gebe keinen alleinigen Helden in diesem Film, sagten sie. Vielmehr zeige er auf, «wie ein Kollektiv aus Neuseeländern mit diversem Hintergrund mit Einheit und Liebe» auf einen Akt des Grauens reagiert habe. Entgegen dem Twittertenor meldeten sich Muslimvertreter, sehr wohl in das Projekt einbezogen worden zu sein.

Ist es also möglich, dass die Reaktionen übertrieben ausfielen? Einen Film über ein solch schreckliches Verbrechen nur zwei Jahre nach der Tat zu drehen, mag verfrüht sein. Die Beurteilung eines Films, ehe man das Schlussprodukt gesehen hat, ist es aber ebenso.

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