Zurich Film Festival
«Ich habe meinen ersten Film verloren»

Der Schweizer Film- und Theaterregisseur Cihan Inan zeigt seinen Episoden Film «180°» am Zurich Film Festival.

Evelyne Baumberger
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Im Film «180°» geht es um Menschen, deren Leben sich auf einen Schlag völlig verändert. Ist Ihnen so etwas schon einmal passiert?

Cihan Inan: Ich habe 2003 meinen ersten Film verloren. Das war eine 180-Grad-Wendung für mich, weil ich den Film fertig gedreht hatte, und dann wurde er am Hauptbahnhof in Freiburg in Deutschland gestohlen. Ich hatte drei Jahre lang daran gearbeitet, den Film mit Freunden zusammen selber finanziert, ich war von einem Moment auf den anderen hoch verschuldet und musste noch einmal ganz von vorne anfangen.

Wie ging es Ihnen damals?

Inan: Ehrlich gesagt dachte ich: nächste Brücke, runterspringen. Ich habe danach drei Monate lang gesucht, via Anschlagbretter, Fundbüros, Grenzpolizei, ein Privatdetektiv, der Kofferschlepperbanden ausfindig machte, bis zu Hellsehern, die mir sagten, wo der Koffer liegen könnte. Ich habe sehr viel gearbeitet, um Geld zu verdienen, und dachte nebenbei nur noch, ich muss jetzt noch einmal einen Film machen.

Den Film «Pelotudo» noch einmal zu drehen, kam nicht infrage?

Inan: Nein, nie. Der Dreh in der Türkei im Hitzesommer 2003 mit 50 Menschen aus der Schweiz, Deutschland, Österreich war ein einmaliges Erlebnis. Ich wollte nach diesem Schicksalsschlag nur vergessen und Abschied nehmen, etwas Neues beginnen.

Ist das Ihr Rezept bei einem Verlust – abschliessen und in die Zukunft blicken?

Inan: Absolut. In «180°» geht es auch um Verlust. Den Verlust, den ich erlebt hatte, kann man natürlich nicht mit dem Verlust eines Kindes vergleichen, aber emotional konnte ich den für mich glaubwürdig in den neuen Film verpacken. Jeder geht anders damit um, der eine läuft Amok, der türkische Vater schreit herum, die deutsche Mutter ist am Verzweifeln.

Gerade von der Mutter, die ihr Kind verliert, hätte man einen Zusammenbruch erwartet. Sie haben sich dafür entschieden, dass sie äusserlich ganz ruhig bleibt. Wie fühlt man sich in solche Menschen hinein?

Inan: Es sind alles Figuren, die ich irgendwie kenne, die Typen und Charaktere. Ich wollte die deutsche Mutter bewusst kühl zeichnen, eine, die zwar eine Freundin hat, dort wo sie arbeitet, mit der sie aber nicht wirklich warm wird. Auch die Thematik Schweizer – Deutsche wollte ich darin verpacken. Man merkt auch, dass ihre Ehe nicht mehr funktioniert. Mit meinen Entscheidungen wollte ich ein Kaleidoskop von emotionalen Unterschieden zeigen, ein Abbild von jeglichem menschlichen Erleben.

Der rote Faden im Film ist der Amokläufer, basierend auf einer realen Geschichte. Warum er?

Inan: Mit 17 war ich in Wohlen in der Kanti, als Günther Tschanun an seinem Arbeitsplatz vier Menschen erschoss. Ich werde das Bild von ihm nie vergessen, er hatte einen warmen Gesichtsausdruck, krauses Haar, und sah einfach nicht wie ein Massenmörder aus. Der soll vier Leute exekutiert haben?! Das gab mir als 17-Jähriger einen neuen Blick: Das, was du siehst, ist nicht das, was es ist. Das hat mich auch im Theater immer beschäftigt. Der Fall Tschanun liess mich nicht mehr los. Ich wollte in «180°» eine Situation zeigen, bei der die ganze Medienwelt mitdreht, die Polizei und die Ämter, und dazu eine Parallelwelt schaffen, die ebenso dramatisch ist, aber ausserhalb keinen interessiert. Die Welten sollen sich nicht relativieren, aber zeigen, dass zu jedem Zeitpunkt irgendetwas passiert.

Die Armeewaffenproblematik ist in Ihrem Film ein Thema...

Inan: Ganz bewusst. Ich bin gegen Waffen, hundert Prozent. Immer wieder passieren Unfälle und Verbrechen, zu denen die Möglichkeiten nicht gegeben wären, hätten nicht so viele Leute ein Sturmgewehr zu Hause. Ich weiss aber auch nicht, was in jemandem vorgeht, der sich entschliesst, auf jemand anderes zu schiessen. Das Gleiche herrscht ja in Amerika.

Verstehen Sie Ihren Film als Statement?

Inan: Auf jeden Fall. Ich habe immer gesagt, wenn ich die Möglichkeit habe, mit einem Film oder Theater an die Öffentlichkeit zu treten, möchte ich die Menschen zum Nachdenken bringen. Kino hat jedoch eine viel grössere Breitenwirkung. Ich zeige eine Bestandesaufnahme des multikulturellen Zürich, die eine positive ist. Wie gehen die Leute mit alltäglichen Dramen um?

Wie haben Ihre Eltern reagiert, als Sie eine Künstlerkarriere eingeschlagen haben?

Inan: Sie haben ganz lange nicht begriffen, was ich mache. Meine Eltern sind Türken, und als ich mein Studium nach sechs Jahren abbrach, dachten sie, das sei nur vorübergehend. Erst als sie meine ersten Aufführungen in Deutschland besuchten, merkten sie, dass ich etwas ganz anderes machte, als das, was sie dachten. Das war für sie eine ganz fremde Welt.

Man will einen Film nicht auf den culture clash reduzieren, doch es ist ein wichtiger Aspekt in «180°». Welche Rolle spielt das Thema für Sie?

Inan: Es ist bewusst ein multikultureller Film. In der Schweiz, zum Beispiel in Zürich, funktioniert das Nebeneinander ja sehr gut. Ich habe mich selbst nie wirklich als Türke gefühlt, weil ich in der Schweiz geboren und aufgewachsen bin, und hatte die typischen Probleme von Ausländerkindern nicht. Ich hatte liberale Eltern, für die die Hauptsache war, dass ich gut in der Schule war. Ich heisse nicht wie ein typischer Türke und sehe auch nicht so aus.