Unvergessliche Momente mit La Binoche: Die französische Oscar-Preisträgerin wurde am Zurich Film Festival ausgezeichnet

Die Schauspielerin Juliette Binoche ist eine Frau mit einer einzigartigen Filmkarriere. Sie nahm in Zürich ein Goldenes Auge entgegen.

Regina Grüter
Drucken
Teilen
Juliette Binoche verzückte mit ihrem umwerfenden Lachen auch Zürich.

Juliette Binoche verzückte mit ihrem umwerfenden Lachen auch Zürich.

Bild: Thomas Niedermüller/Getty

Sie ist jung, sie ist schön, und sie hat ein umwerfendes Lachen. In «The English Patient», wofür Juliette Binoche 1997 mit einem Oscar ausgezeichnet wurde, lacht sie, als sie aus dem ver­lassenen Bergkloster in der Toskana hinaustritt und es unverhofft zu regnen beginnt. Ein befreites Lachen, derart spontan und unmittelbar, dass es den ­Zuschauer überwältigt und die Szene unvergesslich macht. Schaut man sich «Verhängnis» von Louis Malle aus dem Jahr 1992 heute an, wo Binoche eine Affäre mit dem Vater ihres Freundes, Jeremy Irons, beginnt, ist man sprachlos, wie gut sie in ihren Zwanzigern schon war.

Man könnte aufzählen und aufzählen. Wer erinnert sich nicht an «Les amants du Pont-Neuf» von Leos Carax, als sie als langsam erblindende Malerin mit Augenklappe mit Denis Lavant über den Pont Neuf tanzt? An die Schlussszene von Krzysztof Kieslowskis «Trois couleurs: Bleu», wo sich im Gesicht der jungen Frau, die bei einem Unfall Mann und Kind verloren hat, die Hände zum Gebet gefaltet, erst Tränen und dann ein leises Lächeln abzeichnet?

Jean-Luc Godard steht ­ ganz am Anfang

Heute ist die französische Schauspielerin mit 56 Jahren nicht mehr ganz so jung, immer noch schön, und das Lachen ist, wenn man es real erlebt, noch viel ansteckender. Die Frau hat Humor. Wir haben Juliette Binoche in Zürich getroffen – farbige Bluse, schwarze Lederjacke, dunkelblaue Jeans –, bevor sie im Rahmen des Zurich Film Festival (ZFF) mit dem Golden Icon Award geehrt wurde. Die höchste Auszeichnung, die das Festival zu vergeben hat.

Ans ZFF hat Binoche ihren neuen Film «La bonne épouse» mitgebracht, der zweimal in ausverkauften Sälen vorgeführt wurde. In der Komödie von Martin Provost spielt Binoche die Direktorin eines elsässischen Haushaltsinstituts am Ende der 1960er-Jahre. Nach dem Tod ihres Mannes nimmt sie das Heft in die Hand und kehrt die Grundsätze, nach denen sie junge Mädchen zu «guten Haus- und Ehefrauen» ausbildet, in ihr Gegenteil. Schliesslich führt sie die jungen Frauen selbst zur «Revolution» in Paris. Es habe ihr Spass gemacht, eine Figur zu spielen, die so weit weg von ihr selbst sei, sagt sie. Ihr dabei zuzuschauen, macht auch Spass. Wenn man sie nach Vorbildern fragt, nennt sie ihre Mutter, eine Schauspielerin und Lehrerin polnischer Herkunft. Sie habe sie schon als Kind mit zu Streiks genommen und liess sich von Binoches ­Vater, ebenfalls Schauspieler, Regisseur und Bildhauer, scheiden. «Sie hat mir als selbstbestimmte Frau den Kampf um Gleichberechtigung vorgelebt», sagt Binoche.

Ihre Filmkarriere beginnt Mitte der 1980er-Jahre mit Nebenrollen. Dann kommt Jean-Luc Godard, der sie für «Maria und Joseph» engagiert. Spätestens mit «Rendez-vous» von André Téchiné und «Mauvais sang» von Carax entdeckt das Autorenkino sie für sich, das französische wie das internationale. Binoche arbeitet 1988 mit Philip Kaufman («Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins») und dreht in den 1990er-Jahren die eingangs genannten Filme. Ab den 2000er-Jahren steht sie für den Österreicher Michael Haneke («Code inconnu»), den Amerikaner Abel Ferrara («Mary») oder den Israeli Amos Gitai («Copie conforme») vor der Kamera.

Ins Jahr 2000 fällt «Chocolat», der sie an der Seite von Johnny Depp zu einer Oscar-Nominierung als beste Hauptdarstellerin und zu ihrem wohl grössten Erfolg im Mainstreambereich führt. Eine Zusammenarbeit mit Steven Spielberg für «Jurassic Park» schlägt sie aus. «Wenn er mir vorgeschlagen hätte, einen Dinosaurier zu spielen, hätte ich zugesagt», sagt sie – und dreht stattdessen mit Kieslowski. In Blockbustern ist sie selten zu sehen. 2014 spielt sie in «Godzilla» mit – auch weil ihr Sohn ein Fan war – und bringt mit ihrer letzten Szene Quentin Tarantino zum Weinen, 2017 in «Ghost In The Shell».

Unerschrocken, sinnlich, stark und verletzlich

«Die Frau mit der schönsten Laufbahn des zeitgenössischen Films», wurde sie genannt. Sie hat mit den angesehensten Autorenfilmern gearbeitet und ist dem französischen Kino dabei treu geblieben: Olivier Assayas, Bruno Dumont, Claire Denis, auch mit ihnen hat Binoche Filme gemacht. Man nimmt sie als Freigeist wahr, als leidenschaftliche Frau und Künstlerin. Neben ihrer Arbeit als Theater- und Filmschauspielerin – Theater von Kindesbeinen an – ist sie Malerin und hat mit Mitte Vierzig ihre Premiere als Tänzerin. Die Mutter zweier erwachsener Kinder hält ihr Privatleben bedeckt, war mit Berufskollegen wie Leos Carax, Olivier Martinez oder Benoît Magimel (Tochter Hana, 20) liiert, aber nie verheiratet.

Unerschrocken, sinnlich, stark und verletzlich zugleich, so möchte man die Schauspielerin beschreiben. Sie zeigt ihren Körper und setzt ihn selbstbewusst ein. Eine selbstbestimmte Frau, die uns mit einigen der schönsten und bewegendsten Momente der Filmgeschichte beglückt hat. In ihrem Spiel wie auch in ihrer Person liegen eine grosse Natürlichkeit und Aufrichtigkeit: «Die Kamera ist gewissermassen das Auge der Wahrheit. Vor der Kamera kann ich nur mit Ehrlichkeit bestehen.» Das tut sie auch in ­Zürich.

Juliette Binoche hält am Donnerstag im Rahmen des ZFF eine Master­class (ausverkauft). Ihr neuer Film «La bonne épouse» startet am 29.10. in unseren Kinos.