Kino
Im Tod als Gebärmaschine konserviert

In «Stille Reserven» werden Verstorbene künstlich am Leben erhalten, bis ihre Schulden abgegolten sind.

Lory Roebuck
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Wie ein albtraumhafter Ikea-Besuch: Versicherungsagent Vincent (Clemens Schick) in einem menschlichen Konservierungslager.

Wie ein albtraumhafter Ikea-Besuch: Versicherungsagent Vincent (Clemens Schick) in einem menschlichen Konservierungslager.

Filmladen

Die Welt, in die uns der neue Kinofilm «Stille Reserven» entführt, erscheint wie ein albtraumhafter Ikea-Besuch. Gleich zu Beginn sehen wir, wie transparente Schachteln in riesige Regale versorgt werden. Ihr Inhalt: leblose Menschenkörper. An den Köpfen sind Kabel befestigt, grosse Schläuche laufen ihre Rachen runter, und ein mechanischer, regelmässiger Piepston erinnert entfernt an einen Pulsschlag.

Sterben ist in «Stille Reserven» ein Privileg der Reichen. Alle anderen – also alle, die sich keine teure Todesversicherung leisten können – werden kurz nach ihrem Ableben in diesen künstlichen Dämmerzustand versetzt. Dort werden sie wahlweise als Gebärmaschine, Organersatzteillager oder Datenspeicher missbraucht, bis ihre Schulden abgegolten sind. 102 Jahre kann das dauern, heisst es in einer Filmszene. «Nicht sterben zu dürfen: Dieser Gedanke ist verstörend, denn er reibt sich am Menschheitstraum des ewigen Lebens», sagt Valentin Hitz, der Regisseur und Autor von «Stille Reserven», im Gespräch mit der «Nordwestschweiz».

Hightech-Fegefeuer

Was Hitz in seinem Film entwirft, ist die Hightech-Variante des theologischen Fegefeuers. Schuldenerlass statt Sündenerlass. «Wer urteilt heute über Leben und Tod: Gott? Der Staat? Die Wirtschaft? Gesellschaftliche und technologische Entwicklungen haben dazu geführt, dass heute alle Lebensbereiche kapitalisiert sind. Wie gehen wir mit dem Tod um? Selbst hier bestehen Profitinteressen.»

Seine düstere Science-Fiction, die in einem futuristischen Wien spielt, sei nahe am Jetzt, erklärt Hitz. Der 47-jährige Zürcher, der in Wien lebt, nennt ein Beispiel, auf das er während seiner Recherche gestossen ist: «Ich las von einem Fall in Brüssel. Es ging um eine Krebstherapie mit guten Aussichten auf Heilung. Allerdings sollte diese Therapie ausschliesslich Menschen unter 40 Jahren zustehen – denn für ältere würde sich das offenbar nicht rechnen.» Leben und Tod, reduziert auf kalte Mathematik.

Genau so ein Rechner ist Vincent Baumann (Clemens Schick), der Protagonist von «Stille Reserven». Der Versicherungsagent angelt sich seine Klienten mit Sprüchen wie: «Selbst wenn nach Ihrem Tod Ihre Organe unbrauchbar sind, wird man Verwendung für Sie finden.» Zeitgleich wirbt er mit Bildern einer klassischen, friedlichen Beerdigung für die Vorzüge seines Versicherungspakets.

Baumanns Gegenspielerin ist Lisa (Lena Lauzemis), eine «Recht auf Tod»-Aktivistin, die den Versicherungsagenten bezirzt, um sich Zugang zu den Konservierungslagern zu verschaffen. Baumann seinerseits versucht über Lisa, eine Police an ihren reichen Vater (Daniel Olbrychski) zu verkaufen. Ein Katz-und-Maus-Spiel voller Intrigen, aber ohne Feuer.

Dass alle Filmfiguren – selbst Lisa – in «Stille Reserven» wie tiefgefrorene Roboter reden und auch die Filmhandlung nur selten Betriebstemperatur erreicht, hat man dem Film schnell verziehen. Zu spannend sind die Gedankenspiele, die Valentin Hitz an seiner unterkühlten Filmwelt vollzieht. Wenn Baumann beispielsweise mit seiner Chefin (Marion Mitterhammer) kopuliert, dann tut er das zum Rhythmus seiner digitalen Uhr, die ständig den Level seiner Hormonausschüttung kommentiert. Hitz erzählt, er habe diese Szene schon vor Jahren geschrieben. «Mir wurde damals vorgehalten, dass in der Zukunft niemand mehr eine Uhr tragen würde.» Hitz lacht: «Dann kam Apple mit seiner Smartwatch! Die Technologie hat unseren Film eingeholt.» Mit dem Resultat, dass die Filmszene jetzt als treffende Abrechnung mit unserem Selbstoptimierungswahn funktioniert. Fitnessapps und Kalorienzähler lassen grüssen.

Der gläserne Mensch

Auch der Handel und die Manipulation unseres digitalen Fingerabdrucks ist in «Stille Reserven» längst Alltag. Baumann kann das Profil von jedem potenziellen Kunden laden. Er sieht daran nicht nur, wie rentabel ein Versicherungsabschluss wäre, sondern kann sogar Verhaltensmuster vorhersagen. Der gläserne Mensch, ein Horrorszenario? «Ich sehe in den gesellschaftlichen und technologischen Entwicklungen nicht nur Schlechtes», wiegt Valentin Hitz ab. «Wenn ich beispielsweise online ein Buch bestelle, freue ich mich, dass mir weitere Bücher angezeigt werden, auf die ich sonst nie gekommen wäre. Gleichzeitig finde ich es bedenklich, dass mir nur noch Bücher aus einem verwandten Bereich angezeigt werden.» Umso wichtiger sei es, sich bewusst zu machen, wer mit unseren Daten hantiert.

«Stille Reserven» tut das, was solche Science-Fiction-Dystopien eben am besten können: von einer denkbaren Zukunft einen Weckruf zurückschicken. Oder in den Worten von Valentin Hitz: «Wenn ich mir das Schlimmste ausmale, schaffe ich mir vielleicht das Bewusstsein, um auf dem Weg dorthin eine Weiche zu stellen.»

Stille Reserven (AUT / D / CH 2017) 96 Min. Regie: Valentin Hitz. Ab Donnerstag, 25. Mai, im Kino.

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