Kino
Neuer Film von Bettina Oberli: Statt Dessous von alten Frauen gibt es nun Sex in der Altenpflege

«Die Herbstzeitlosen» waren 2006. «Wanda, mein Wunder» von Bettina Oberli dreht sich um eine polnische Pflegekraft. Das birgt Überraschungen.

Daniel Fuchs
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Idyllisch ist in dieser Familie – zeigt sich bald einmal – wenig.

Idyllisch ist in dieser Familie – zeigt sich bald einmal – wenig.

Filmcoopi

Für ihren bettlägerigen Gatten hat Elsa ein Babyfon angeschafft. Wanda, die wiederholt für ein paar Wochen aus Polen angereiste Pflegerin, soll sich nun selbst in der Nacht um Josef kümmern, der seit einem Hirnschlag ein Pflegefall ist.

In ihrem Dienstkämmerlein im Keller der Villa ihrer Arbeitgeber an der Zürcher Goldküste merkt sie fortan sofort, wenn Josef etwas braucht. Sei es auch Sex gegen Geld. Und zu unsentimentalem Geschlechtsverkehr, den es gegen ein Tausendernötli gibt, ist Wanda immer wieder bereit.

«Ein Engel ist in meinem Zimmer», so empfindet Josef (André Jung) die Anwesenheit der Pflegerin Wanda (gespielt von Agnieszka Grochowska.

«Ein Engel ist in meinem Zimmer», so empfindet Josef (André Jung) die Anwesenheit der Pflegerin Wanda (gespielt von Agnieszka Grochowska.

Bild: Filmcoopi

Die heilsame Kraft des Vaterwerdens

Oberklischiert, wenig überraschend, denkt man sich zu Beginn der streng chronologisch erzählten Geschichte von Bettina Oberli, «Wanda, mein Wunder». Und erlebt sein eigenes Wunder. Wie Josef, der plötzlich wieder stehen kann, als er erfährt, dass Wanda Mutter wird, und das Kind von ihm ist.

Nach den «Herbstzeitlosen», der 2006 in die Kinos kam und mit fast 600'000 Eintritten das zweitbeste Ergebnis aller Zeiten für einen Schweizer Film erreicht und für Traumzahlen bei TV-Ausstrahlungen gesorgt hat, legte Bettina Oberli vergangenen Herbst ihre zweite Tragikomödie vor.

Am Zürcher Filmfestival feierte «Wanda, mein Wunder» Weltpremiere. Nun, pandemiebedingt später als geplant, startet «Wanda, mein Wunder» endlich im Kino.

«Wanda» kommt subtiler als «Die Herbstzeitlosen» daher, für den es die herzhafteren Lacher gab wegen seiner Affiche: Alte Frau verkauft im verklemmten Emmentaler Dorf Dessous.

Ein Star-Ensemble, das immens Spass bereitet

Vordergründig dreht sich «Wanda» um eine Gastarbeiterin, die wegen des ökonomischen Gefälles zwischen der Schweiz und ihrer Heimat Polen von einer vermögenden Familie in der Schweiz ausgenützt wird.

«Man spricht bei diesem Modell gerne von einer Win-win-Situation», sagte Oberli über ihren Film. Die Familie spart Geld, der pflegebedürftige Angehörige muss nicht ins Heim, die Pflegerin verdient hier viel mehr als in ihrer Heimat. «Aber das ist eine zu einseitige Sicht. Wir blenden aus, dass diese Frauen ein Privatleben haben, eine eigene Familie, einen Alltag, den sie aufgeben müssen, und dass zu Hause das Geld dennoch knapp bleibt. Der Gewinn ist also sehr einseitig verteilt», so Oberli.

Dass «Wanda, mein Wunder» eben gerade nicht moralisierend auf diesem ethischen Konflikt herumreitet, ist sein grosses Verdienst. Rasch wird nämlich klar: Die Pflegerin Wanda mag zwar für Geld ausgenützt werden, sie bleibt aber Herrin ihrer selbst – und dreht den Spiess um. Bald weiss man als Zuschauer nicht mehr, wer überhaupt in wessen Abhängigkeit steht. Wandas intime Einblicke in die Familienstruktur ihrer Arbeitgeber ermöglichen ihr jedenfalls so einiges.

Da ist neben Mutter Elsa (gespielt von Marthe Keller) und Vater Josef (André Jung) vor allem das Geschwister-Duo Gregi und Sophie (Jacob Matschenz, Birgit Minichmayr) und Sophies Mann zu erwähnen, der von Anatole Taubmann gespielt wird. Die Schwangerschaft lässt auf einen Schlag Geheimnisse und Konflikte an die Oberfläche treten, die sehr unbequem sind. Und dann taucht auch noch Wandas Familie aus Polen auf. Wer kriegt das Kind? Wer das Geld? Und wer verlässt die Villa am Zürichsee frustriert?

Träfe Sprüche für die Ewigkeit

«Wanda, mein Wunder» ist gespickt mit subtilen Gemeinheiten, tragikomischen Momenten und Sprüchen für die Ewigkeit. «Dich schläfern wir doch auch nicht ein», entgegnet Elsa ihrem Mann, als dieser den inkontinenten Hund Mephisto am liebsten beseitigt haben möchte.

Zurückhaltender sind der Soundtrack und die Bildsprache. Und ermöglichen so kurze Ausbrüche, etwa wenn die Wackeloptik einer Handkamera Sophie eng begleitet, als diese einen Gefühlsausbruch auf die Leinwand bringt, für den allein sich ein Kinobesuch lohnt.

«Wanda, mein Wunder» (CH 2020, 110 Min.); Regie: Bettina Oberli, ab Donnerstag im Kino.

Hier geht's zum Trailer von «Wanda, mein Wunder»:

Trailer zu «Wanda, mein Wunder».

Quelle: Filmcoopi / Youtube

...und von «Die Herbstzeitlosen»:

Trailer zu «Die Herbstzeitlosen».

Quelle: Filmo / Youtube

«Die Herbstzeitlosen» (CH 2006, 86 Minuten); Regie: Bettina Oberli; im VoD-Angebot von Blue-TV. UPC und Co.