Das andere Interview
Mike Müller: «Einige wenige reissen das Maul weit auf»

Mike Müller kennt man vor allem aus der Late-Night-Show «Giacobbo/Müller» und als Luc Conrad in der Krimi-Serie «der Bestatter». Ein Gespräch über Medien, den Service public und die Animositäten zwischen Aarau und Olten.

Dagmar Heuberger
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Der Oltner und die Aarauerin: Mike Müller und Dagmar Heuberger in der Aarauer Halde.Chris Iseli

Der Oltner und die Aarauerin: Mike Müller und Dagmar Heuberger in der Aarauer Halde.Chris Iseli

Chris Iseli

Für 16 Uhr sind wir im Restaurant Laterne in der Aarauer Altstadt verabredet. Jetzt ist es 16.05 Uhr – keine Spur von Mike Müller. Ob er den Termin vergessen hat? Dann eine Mail: «Ich habe in Zürich den Zug verpasst und leider 10 Min. Verspätung. Herzlich Mike Müller». Tatsächlich: Zehn Minuten später ist der «Bestatter» da.

Willkommen in Aarau, Mike Müller! Wurde der «Bestatter» auf dem Weg vom Bahnhof in die Altstadt von Fans begrüsst?

Mike Müller: Ob mich jemand erkannt hat, weiss ich nicht. Jedenfalls wurde ich nicht aufgehalten. Und es gab auch keine Selfies.

Mögen Sie keine Selfies?

Es gibt Situationen, in denen das in Ordnung ist und mich nicht stört. Und es gibt Situationen, in denen ich es lieber nicht mache. Zum Beispiel, wenn ich mich beeilen muss, weil ich zu spät zu einem Interview komme.

Das andere Interview

In den Festtagswochen veröffentlicht die «Nordwestschweiz» eine Serie spezieller Interviews. Spezialisten der Redaktion befragen bekannte Persönlichkeiten aus ihnen eigentlich fremden Bereichen. Der Opernspezialist trifft auf den Eishockeytrainer. Der Sportchef spricht mit der «Tatort»-Kommissarin. Die Kunstexpertin will von der Bundespräsidentin wissen, in welchen Situationen sie gerne ein Mann wäre ... Entstanden sind acht etwas andere Interviews.

Werden Sie denn manchmal von fremden Leuten angesprochen?

Ja natürlich, wenn man in der Schweiz Fernsehen macht, muss man damit rechnen. Aber als Komiker ist man da eher auf der Sonnenseite. Wenn ich daran denke, was Politiker in Sachen Beschimpfungen aushalten müssen, ist das alles sehr human.

Uns Journalisten geht es manchmal ähnlich: Wir werden in Mails oder Online-Kommentaren beschimpft.

Bei den Online-Kommentaren sind die Zeitungen selber schuld, wenn sie das zulassen. Online-Kommentare sind für die Verleger vor allem eine Möglichkeit, Clicks zu generieren. Man lässt die User die Zeitung schreiben. Davon halte ich gar nichts. Denn diese Online-Kommentare gaukeln eine Wirklichkeit vor, die es in diesem Ausmass nicht gibt. Deshalb liegt es in der Verantwortung der Verleger, diese Wirklichkeit auf ein Mass zurechtzustutzen, das ihr tatsächlich zukommt. Und im Moment ist dieses Mass viel zu gross. Einige wenige reissen das Maul weit auf und haben dann die Deutungshoheit.

Höre ich da eine Spur Kritik an den Medien?

Ja natürlich, sehr. Ich bin auch gegenüber der SRG kritisch. Dieses Online-Gfotz gibt es bei der SRG ja auch. Auf der Website von Giacobbo/Müller haben wir es sofort abgestellt.

Ich bin ein News-Junkie und kann nie genug Nachrichtensendungen sehen. Wie ist das bei Ihnen?

Ich schaue auch in erster Linie News. Das gehört zu meinem Job. Ich muss Nachrichtenbilder suchen, die man dann auf eine dreckige Art missbrauchen kann.

Also auch schmutzig – wie die Online-Kommentare.

