Kino
Jud Süss, des Teufels Kolporteur

Vom Opfer zum Täter zum Sündenbock – Oskar Roehler klittert in seinem Nazi-Schmierentheater Geschichte.

Hannes Nüsseler
Merken
Drucken
Teilen

Keystone

«Ich bin nichts gwesen als ein treuer Diener von mein’ Souverän!», ruft der Jude auf dem Weg zum Strang. Es ist der einzig wahre Moment in dem antisemitischen Machwerk «Jud Süss» (1940), weil er die Verlogenheit von Hitlers willigen Helfern wörtlich vorwegnahm: Nicht einmal Regisseur Veit Harlan wollte nach Kriegsende mit seinem perfiden Hetzfilm etwas zu tun haben – er sei dazu gezwungen worden, verteidigte er sich vor Gericht erfolgreich.

Die Geschichte vom durchtriebenen Juden, der sich als Finanzberater eines deutschen Herzogs Privilegien erschleicht und wegen Hochverrats hingerichtet wird, beruht auf der historischen Figur von Joseph Süss Oppenheimer. Dieser hatte im 18. Jahrhundert eine höfische Laufbahn eingeschlagen, wofür er von Neidern an den Galgen gebracht wurde. Reichspropagandaminister Joseph Goebbels sah in der Verfilmung des Stoffs ein probates Mittel zur ideologischen Anbahnung des Völkermords – Goebbels sprach von «künstlerischem» Antisemitismus. Ein Regisseur war bald gefunden, doch die Besetzung der Hauptrolle harzte – alle Stars sagten ab, und selbst der unbekannte Österreicher Ferdinand Marian musste erst dazu überredet werden, für «Jud Süss» in den Kaftan zu schlüpfen.

Oskar Roehlers «Jud Süss – Film ohne Gewissen» untersucht nun eben diesen Schauspieler Marian (einziger Lichtblick: Tobias Moretti) in dessen damals bejubelter Skandalrolle. Hin- und hergerissen zwischen Moral und Macht, ähnelt Marian dem zwielichtigen Bühnendarsteller in Istvan Szabos «Mephisto» (1981). Das wäre mit Blick auf die NS-Filmpropaganda eine spannende Ausgangslage, doch schmückt Roehler das Drama zum abgeschmackten Melodram aus: Marian bei den Nazis und im Shtetl; Marian am Filmfestival in Venedig und an der Front; Marian bei unzähligen arischen Geliebten und bei seiner jüdischen Frau – eine künstlerische Freiheit, vielleicht, doch sie kippt die ambivalente Motivation des Antihelden endgültig in die Kolportage: Was blieb dem armen Ferdl denn anderes übrig, als den Juden zu geben?

Wie der grobschlächtige Auftritt von Moritz Bleibtreu als Joseph Goebbels lässt auch Roehlers Film jede Feinheit vermissen, die eine Manipulation, selbst in bester Absicht, erforderte. Und der Regisseur kann nicht einmal behaupten, dass er dazu genötigt worden wäre.

Jud Süss Österreich (Deutschland 2010) , 119 Min. Regie Oskar Roehler. Besetzung: Tobias Moretti, Moritz Bleibtreu, Martina Gedeck u.a. HIIII