Zurich Film Festival
Jerry Weintraub erhält in Zürich einen Lebenspreis

Hollywood ist grösser als das Leben, auf und neben der Leinwand. Die personifizierte Schnittmenge heisst Jerry Weintraub. Jerry – man muss ihn einfach nur Jerry nennen – lebt den amerikanischen Traum, weil er stets «his way» ging, selbst in Liebesdingen.

Urs Arnold
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Jagte einst Stars für ein Autogramm, heute zählt er viele von ihnen zu seinen Freunden: Filmproduzent Jerry Weintraub. Norman Jean Royhbo

Jagte einst Stars für ein Autogramm, heute zählt er viele von ihnen zu seinen Freunden: Filmproduzent Jerry Weintraub. Norman Jean Royhbo

So kommt es, dass sich der Stargast zum Anfang des Vernetzungsanlasses Masterclass am Montagabend neben seine Mätresse Susie Ekins setzt – die wiederum neben Jerrys Frau Jane Morgan Platz genommen hat.

Der Kinosaal des Filmpodiums ist gut gefüllt, im Publikum sitzen zahlreiche Branchenvertreter. Sie versprechen sich in erster Linie Inspiration von dieser Koryphäe, und Jerry wird sie nicht enttäuschen. Zuerst aber hinkt der Mann in Jeans und Turnschuhen aufs Podium. Das eine Knie sei neu, und er habe zwei Wodkas intus, erklärt er später den unrunden Gang. Wer übrigens seinen Rücken flicken könne, bekomme von ihm eines seiner Häuser geschenkt.

Richard Gere und Susan Sarandon haben ihren Film Arbitrage vorgestellt
12 Bilder
Oswald Gruebel auf dem grünen Teppich
Nadine Strittmatter
Richard Gere mit seiner Frau Carey Lowell
Nationalrätin Pascale Bruderer
Migros CEO Herbert Bolliger mit Begleitung
Festival-Direktorin Nadja Schildknecht
John Travolta und Filmregisseur Oliver Stone
Nazan Eckes
Richard Gere
Der ehemalige Zürcher Stadtpräsident Elmar Ledergerber mit Begleitung
Ständerat Felix Gutzwiller

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Keystone

Hat er es sich einmal bequem gemacht, fängt Jerry an zu erzählen, und das wie erwartet weitschweifig, einnehmend, selbst der sonst so quasselige Moderator Steven Gätjen kann ihn nicht stoppen. Ein Familientrip quer durchs Land anno 1947 war es, der den 9-jährigen jüdischen Buben aus New York zum ersten Mal nach Hollywood führte. «Dort angekommen, ging ich von Haus zu Haus, um mir Autogramme von Leuten wie Joan Crawford oder James Stewart zu holen. Viele dieser Stars wurden später meine Freunde.»

Bevor er aber in die Kinowelt einstieg, machte sich Jerry zuerst im Musikbusiness einen Namen. Legendär sein Coup, Tourmanager von Elvis Presley zu werden. Nachdem er das geträumt hatte, belagerte er dessen Manager Colonel Parker Tag für Tag mit einem Anruf, ein Jahr lang. «Eines Tages rief er mich an, und meinte, ich könne es machen.» Wer den Dokumentarfilm «His Way» gesehen hat, weiss, dass es nur eines von zahlreichen Husarenstücken in seiner Karriere war. Erzählen kann er diese Geschichten im Schlaf: Einige davon gibt er am Montagabend eins zu eins im Wortlaut des Filmes wieder.

Jerry Weintraub ist ein Mann der Entscheidungen. «Fokussiert sein, Probleme lösen, Erfolg haben, rund um die Uhr», so sein Credo. Zweifel und Pessimismus hatten da nie Platz. In die Filmwelt trieb Jerry dann auch sein riesiges Ego. Nachdem er Millionen mit Musik verdient hatte, wollte er von einem Tag auf den anderen nicht mehr im Schatten von Stars wie John Denver, Frank Sinatra oder Bob Dylan stehen. So produzierte er gegen alle Einwände mit seinem eigenen Geld «Nashville» von Robert Altman – ein Volltreffer. Es war der erste Kinofilm, der an eine Fernsehstation vorverkauft wurde. «Im Vertrag wurde mir Final Cut zugesagt, was Altman richtig sauer machte. Nur wusste ich gar nicht, was das ist», lacht Jerry, das Mikrofon fest in der Hand haltend. In der Rolle als Entertainer fühlt er sich sichtlich wohl.

Dann nennt Jerry viele berühmte Filmstars. Jeder von ihnen ist «very nice, a great guy, very talented». Der Produzent mag es, die besten Leute der Branche um sich zu scharen. Einem wird besonderes Lob zuteil: Steven Soderbergh. «Er ist kein Mensch, er ist eine Kamera. Er erfasst alles um sich und ist unglaublich fokussiert.»

Die 90 Minuten sind wie im Flug vergangen. Von fünf vorbereiteten Filmausschnitten wird nur der eine aus «Diner» gezeigt. Macht nichts, Jerry ist bestes Kino, auch wenn er bei seiner letzten Anekdote kurz abzweigt und den Weg zurück nicht mehr findet. Heute wird er 75, am Abend erhält er vom Zurich Film Festival einen Preis für seine Karriere. Und was will er dem Publikum auf den Weg geben? «Schaut meine Filme!», fasst er sich für einmal kurz.