Schauspielerin
Madame unerschütterlich: eine Begegnung mit der faszinierenden Isabelle Huppert

Körperliche und psychische Gewaltakte sind ihr Spezialgebiet: Isabelle Huppert, die im Februar 2017 ihre erste Oscar-Nomination erhielt («Elle»), ist in «Happy End» von Michael Haneke Teil einer abschreckenden Grossfamilie.

Hans Jürg Zinsli
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Isabelle Huppert (64): Souverän, leise und ausgesprochen wählerisch.

Isabelle Huppert (64): Souverän, leise und ausgesprochen wählerisch.

REUTERS

Beim Interviewtermin wirkt die 64-jährige Französin souverän, leise, aber auch ausgesprochen wählerisch, was die Fragen betrifft.

Wenn sie einen Raum betritt, dann mit der unerschütterlichen Art einer Herrscherin. Wobei eine Herrscherin in der Person von Isabelle Huppert niemals laut oder gebieterisch wird, niemals abweisend oder gelangweilt wirkt, niemals lacht oder Floskeln bemüht, sondern mit dezenter Eleganz über die anwesende Journalistenschar gebietet. Kaum zu glauben, dass die französische Ausnahmeschauspielerin als Kind so schüchtern gewesen sein soll, dass sie kaum zu sprechen wagte.

Zum Interview im klotzigen Majestic-Barrière-Hotel in Cannes erscheint Madame Huppert in dunkler Hose und schlichtem T-Shirt. Auffälligstes Accessoire ist ein Goldkettchen am Handgelenk, das vibriert, wenn die Schauspielerin ihre Ausführungen mit einer Handbewegung unterstreicht, die Schultern hochzieht, sich über Stirn und Haare fährt. Sogar wenn sie den Zeigefinger in den Mund nimmt, wirkt das noch annähernd gepflegt.

«Happy End»

Zuerst wird ein Hamster vergiftet, dann will der Grossvater (Jean-Louis Trintignant) aus dem Leben scheiden – und stets ist da ein Teenager (Fantine Harduin), der das mit dem Smartphone dokumentiert.

Ja, es weht ein eisiger Wind, wenn Michael Haneke eine Bauunternehmerfamilie aus Calais seziert. «Happy End» beginnt symbolträchtig mit dem Einsturz einer Baustelle, worauf Firmenchefin Anne (Isabelle Huppert) den Verkauf des Unternehmens in die Wege leitet. Aber alles Tun und Wirken nützt nichts, da keine der Figuren einen Anflug von Nächstenliebe erkennen lässt.

«Happy End» ist eine Art Best-of Michael Haneke. Der österreichische Regisseur präsentiert bürgerliches Desinteresse als Panorama des Schauderns. Neu ist höchstens der Blick über die Grenzen: Während die Grossfamilie ihren eigenen Untergang befeuert, schauen Flüchtlinge dem Treiben fassungslos zu.


«Happy End» von Michael Haneke mit Isabelle Huppert. Ab heute im Kino.

Vierter Film mit Michael Haneke

«Happy End» ist der vierte Film, den Huppert mit Michael Haneke gedreht hat – nach «La pianiste» (2001), «Le temps du loup» (2003) und «Amour» (2012). Der jüngste Film handelt von einer dysfunktionalen französischen Grossfamilie (siehe Box), und die Frage liegt auf der Hand, ob die erneute Zusammenkunft mit dem österreichischen Regisseur auch eine Art Familientreffen war? «Haneke ist ein grosser Teil meines Lebens – und umgekehrt. Was den Film betrifft: Ich glaube, jede Familie ist im Grunde abnormal. Es gibt immer Spannungen.» Warum? «Vielleicht, weil alle Liebe und Zuneigung suchen?»

Huppert mag es, ihre Sätze in Fragen ausklingen zu lassen. Sie spricht englisch, da die Journalistenrunde aus drei verschiedenen Kontinenten stammt. Dabei fällt auf, dass Huppert ein sehr französisches Englisch spricht. Sie sagt «fönny» statt «funny». Das verwundert, denn die Französin war oft in US-Filmen zu sehen, sprach allerdings auch da selten akzentfrei. «Ich arbeitete mit Michael Cimino, Hal Hartley, Curtis Hanson und David O. Russell. Als Nächstes drehe ich mit Neil Jordan. Not bad, no?»

Tatsächlich gibt es wenige europäische Schauspielerinnen, die ein solches Werk vorweisen können. Kommt hinzu: Huppert erhielt im Februar 2017 dank Ex-Hollywood-Regisseur Paul Verhoeven ihre erste Oscar-Nomination: «Elle» hiess der Film und war eine meisterhafte Provokation. Huppert spielt darin ein Vergewaltigungsopfer, das sich nicht kleinkriegen lässt, sondern ihr Umfeld wie ein Miststück mit Betongesicht terrorisiert. Lassen sich Regisseure wie Verhoeven und Haneke vergleichen? «Ja», sagt Huppert, «beide haben denselben Sinn für Humor. Sie zeigen die fürchterlichsten Dinge und schrecken auch vor Ironie nicht zurück. Ich war glücklich, als ich die beiden miteinander bekannt machen durfte.»

«Das kommentiere ich nicht»

Glücklich? Manch einer denkt bei einem solchen Rencontre eher an ein Gipfeltreffen in der Hölle, aber Huppert meint das so, wie sie es sagt. Da ist nichts Gekünsteltes, nichts Verstelltes, auch dann nicht, wenn ihr gewisse Fragen nicht in den Kram passen. Zum Beispiel wenn ein Journalist wissen möchte, wie sie über das Verhältnis von herkömmlichem Kino gegenüber Streamingplattformen à la Netflix denkt. «Dazu habe ich keine Meinung», sagt sie trocken. Oder wenn man auf das Thema Sterbehilfe zu sprechen kommt, das in «Happy End» ausführlich verhandelt wird. «Das kommentiere ich nicht.»

Wie Huppert das tut, ist allerdings faszinierend. Tief in ihr drin scheint ein Reflex zu sein, der unterscheidet zwischen Fragen, die für sie bestimmt sind, und Fragen, die nicht für sie bestimmt sind. Trifft Letzteres zu, schaut sie in die Runde und wartet, bis das nächste Thema angeschnitten wird – um im besten Fall doch noch ausführlicher zu werden. Etwa wenn sie über das Verhältnis zwischen Fiktion und Realität referieren kann. «Haneke macht Spielfilme, die so dokumentarisch wirken, dass man als Zuschauer fast vergisst, dass es sich um Fiktion handelt.» Das sei vor allem in körperlicher Hinsicht herausfordernd. «Man muss etwas glaubhaft machen, was offensichtlich nicht glaubhaft ist.» Als Beispiel nennt Huppert jene berühmte Schlussszene aus «La pianiste», in der sie sich im Konzertfoyer ein Küchenmesser in die Schulter rammt. «Diese Szene mussten wir 45 Mal drehen. Erst dann wirkte sie echt.»

Der Interviewtermin neigt sich dem Ende zu, Huppert wird langsam einsilbig. Aber dann möchte ein Journalist wissen, wie sie als 64-Jährige mit dem Altern klarkommt: «Ist das ein Problem für Sie?» Die Schauspielerin zögert keine Sekunde, schnellt wie eine Feder aus dem Stuhl, gibt dem Fragesteller einen kräftigen Klaps auf den Arm und fragt zurück: «Und für Sie, mein Freund, wie ist das für Sie?»