Trigon-Film
Im Kino staunend um die Welt

Die Stiftung ist Garantin für Vielfalt und Qualität im Kino. Die Volkshochschule beider Basel zeigt jetzt vier Trigon-Perlen. Vorhang auf für Teil 1 einer Serie über die wichtigsten Arthouse-Verleiher der Schweiz.

Alfred Schlienger
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Filmpublizist Walter Ruggle

Filmpublizist Walter Ruggle

zvg/Monika Schweri

Gäbe es Trigon nicht, wir würden in unseren Kinos fast nur Filme aus Nordamerika und Westeuropa sehen. Rund 90 Prozent der globalen Filmlandkarte bliebe für uns weiss. Seit bald 30 Jahren engagiert sich der Verleih erfolgreich dafür, dass unser Blick auf die Welt nicht so beschränkt bleibt, und setzt damit europaweit Massstäbe. Genau besehen ist Trigon der tiefgründigste und umweltverträglichste Kulturreisevermittler, den man sich denken kann. Rund 450 Filme aus über 80 Ländern hat der Verleih seit seiner Gründung in die Schweizer Kinos gebracht. Über 3,5 Millionen Menschen haben bisher solche Reisen gebucht und sind dabei tiefer in fremde Kulturen eingetaucht, als es jeder Ferientrip ermöglicht. Weltweites Kino zum Sehen, Hören und Riechen.

Herr Ruggle, welches ist aus Ihrer Sicht die wichtigste Veränderung innerhalb des Verleihgeschäfts der letzten fünfzehn Jahre?

Walter Ruggle: Es sind mehrere Dinge. Technisch gesehen sicher die Digitalisierung. Das ging sehr schnell und war für Kinos und Verleih einschneidend. Verändert haben sich die Bedingungen in den Kinos. Viel zu viele Filme werden ohne Geduld und Sorgfalt herausgebracht, ein schöner Teil davon ohne innere Notwendigkeit. Verliehen werden sie, weil es Fördermittel dazu gibt – und zu oft nicht, weil ihre Qualität das wünschbar macht. Das verleitet Kinobetreiber zum schnellen Wechsel. Das Nachsehen hat das Publikum, das keine Linie mehr erkennt in der Programmation und am Ende wichtige Filme verpasst, weil es zu viel Ramsch gesehen hat und nicht mehr weiss, wie es auswählen soll.

Helfen hier nicht die Medien?

Diese Hilfe leisten die Medien kaum mehr. Die ernsthafte Auseinandersetzung mit Filmen ist an vielen Orten ganz abgeschafft worden – das Wellenreiten auf dem Mainstream dominiert und Stimmenvielfalt ist untergegangen in zusammengekauften Titeln und einheitlichen Newsportalen. Eine einzige kratzende Feder kann heute mit einem von Sachkenntnis unbelasteten Textchen in Zürich-Bern-Basel über einen Film herziehen, weil viele Medien aus einem Konzern bedient werden. Ansprüche an Qualität werden kaum gestellt. Als Verleiher hört man dafür aus Redaktionen sogenannt ernster Medien: der Film ist zu ernst, zu wenig komisch, hat keine Stars, und Ähnliches mehr.

Wie läuft das Online-Filmangebot bei Trigon? Unterminieren Sie damit nicht den genuinen Spielort des Films, das Kino?

Walter Ruggle

Der Filmpublizist Walter Ruggle leitet die Stiftung Trigon-Film seit 1999. Sein Team umfasst 10 Personen, die sich in 610 Stellenprozente teilen. Rund 60 Prozent des Budgets wird an der Kinokasse erwirtschaftet, 40 Prozent tragen Stiftung und Gönner bei. Pro Jahr finden etwa 3000 Kinovorführungen mit rund 130 Titeln statt. Die sorgfältige Filmvermittlung beginnt beim Kauf der Rechte und endet nicht bei der Untertitelung und Vermarktung. Trigon funktioniert auch als Archiv, wo die meisten der 450 Filme als DVD greifbar sind. Ein Blick auf die interaktive Film-Weltkarte der Webseite lohnt sich. Vertiefende Publikationen und Magazine begleiten die Filme. Mehr als 200 Schulen und weitere Bildungsbereiche arbeiten mit Trigon zusammen. Die Volkshochschule beider Basel zeigt die folgenden preisgekrönten Trigon-Filme: «A Separation» aus dem Iran (18.4.), «Historias Minimas» aus Argentinien (25.4.), «Bal – Honig» aus der Türkei (9.5.) und «Timbuktu» aus Mali (30.5.).


www.vhsbb.ch
www.trigon-film.org

Neben der zentralen Spezialisierung von Trigon auf Filme des Südens und Ostens: Welches sind Ihre wichtigsten künstlerischen Auswahlkriterien?