Ja, dazu stehe ich (lacht). Das ist das Geschäft der Satire. Aber wir wissen wenigstens, was wir machen. Die Frage ist jeweils, ob es uns gelingt.

Die Gesprächspartner

Mike Müller (52) ist Schauspieler und Komiker. Er ist in Olten aufgewachsen, lebt aber seit vielen Jahren in Zürich, wo er unter anderem am Schauspielhaus spielte. In den letzten Jahren trat er vor allem im Casinotheater Winterthur und im Theater am Neumarkt auf. Am Fernsehen ist er ein Teil von «Giacobbo/Müller», und in der Krimi-Serie «Der Bestatter» spielt er die Titelfigur Luc Conrad. Die neue Staffel startet am Dienstag, 5. Januar.
Dagmar Heuberger (60) ist Auslandredaktorin. Am Fernsehen schaut sie vor allem Nachrichtensendungen, Talkshows, Krimis und Serien. Sie ist überzeugte Aarauerin, hat aber auch eine Schwäche für den Kanton Solothurn.

Und ausser Nachrichtensendungen?

Sehr gerne Dok-Filme – und Serien auf Netflix. Ich finde allerdings, dass auch SRF ein sehr gutes Angebot an eingekauften Serien hat. Das ist ein Glücksfall, weil wir ein kleiner Markt sind und zu vernünftigen Preisen gute Serien einkaufen können – «House of Cards» zum Beispiel, «Sex and the City», «Desperate Housewives».

«Borgen», diese dänische Serie.

Genau. Die Dänen haben gezeigt, wie man auch mit kleineren Budgets gute Serien machen kann. Allerdings sind diese Budgets immer noch grösser als beim «Bestatter».

Das ist gegenwärtig ein wichtiges Thema in der Debatte um das Schweizer Fernsehen: Gehört Unterhaltung zum Service public?

Diese Diskussion wird man führen müssen. Hier hat bei den Bürgerlichen eine ganz eigenartige Trendwende stattgefunden. Jahrelang haben sie von den staatlichen Institutionen verlangt, dass sie sich wie die Privatwirtschaft verhalten sollen. Dass das Fernsehen sich ebenfalls der Konkurrenz stellen muss und Filme und zum Teil auch Shows nicht mehr selber produzieren, sondern an Private vergeben soll. Und jetzt, da das Fernsehen das macht, ist es auch wieder nicht recht. Diese Art von bürgerlicher Politik ist aus meiner Sicht etwas vom Unzuverlässigsten, das es in diesem Land gibt.

Was spricht dafür, dass Unterhaltung zum Service public gehört?

Man muss rechtfertigen, weshalb der grosse Sender SRF, der mittlerweile über eine Steuer alimentiert wird, Unterhaltung im Programm haben muss. Weil nämlich ein grosser Sender nur eine Chance hat, wenn er ein Vollprogramm bietet. Das muss man den Damen und Herren von der «Aktion Medienfreiheit» einmal um die Ohren schlagen. Das Gute an unserem System ist allerdings, dass die Politik – wie in England und anders als etwa in Deutschland – nicht direkt im Sender sitzt. Das war eine kluge Idee und ich hoffe, dass das so bleibt. Ich weiss, dass rechtsbürgerliche Kreise das ändern möchten. Sie wollen direkten Einfluss auf die Redaktionen nehmen. Natürlich ist es bei der SRG nicht die gleiche Unabhängigkeit wie bei einem privaten Medienhaus. Aber auch ein privates Medienunternehmen hängt von einem Verleger ab. Trotzdem ist diese Unabhängigkeit für uns sehr, sehr wichtig.

Inwiefern konkret?

Zum Beispiel bei Giacobbo/Müller: Weder bei ARD, ZDF noch bei RTL oder Sat 1 könnte man sich in einer Late-Night-Show über den Vorstand lustig machen. Oder man könnte es nur einmal machen ...

... und würde am folgenden Tag entlassen.

Genau.

Schauen Sie sich deutsche Satire-Sendungen an?

Ja sicher. Die «Heute Show» zum Beispiel, oder «Neues aus der Anstalt».

Was halten Sie davon?

