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Nach «McCartney 3, 2, 1» hört man die Beatles mit anderen Ohren

Ein Gespräch zwischen zwei Musiklegenden genügt, um die Hulu-Serie «McCartney 3, 2, 1» zum Ereignis zu machen.

Regina Grüter
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Die Chemie zwischen Paul McCartney (rechts) und dem US-amerikanischen Musikproduzenten Rick Rubin stimmt.

Die Chemie zwischen Paul McCartney (rechts) und dem US-amerikanischen Musikproduzenten Rick Rubin stimmt.

Zwei alte Männer diskutieren über Musik. Den einen muss man nicht vorstellen: Paul McCartney, 79-jährig, Ex-Beatle mit langer Solokarriere. Den anderen eigentlich auch nicht, nur kennt man sein Gesicht nicht so. Aber beim Namen klingelt’s in den Ohren: Rick Rubin! Was hat der Mann für Alben produziert: «Licensed To Ill» von den Beastie Boys, «Reign In Blood» von Slayer, «Blood Sugar Sex Magik» von den Red Hot Chili Peppers… Mit dem langen weissen Bart, die verbleibenden Haare auch weiss und lang, sieht Rubin älter aus, als er ist: 58, also rund zwanzig Jahre jünger als McCartney.

Die Hulu-Serie «McCartney 3,2,1» beginnt in medias res, ohne Vorgeplänkel. Die beiden stehen in einem grossen Raum mit einem Mischpult und einem Klavier. Sonst ist da nichts. Ästhetisch die Inszenierung in kontrastreichem Schwarz-Weiss. Es ist eher dunkel im Raum, in dem unsichtbare Kameraleute, Licht- und Soundtechniker herumschwirren. Einmal sieht man die Crew, wenn McCartney und Rubin das Zimmer wechseln. McCartney greift sich eine Akustikgitarre und spielt seinen ersten Song überhaupt, entstanden in den frühen Teenagerjahren. «Pretty little song», meint McCartney in Anerkennung seines jungen Musiker-Ichs.

Er spielt etwas ab und fragt: Wie habt ihr das gemacht?

Musikdokus stehen im Moment hoch im Kurs, diese aber übersteigt aktuelle wie «This Is Pop» bei weitem, und auch «Watch The Sound With Mark Ronson» (worin Paul McCartney ebenfalls auftritt). Was macht «McCartney 3,2,1» so besonders? Es ist erst einmal die Entscheidung, dass zwei Vollblutmusiker und ein bisschen Archivmaterial genügen. Die Serie ist nicht nur etwas für Beatles- oder McCartney-Fans, sondern hat alle, die sich für Musik interessieren, nach den ersten Minuten im Sack. Und das bleibt auch so.

Die drei Stunden sind in sechs dreissigminütige Häppchen portioniert, die sich formal in nichts unterscheiden. Ausgehend von Songs von den Beatles, den Wings («Live And Let Die»), Paul McCartneys 70er-Jahre Rockband, und wenigen aus seiner Solokarriere verwickelt Rubin sein Gegenüber in ein Gespräch. Er spielt etwas ab und fragt: Wie seid ihr darauf gekommen? Wie habt ihr das gemacht? Wie habt ihr zusammengearbeitet? Thema ist auch die Trennung, und wie Paul McCartney zurückgezogen in Schottland im Alleingang erste eigene Songs aufgenommen hat. Aber Rubin ist respektvoll und zurückhaltend, er gräbt nicht zu tief. Dem Produzenten geht es in erster Linie darum, wie sich die Beziehungen auf McCartneys Musik ausgewirkt haben, wie es zu kreativen Entscheidungen kam und woher die Einflüsse stammten, welche die Beatles zu neuem, innovativem und oft zeitlosem Sound inspirierten. Fela Kuti, Little Richard, The Everly Brothers – McCartney erweist vielen Reverenz.

Auseinandernehmen, dekonstruieren, zerlegen

Die beiden nehmen die Songs oder besser einzelne Elemente auseinander: die Piccolotrompete, die sich in «Penny Lane» in unerreichte Höhen schwingt (Inspiration: das Zweite Brandenburgische Konzert von Bach); «Come Together», eine verlangsamte Version von Chuck Berrys «You Can’t Catch Me». Auch der Kontrapunkt Lennon–McCartney wird schön analysiert.

Die Serie bietet unzählige solcher erbauender und erhellender Momente. Immer wieder führt Rubins Neugier, Begeisterung und untrügliches musikalisches Gehör dorthin.

Wie etwa, wenn er sich fasziniert zeigt von Basslinien der Beatles und der Wings, und Sir Paul davon erzählt, wie ihn das melodische Spiel des Motown-Bassisten James Jamerson umgehauen habe. Man sieht und hört ihn denn auch gleich, Jamerson, im Zusammenspiel mit Marvin Gaye.

McCartney und Rubin bilden in diesen drei Stunden Interaktion einen kreativen Raum aus persönlich gefärbten Erinnerungen, musikalischem Wissen und Know-how sowie Anekdoten (von denen die meisten bekannt sein dürften) und bitten das Publikum mithinein. Sie bewegen sich im Rhythmus, wippen mit dem Kopf, und Paul McCartney spielt auch mal ein Lick auf der Luftgitarre.

Es brauchte einen Mann wie Rick Rubin, um das Genie Paul McCartneys zutage zu fördern. Danach hört man seine Musik mit anderen Ohren.

«McCartney 3,2,1», 6 Episoden à 30 Minuten, auf Disney+.

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