Ich wähle Filme aus, die mein Herz höher schlagen lassen, die zu sehen mich bereichert und als Teil meiner Lebenserfahrung einen Wert haben; Filme, nach denen ich existenziell und substanziell ein Mü weiter sein mag als davor. Das ist also zunächst eine ganz persönliche Auswahl, die auf langer Seh-Erfahrung beruht und auf dem Wunsch und der Freude daran, diese besonderen Erlebnisse mit andern zu teilen.

Sie haben in den letzten Jahren mehrfach die Sieger grosser Festivals, zum Beispiel in Cannes und Berlin, für Ihr Programm gewonnen. Wie schafft man das?

Das schafft man nicht, das ergibt sich, wenn man sich selber treu bleibt und den Qualitätsansprüchen, die man hat. Das sind ja keine einsamen Ansprüche, die decken sich offenbar mit anderen Filmliebhabenden, die in Jurys Einsitz nehmen. Im Gegensatz zu anderen Verleihern kaufe ich Filme nie paketweise ein, denn Filme sind kein Inhalt für Wundertüten. Ich schaue viele Filme an und wähle jedes Jahr etwa 15 aus, die ich für wichtig erachte und liebe. Bei den goldenen Bären oder Palmen hatte ich sinnigerweise kaum je Konkurrenz, Trigon war da in der Regel der einzige Verleih, der sich interessierte - jedenfalls vor der Preisverleihung.

Dennoch – die Konkurrenz wildert zunehmend in den wesentlich von Trigon aufgebauten Jagdgründen. Filme, die eigentlich in Ihr Programm gehörten, erscheinen bei andern Verleihern, oft ohne das entsprechend förderliche Umfeld. Wie gehen Sie damit um? Und wo hat Sie das vielleicht besonders geschmerzt?

Jagdgründe, dies vorweg, gefällt mir nicht – eher Liebesnester (lacht). Es gibt viel zu wenige Filme aus Lateinamerika, Asien und Afrika in unseren Kinos. Die Programme sind nord-west-lastig. Also ist es zunächst schön, wenn Trigon im Lauf der Jahre andere auf den Geschmack bringen konnte, dass Filme aus Süd und Ost spielend mithalten können, ja heute oft besser sind. Schade natürlich, dass sich das Interesse meist auf kommerziell vielversprechende Titel beschränkt und auf europäisch produzierte oder koproduzierte. Da lassen sich Fördermittel abholen. Ärgerlich sind nur unfaire Player, die Unsummen bieten für Autoren, die andere gepflegt haben, oder üble Lügenspielchen treiben, um an einen Film zu kommen, sowie jene, die paketweise einkaufen und gegen den Willen von Filmschaffenden ihrem traditionellen Verleiher entzogen werden.

Wo und wie würden Sie mit Trigon gerne noch zulegen?

Man wünscht sich als Filmliebhaber eines immer wieder: dass Filme, die einem wichtig sind, ihr Publikum finden können. Da kann man immer wieder gerne zulegen. Nicht um Geld zu verdienen, einfach um starke Erfahrungen zu teilen.

Ihre drei persönlichen Lieblingsfilme im eigenen Programm?

Ich habe das Glück gehabt, dass ich in den letzten 16 Jahren als Verleger von Filmen über 300 Werke herausbringen durfte. Das sind alles Kinder, die ich liebe und zu denen ich stehe. Man liebt vielleicht unterschiedliche Momente an ihnen, aber möchte keines hergeben. Wie soll ich nur schon unter Kurosawa, Solanas, Angelopoulos, Cissé, Tarkowski, Mizoguchi, Kiarostami drei auswählen? Alles Klassiker mit Werken von unvergänglicher Schönheit und Grösse. Wie Ceylan, Yang, Llosa, Farhadi, Guzman, Zbanic, Weerasethakul, Koreeda, Kaplanoglu, Sorin, Perez, Hernández und all die andern gegeneinander ausspielen? Zum Wunderbaren an der Edition Trigon-Film gehört für mich, dass jeder ihrer Filme auf seine Art eigenständig und herausragend ist.

Wie erklärt sich die ungeheure Dominanz des Hollywood-Films?

It’s all about money.

Was kosten heute Filmrechte für die Schweiz im Arthouse-Bereich?

Zwischen 0 und 250'000 Franken – kommt ganz darauf an, wo man die Arthouse-Grenze qualitativ legt.

Generell gefragt: Wie wird sich das Filmgeschäft, das Kino weiter verändern?

Die Digitalisierung hat es beschleunigt und wird es weiter beschleunigen. Die Kinos dürfen bei dem Tempo die Geduld nicht ganz verlieren. Die Branche als Ganzes sollte ans Publikum denken und nicht nur an die Geldbörse der Zuschauer.

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