Die sind in der Regel sehr gut, aber ich habe auch schon langweilige Ausgaben gesehen. Die kochen auch nur mit Wasser, wie wir auch. Und es ist ein anderes System als bei uns: Die «Heute Show» ist viel kürzer als «Giacobbo/Müller», und vor allem sind diese beiden deutschen Satire-Sendungen «scripted».

Wie muss man das verstehen?

Bei Giacobbo/Müller arbeiten wir mit Stichworten. Wir haben keinen Teleprompter, deshalb müssen wir nicht ständig in die Kamera schauen. Bei der «Heute Show» ist dagegen alles vorgeschrieben. Selbst bei Dialogen am Tisch schauen sie einander nicht an, sondern in den Teleprompter.

Wie ist das, wenn Sie sich solche Sendungen anschauen: Denken Sie dabei ständig an Ihre Arbeit?

Manchmal schon, aber nicht dauernd. Es ist für mich in erster Linie Unterhaltung. Natürlich gibt es eine gewisse déformation professionelle. Da denkt man dann: Das haben sie jetzt super hingekriegt.

Sie holen sich keine Inspirationen oder Anregungen?

Nein, das geht nicht. Erstens ist klauen verpönt, und zweitens würde es gar nicht funktionieren. Aber es ist natürlich interessant, zu beobachten, wie andere es machen. Die «Heute Show» geht zum Beispiel hervorragend mit Fernsehbildern um. Durch die Vielzahl der Nachrichtensender in Deutschland haben sie aber – anders als wir – natürlich auch eine Riesenauswahl an Bildmaterial.

Reden wir über den «Bestatter». Am 5. Januar startet die vierte Staffel. Freuen Sie sich darauf?

Natürlich freut man sich, wenn es endlich gesendet wird. Aber die Hauptarbeit findet für mich im Sommer statt, wenn wir die Serie drehen, und vorher, bis die Drehbücher drehfertig sind. Da gibt es eine Menge Probleme zu bedenken und zu lösen. Man weiss nicht, ob eine Szene wirklich funktioniert. Das sieht man manchmal erst beim Drehen oder sogar erst beim Schnitt. Und ganz am Schluss ist man natürlich gespannt, wie es beim Publikum ankommt.

Der «Bestatter» lief – Hochdeutsch synchronisiert – auch im Westdeutschen Rundfunk (WDR). Ist er dort gut angekommen?

Den Erwartungen entsprechend.

Was heisst das konkret?

Guter Durchschnitt: Das, was auf diesem Sendeplatz mit einer eingekauften Serie zu erwarten war.

Es wurde kritisiert, dass die hochdeutsche Fassung unecht wirkt.

Das ist sehr interessant. Denn die Serie wurde ja nicht für Schweizer Zuschauer synchronisiert, die sie hier in Dialekt gesehen haben, sondern für die Zuschauer im – recht grossen – Sendegebiet des WDR. Entscheidend ist somit, was die Deutschen dazu sagen würden.

Haben Sie den Luc Conrad eigentlich selber synchronisiert?

Nein. Synchronsprecher ist ein anderer Job.

Bei vielen Schweizer Schauspielern klingt das Hochdeutsche immer ein wenig unecht. Und oft hört man den Schweizer Akzent trotzdem heraus.

Einem Schweizer treibt man schon an der Schauspielschule den Akzent aus. Bei den Österreichern oder den Bayern ist das merkwürdigerweise nicht der Fall. Die sprechen mit Akzent und es ist kein Problem, wenn zum Beispiel Tell am Burgtheater einen österreichischen Akzent hat und Gessler ein Hamburger ist, dem man seine Herkunft anhört.

Schweizer hingegen dürfen nicht mit Schweizer Akzent sprechen.

Ja, denn die hochdeutsche Sprache mit Schweizer Akzent existiert einfach nicht. Die gibt es nur in der Schule, in der Politik, vor Gericht und in der Kirche; aber nie im Alltag. Doch auch wenn man auf der Bühne Schweizerdeutsch spielt, ist es immer eine künstliche Sprache. Obwohl es das Ziel ist, dass es unmittelbar, locker und natürlich wirkt – es ist dennoch künstlich. All die «ähms» und «ähs» auf der Bühne – das ist alles gespielt.

