Thriller
In Kohleminen wird Chinas falscher Glanz entlarvt

«Black Coal, Thin Ice» zeigt die Schattenseiten von Chinas Wirtschaftswachstum – dafür gewann der Film den Hauptpreis der Berlinale.

Julia Bänninger
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Alle Zutaten für einen guten Krimi sind da: ein alkoholabhängiger Kommissar, eine geheimnisvolle Schöne und mysteriöse Leichenteile, die in einer Kleinstadt die Runde machen. Doch während der chinesische Regisseur Diao Yinan für «Black Coal, Thin Ice» auf der letztjährigen Berlinale den Goldenen Bären gewann, blieb der Applaus beim Publikum eher verhalten.

Yinan orientiert sich stilistisch zwar am klassischen Hollywoodthriller, hält sich aber nicht an einen klaren Erzählstrang. Seine Geschichte verliert sich gegen Ende immer mehr in den Verstrickungen der Handlung. Als Zuschauer verlässt man den Kinosaal mit einem unbefriedigten Gefühl, weil nicht alle Fragen abschliessend geklärt sind. Trotzdem lohnt sich der Kinobesuch.

«Black Coal, Thin Ice» handelt von einem Kriminalkommissar, der seinen Polizeidienst quittiert hat und dem Alkohol verfallen ist. Als er von Leichenteilen hört, die in einer Nudelsuppe gefunden wurden, erinnert er sich an einen früheren Fall. Also beginnt er auf eigene Faust wieder zu ermitteln und lernt eine geheimnisvolle Wäscherin kennen, die mit den Opfern beider Morde in Verbindung steht.

Chinas neue Lebenswirklichkeit

Erstaunlicherweise entschied die chinesische Zensurbehörde, Diaos Film mit nur kleinen Änderungen zuzulassen. «Black Coal, Thin Ice» ist zwar kein offen politischer Film, aber er taucht ab in die tiefsten Abgründe der chinesischen Gesellschaft. «Mein Ziel war es, auf unsere neue Lebenswirklichkeit zu verweisen», kommentierte Yinan im Rahmen der Premiere. Dies ist ihm gelungen: Sein Film zeigt deutlich die Schattenseiten eines Grossreichs mitten im Wirtschaftswachstum. Die schwarze Kohle in den arbeitsunwürdigen Minen entlarvt den falschen Glanz von Schönheitssalons und glitzerigen Spielhöhlen. Entsättigte Farben und spärliches Licht untermalen die schäbige und unheimliche Atmosphäre. Der Regisseur wählte bewusst einen Ort weit weg von Grossstädten wie Schanghai oder Peking. Die namenlose Stadt zerfällt in unverbundene Orte, in Industrieviertel, Schnellrestaurants oder spiessige Tanzparkette. Genau so zersplittert wirken die Episoden des Films. Weder erklären sie die Figuren noch treiben sie die Handlung voran. Doch sie liefern bleibende Eindrücke einer Welt und Kultur, die uns europäischen Zuschauern so fremd ist.

Black Coal, Thin Ice (CHN 2014) 106 Min. Regie: Diao Yinan. Ab Donnerstag im Kino. QQQQQ