«Gone Girl»
In schlechten wie in schlechten Zeiten

Mit „Gone Girl“ blickt David Fincher in die Abgründe einer Ehe – ein unbequemer und faszinierender Psychokrimi mit Ben Affleck.

Lory Roebuck
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Bei der Suche nach seiner vermissten Ehefrau (Rosamund Pike) gerät Nick Dunne (Ben Affleck) im Film «Gone Girl» selbst unter Verdacht.20th Century Fox

Bei der Suche nach seiner vermissten Ehefrau (Rosamund Pike) gerät Nick Dunne (Ben Affleck) im Film «Gone Girl» selbst unter Verdacht.20th Century Fox

Ein unschuldiger Vorort im wohlhabenden amerikanischen Mittleren Westen, ein helles Einfamilienhaus, ein Vorzeige-Ehepaar – und dann fehlt eines Tages von der Frau jegliche Spur. Was ist passiert?

Das könnte die Prämisse eines x-beliebigen Krimis sein, doch «Gone Girl» ist so viel mehr. Was sich hier in knapp zweieinhalb Stunden auf der Kinoleinwand entfaltet, ist ein faszinierendes, immer wieder erschreckendes Psychogramm einer Ehe. Und es ist eine mächtige Kernfusion zweier Kräfte aus Film und Literatur, die mit ihrer Affinität für die dunklen Seiten des Menschen perfekt zueinanderpassen.

«Gone Girl», das war zuerst ein Roman von Gillian Flynn, einer amerikanischen Journalistin, die während der Rezession ihren Job verlor, sich dann glücklos als Polizeireporterin versuchte und sich schliesslich an das Verfassen von Kriminalromanen heranwagte. Die ersten beiden Bücher waren mässige Erfolge, doch Nummer drei, «Gone Girl», schlug ein wie eine Bombe. Es führte zwei Monate lang die Bestsellercharts an und galt 2012, hinter «50 Shades of Grey», als grösstes literarisches Ereignis in den USA.

Spezialist für Psychothriller

Die Erzählweise, die Spannung, die Wendungen – Kritiker zeigten sich begeistert; und waren dann entrüstet, als «Gone Girl» – wohl aufgrund seiner Genrezugehörigkeit – nicht für den Pulitzerpreis nominiert wurde. Der düstere Stoff könnte jetzt dafür in den Fokus der Oscars rücken, denn wie das in Hollywood an der Tagesordnung ist, wurde die Romansensation schnell von einem Studio aufgeschnappt und mit viel Geld und Talent verfilmt.

Sein Glück ist es – und auch unseres als Zuschauer – dass es die Umsetzung David Fincher anvertraut hat – jenem Regisseur, der sich mit Meisterwerken wie «Se7en» (1995), «Fight Club» (1999) und «Zodiac» (2007) als der Spezialist für moderne, kompromisslose Psychothriller etabliert hat.

Fincher bleibt dem ursprünglichen Stoff weitgehend treu – was nicht zuletzt daran liegt, dass Gillian Flynn die Drehbuchadaption in für Hollywood untypischer Manier gleich selber verantwortet hat. Über die Filmhandlung zu schreiben, ohne zu viel verraten zu wollen, ist heikel. Im Mittelpunkt steht Nick Dunne (Ben Affleck in einer seiner allerbesten Rollen), wie Autorin Flynn ein entlassener Journalist. Nick und seine Frau Amy (Rosamund Pike) sind wegen seiner todkranken Mutter von New York in sein Heimatstädtchen zurückgekehrt.

«Gone Girl» beginnt am Tag 0, an jenem Tag, als Nick nach Hause kommt, und statt Amy ein verwüstetes Wohnzimmer vorfindet. Amys Eltern sind berühmte Autoren, also startet die lokale Polizei eine gross angelegte Suchaktion. Ein Tag verschwunden, zwei Tage verschwunden, drei Tage verschwunden ... und dazwischen sehen wir anhand von Amys Tagebuch in Rückblenden die fünfjährige Ehezeit von Nick und Amy: erstes Kennenlernen, Balzen, das anfängliche Feuer. Aber auch Streit, zermürbende Schicksalsschläge und die zunehmende Entfremdung. So rückt im Zuge der Ermittlungen auch der spitzbübische Nick in den Fokus der Polizei.

Was sich dann, nach der Hälfte des Films ereignet, sei nicht verraten. Wer die Romanvorlage nicht bereits kennt, verdient es, die bitterbösen Wendungen in der Geschichte im Kino für sich selbst zu entdecken. Es sind Ereignisse, die uns in ihren Bann ziehen. Szenen, so bitterböse, zynisch und kalt, dass wir nicht wegschauen können.

Prinz der Dunkelheit wird Regisseur Fincher oft genannt – nie schien dieser Titel wahrhaftiger und zutreffender als jetzt. Mit «Gone Girl» blickt er in die Abgründe einer Ehe, direkt auf den modernden Unterbau des amerikanischen Traums.

Das mysteriöse Gegenüber

Was ist Intimität in einer Beziehung? Wie nahe kommt man seinem Partner wirklich? Bleiben die Gedanken des Gegenübers auf ewig ein Mysterium? Die Antworten, die «Gone Girl» darauf gibt, sind nicht immer einfach zu verdauen. Wer sich auch unbequemen Filmen gerne aussetzt, soll «Gone Girl» auf keinen Fall verpassen.

Gone Girl (USA 2014) 100 Min. Regie: David Fincher. Mit Ben Affleck, Rosamund Pike, Tyler Perry u.a. Ab Donnerstag im Kino