Haben Sie Aarau schon gekannt, bevor Sie hier den «Bestatter» gedreht haben?

Natürlich. Als Oltner ...

Gerade für einen Oltner ist das überraschend!

Stimmt (lacht). Ich staune immer wieder, wie wenig Austausch es zwischen den Städten am Jurasüdfuss gibt.

Ich bin in Aarau aufgewachsen....

... und Sie waren nie in Olten.

Doch. Aber in meiner Jugend hiess es: Nach Olten geht man nicht. Galt das umgekehrt auch: Nach Aarau geht man nicht?

Nun ja, ich bin in Olten aufgewachsen und nach Aarau ins Kino gegangen, weil damals hier die Filme unsynchronisiert gezeigt wurden. Manchmal gingen wir auch nach Aarau in den Ausgang. Oder man schaffte es mit dem Velo bis in den Schachen.

Immerhin.

Eben! Im Studium lernte ich dann Kommilitonen aus Aarau kennen und später habe ich in Aarau gespielt: Im KiFF, in der Tuchlaube, im Saalbau. Und irgendwann merkt man, dass es diese Regionalismen überall in der Schweiz gibt. Als Gegenstand der Komik ist das tipptopp, aber ernst nehmen muss man es nicht.

Von ihnen ist immer als «der Oltner Mike Müller» die Rede. Dabei wohnen Sie schon lange in Zürich.

Das hängt sicher damit zusammen, dass wir bei «Giacobbo/Müller» sehr bewusst damit spielen. Komiker arbeiten mit den Mitteln, die ihnen zur Verfügung stehen. Bei uns ist das einer aus Winterthur, der alt ist und grosse Ohren hat. Und ein anderer aus Olten, der zu dick ist und – lange sagte man: jung ist. Aber jetzt, mit meinen grauen Haaren, passt «jung» nicht mehr.

Fühlen Sie sich noch als Oltner?

Nun, ich spreche immer noch Oltner Dialekt, meine Eltern leben in Olten und meine alten Freunde vom Theaterstudio Olten sind auch immer noch in Olten. Der Bezug ist also durchaus vorhanden. Und der Dok-Film über die A1, der im März ausgestrahlt wird, hat auch einen Bezug zu Olten. Aber ich bin nicht mehr so oft dort.

Sie haben Philosophie studiert ...

... richtig ...

... ich habe Geschichte studiert. Als ich mich für den Journalismus entschied, war mein Vater etwas enttäuscht. Er meinte, dafür hätte ich nicht studieren müssen. Wie haben Ihre Eltern reagiert, als Sie sich der Schauspielerei zuwandten?

Mein Vater sagte: Buben, ihr könnt alles machen – ausser Polizist. Und das war sehr ernst gemeint.

Weshalb denn?

Ich weiss es nicht genau. Er hat sich wegen der Bussen so geärgert. Im Ernst: Wir hatten absolute Freiheit zu machen, was wir wollten. Vermutlich – so ganz sicher bin ich mir nicht – gab es mal eine Phase, in der sich meine Eltern fragten, ob es so klug ist, in der freien Theaterszene rumzugurken. Denn ökonomisch ist das immer eine eher unsichere Sache.

Wie haben Sie sich abgesichert?

Ich habe unterrichtet – an der Berufsschule, lange Englisch an einer Oberstufe. Denen, die mir sagten, sie seien professionelle Schauspieler, sagte ich, ich sei eben nicht so professionell. Denn eigentlich kann man von der freien Szene allein nicht leben. Und so bin ich ein Freiberufler geblieben.

Haben Sie im Philosophiestudium etwas gelernt, das Ihnen heute noch nützt?

Ich habe dort viel gelernt. Denn in der Philosophie wird einem – viel mehr als bei anderen Studienrichtungen – am Ende des Studiums erst so richtig bewusst, wie wenig man eigentlich weiss. Am Anfang verzweifelt man, weil man es nicht versteht. Mit der Zeit versteht man es besser, aber man merkt, wie wenig man gesamthaft versteht.

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