Fredi M. Murer
«Ich muss niemandem mehr etwas beweisen»

Er hat mit «Höhenfeuer» einen der besten Schweizer Filme aller Zeiten gedreht – und hört nun auf. Im Interview spricht er über seine Beweggründe und über seinen letzten Kinofilm.

Lory Roebuck
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Fredi M. Murer in seinem Atelier in Zürich: Über fünfzig Jahre lang hat er Filme gedreht, nun hört er damit auf. GAETAN BALLY/KEY

Fredi M. Murer in seinem Atelier in Zürich: Über fünfzig Jahre lang hat er Filme gedreht, nun hört er damit auf. GAETAN BALLY/KEY

Fredi Murer, «Liebe und Zufall» ist Ihr letzter Film. Warum hören Sie auf?

Fredi M. Murer: Eigentlich fühle ich mich unpensionierbar! (Lacht.) Als ich vor 50 Jahren anfing, waren wir eine Gruppe von sieben oder acht Schweizer Filmemachern. Heute sind es etwa 300 bis 400. Aber die finanziellen Mittel haben nicht in gleichem Mass zugenommen, sie werden immer knapper. Bei «Liebe und Zufall» hat allein die Geldsucherei drei Jahre in Anspruch genommen. Das ist zu viel. Ich bin jetzt 74. Die Energie nimmt im Alter nicht unbedingt zu. Stoffe und Ideen hätte ich genug. Aber den Geldsuch-Darwinismus ertrage ich nicht mehr.

Was meinen Sie damit?

Ich habe in den letzten Jahren x Drehbücher geschrieben, aber sie wurden immer wieder abgelehnt. In den Gremien, die darüber entscheiden, sitzen Leute, die noch nie auf einem Filmset waren. Wildfremde Menschen, die mein Drehbuch umschreiben wollen. Und sie reden mit mir, als hätte ich noch nie einen Film gedreht. Nach fünfzig Jahren Filmemachen erwarte ich, dass mir auch ein wenig Vertrauen entgegengebracht wird. Das Herumnörgeln an Kommastellen empfand ich als ziemlich demütigend.

Haben Sie als Künstler alles gesagt, was Sie sagen wollten?

Das hat man wahrscheinlich nie. Ich habe noch ein paar andere Projekte, die nichts mit Film zu tun haben. Konkret möchte ich noch nichts verraten. Es sind Dinge, die ich immer vor mich hergeschoben habe. Und ich möchte mir auch mehr Zeit für Familie und Freunde nehmen.

«Liebe und Zufall» handelt von Abschluss und Abschiednehmen. Zufall?

Nicht ganz. Meine Mutter überreichte mir an ihrem 90. Geburtstag vier handgeschriebene Romane und ihre Autobiografie. Sie sagte: «Fredi, du solltest lieber mal einen Roman von mir verfilmen, dann kommen die Leute wenigstens draus.»

Und diese Romane gaben Ihnen die Idee zum Film?

Ja. Einer davon trug den Titel «Liebe und Zufall». Ich habe ihn erst nach ihrem Tod gelesen – und war erstaunt, wie offen sie darin schreibt. Das hat mich sehr berührt. Ich war schon mit 17 von zu Hause weggezogen. Nun fragte ich mich, warum ich mir nie Zeit genommen hatte, um mir von meiner Mutter ihr Leben erzählen zu lassen. Meine Hauptfigur im Film, Elise, ist ihr nachempfunden. Diesen Film zu machen, war für mich auch eine Art Trauerarbeit. Mit ihm habe ich das Gefühl, etwas abgeschlossen zu haben. Ich muss niemandem mehr etwas beweisen.

Ein zentrales Thema in «Liebe und Zufall» ist auch die Frage nach dem eigenen Vermächtnis.

Im Film sagt Paul, ein ehemaliger Architekt, dem Theatermann Enrique: «Wenn dir ein Theaterstück misslingt, hat man es nach zwei Stunden hinter sich. Aber schlechte Architektur steht da bis in alle Ewigkeit.» Für ihn ist es unerträglich, dass seine Häuser ihn überleben.

Wie blicken Sie auf Ihr eigenes künstlerisches Vermächtnis zurück?

Im Gegensatz zu Paul entschied ich mich ganz am Anfang meiner Karriere gegen Auftragsarbeit. Das Medium Film wollte ich ausschliesslich für meinen persönlichen künstlerischen Ausdruck verwenden. Das war mein Credo, dem ich bis heute treu geblieben bin.

«Höhenfeuer» (1984) wird wohl für immer als Ihr künstlerisch vollkommenster Film in Erinnerung bleiben. Teilen Sie diese Einschätzung?

Ja. Ich wollte damals bloss keinen Heimatfilm machen. Mein Kameramann und ich orientierten uns an den strengen Bildern des japanischen Kinos. Wir rückten die Menschen und ihre Arbeit in den Mittelpunkt und nicht wie beim Ur-Heidi-Film die schöne Schweizer Bergwelt. Ich schätze die Langsamkeit des Films, sie ist wie der unerbittliche dramaturgische Motor von Ravels «Bolero».

Sie werden eine grosse Lücke hinterlassen. Wie schätzen Sie die aktuelle Schweizer Regie-Generation ein?

Ich war während der letzten fünf Jahre stark auf meinen eigenen Film fokussiert und habe ein wenig den Kontakt verloren. Ich zweifle aber nicht daran, dass jede Generation ihre eigenen Talente hervorbringt. Diese müssen ihre Leidenschaft in den Mittelpunkt stellen. Und Produzenten von ihrer Vision überzeugen. Die vielen Kompromisse in unserem Fördersystem führen generell zu Mittelmass.

In «Liebe und Zufall» sagt jemand: «Altwerden ist ein Desaster». Empfinden Sie das auch?

Ich habe keinen Altersfrust. Ich habe meine Filme gemacht, habe Familie und Freunde. Ich bin gesund und habe Pläne. Aber als alter Tattergreis auf einem Filmset sehe ich mich nicht mehr rumstehen.

Werden Sie der Schweizer Filmszene nach Ihrem Abgang in irgendeiner Form erhalten bleiben?

Ich lebe ja noch! Wenn jemand etwas von mir wissen will, dann kann er einfach anrufen. (Lacht.)

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