Basel
Kinder und Kindeskinder des Grauens im Stadtkino

Das Stadtkino widmet Alfred Hitchcock und seinen Nachfolgern eine Retrospektive. Im zweiten Teil der Filmreihe werden die späteren Werke des Regisseurs gezeigt.

Nicolas von Passavant
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Auf die Spitze getriebene Hommage: Brian de Palmas Film «Dressed to Kill» strotzt vor Anspielungen auf Hitchcocks «Psycho».

Auf die Spitze getriebene Hommage: Brian de Palmas Film «Dressed to Kill» strotzt vor Anspielungen auf Hitchcocks «Psycho».

Im Januar zeigte das Stadtkino den frühen, noch schwarz-weissen und in seinem Habitus noch oft britisch-eleganten Hitchcock. Im Mai und Juni nun zeigt der zweite Teil der Retrospektive dessen späte, farbige Filme, mit denen der Meister definitiv im amerikanischen Kino ankam – und doch hintersinnig blieb. Ausgangspunkt dafür war ein neuer Vertrag mit Paramount Pictures, der dem Regisseur grösseren künstlerischen Spielraum gab.

Diese Freiheit nutze Hitchcock für heute legendäre Experimente: So bereits in «Rear Window», dem ersten Film für Paramount, in welchem dem beinverletzten Fotografen Scotty (James Stewart) keine andere Beschäftigung bleibt, als aus seinem Hinterhoffenster die Nachbarschaft zu betrachten – und dort schon bald Verbrechen zu wähnen. Für seine Beobachtungen hat er einzig das Teleobjektiv der Kamera zur Hand, und daran ist auch der Zuschauerblick gebunden. Eine Parabel über Voyeurismus und zugleich ein Lehrstück in Sachen Suspense.

Effekte, die Furore machten

Auch in der visuellen Gestaltung war Hitchcock innovativ. So arbeitete er in «The Birds» mit schon fast abstrakten Bildelementen: Während die Szenerie, ein idyllisches Küstenörtchen, postkartenartig hübsch ausstaffiert ist, schieben sich die bedrohlichen schwarzen Vögel fast scherenschnittartig ins Bild. Ein Spiel mit der Derealisierung der Wahrnehmung in Zuständen der Panik und Beklommenheit, die der Meister in «Vertigo» noch weiter trieb: Dort verändern sich die Farben im Bild analog zu den Angst- und Wunschzuständen der Figuren – die bei Hitchcock oft nahe beieinander liegen. Eine Frau kann dem Helden Scotty (erneut James Stewart) so einmal in einem rot durchfluteten Raum erscheinen, später hingegen von fahlen Grüntönen umnebelt werden.

Um die Höhenangst des traumatisierten Scotty anschaulich zu machen, liess sich Hitchcock zudem einen Kameratrick einfallen: Er fuhr mit der Kamera nach vorne und zoomte zugleich hinaus. Der Bildausschnitt bleibt so gleich, die Bildtiefe scheint sich durch die Veränderung der Brennweite der Kameralinse aber zu zerdehnen und das Raumgefühl wird irritiert. Ein Effekt, der Furore machen sollte.

Mit seinem nächsten Film, «North by Northwest», in dem Cary Grant im stets makellosen Hemd durch halb Nordamerika gejagt wird, entwickelte Hitchcock dann sogar ein neues Genre: den Actionfilm. Den nächsten Film drehte Hitchcock wieder schwarz-weiss: als Hommage an alte Horrorfilme. Und «Psycho» geriet aufreibender und grässlicher als alles zuvor gesehene.

Überraschende Einflüsse

Doch damit nicht genug: Das Stadtkino spürt zusätzlich auch den Einflüssen Hitchcocks auf andere Regisseure nach. Überraschend, aber interessant ist der Bezug zu Akiro Kurosawas «High and Low». Eine Entführungsgeschichte, die in einer modernen Villa mit grossen Fenstern spielt, die oberhalb der Stadt gelegen ist. So verkehrt sich die gute Lage zur klaustrophobischen Falle: Von hier aus sind die Bewohner für die Entführer von überall her beobachtbar. Ob Hitchcock hier tatsächlich Pate stand? So oder so ist «High and Low» einer der spannendsten Thriller überhaupt.

Ganz sicher Hitchcock gesehen hat Steven Spielberg, als er «Jaws» drehte, und seinerseits ein neues Genre erfand: den Blockbuster. Denn wenn Roy Scheider als Strandpolizist die erste Haifischattacke beobachtet, setzt Spielberg den Kameratrick aus «Vertigo» ein, um dessen Entgeisterung zu zeigen. Wenn man selber diesen Frühling also noch nicht in die Badeferien kommt, kann man so doch immerhin schon dabei zuschauen, wie andere dort gebissen werden.

Noch ausführlicher hat Brian de Palma den Altmeister studiert: In «Dressed to Kill» zitiert er «Psycho» in aller Ausführlichkeit – kopiert ihn aber nicht einfach, sondern fügt ihm in postmoderner Manier trashige Wendungen und absurde Pointen hinzu, sodass die Hommage als überdrehtes Vexierspiel ihr Eigenrecht gewinnt.

Überzeugend sind auch die Parallelen zu David Lynchs «Mulholland Drive», der von Hitchcocks Farb-Konzeption gelernt hat, und zu David Mamet, der für «The Spanish Prisoner», wie auch sonst, sein Hitchcock-taugliches Drehbuch selber geschrieben hat.

Zum Teil etwas beliebig

Gegen Ende der Reihe werden die Bezüge dann wieder etwas beliebig: So ist «Mar Adentro» zwar ein grossartiger Film, doch mit Hitchcock verbindet ihn wohl nur, dass er den Blick eines Gelähmten nachvollzieht, wie in «Rear Window». Thematisch näher liegt da Martin Scorseses «Shutter Island» mit seiner Geschichte rund um ein Irrenhaus auf einer abgelegenen Insel. Doch ist dies einer der wenigen Filme, die Scorsese ziemlich gründlich verhauen hat.

An Alternativen hätte es nicht gefehlt: Michael Powells «Peeping Tom» etwa, Truffauts späte Krimis oder der neuere Psychothriller «Lemming» mit Charlotte Gainsbourg. Doch vielleicht kann gerade der Hitchcock-Bezug den Scorsese-Film interessanter machen. Aufschluss darüber wird Franziska Heller geben können. Die Filmwissenschaftlerin und Verfasserin eines Buchs über Hitchcocks Filme und Filmästhetik hält am 9. Mai einen sicherlich höchst empfehlenswerten Vortrag über «Alfred Hitchcock und seine Erben».

Hitchcock-Retrospektive Vom 1. Mai bis 19. Juni im Stadtkino Basel. Der Vortrag von Franziska Heller am 9. Mai beginnt um 19 Uhr.

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