Solothurner Filmtage

Hat die Schweiz ein Kurzfilm-Problem?

Sie gewinnen Preise und laufen an grossen Festivals, doch keiner will sie mehr produzieren. Das Fördersystem für Kurzfilme sei zusammengebrochen, monieren die Beteiligten.

Dario Pollice
Drucken
Teilen
«All Inclusive» ist einer der Kurzfilme, die an den Filmtagen gezeigt werden.

«All Inclusive» ist einer der Kurzfilme, die an den Filmtagen gezeigt werden.

zvg

Steckt der Schweizer Kurzfilm in der Krise? An den Solothurner Filmtagen soll in einer Diskussionsrunde erörtert werden, warum sich die Herstellung von Kurzfilmen hierzulande kaum noch lohnt und was dagegen unternommen werden kann.

Das macht stutzig. Dem Schweizer Kurzfilm geht es gemäss verschiedenen Berichten gut. Festivals wie die Internationalen Kurzfilmtage Winterthur verzeichnen hohe Besucherzahlen. Zudem stellte die Promotionsagentur Swiss Films fest, dass «Schweizer Kurzfilme 2018 weiter auf Erfolgskurs» seien und insgesamt acht Schweizer Kurzfilme für eine Oscar-Nomination zulässig waren. Wo also drückt der Schuh?

Die Luzerner Regisseurin Corina Schwingruber Ilić zeigte ihren Kurzfilm «All Inclusive» letztes Jahr am Filmfestival in Venedig und ist Mitbegründerin des Kurzfilmverbandes Pro Short, der an der Diskussionsrunde teilnimmt. Auf Nachfrage sagt sie, dass es qualitativ zwar gut um den Schweizer Kurzfilm stehe, dessen Finanzierung aber extrem schwierig sei. «Es ist ein riesiger Aufwand. Für sehr viele Produzenten lohnt es sich einfach nicht mehr, einen Kurzfilm zu machen.»

Corina Schwingruber Ilić, Regisseurin und Mitglied des Kurzfilmverbands Pro Short: «Onlineplattformen könnten ein Push für den Kurzfilm sein.»

Corina Schwingruber Ilić, Regisseurin und Mitglied des Kurzfilmverbands Pro Short: «Onlineplattformen könnten ein Push für den Kurzfilm sein.»

Stefan Eichenberger, Filmproduzent: «Ein Kurzfilm gibt viel zu tun, bringt aber finanziell kaum etwas ein.»

Stefan Eichenberger, Filmproduzent: «Ein Kurzfilm gibt viel zu tun, bringt aber finanziell kaum etwas ein.»

Einer der Produzenten ist Stefan Eichenberger von Contrast Film. Zwei seiner Kurzfilme, «Parvaneh» (2012) und «Un mundo para Raúl» (2012), wurden mit dem Studenten-Oscar ausgezeichnet. Heute setzt Eichenberger vor allem auf Langspielfilme wie «Der Läufer» (2018), nicht zuletzt aus finanzielle Gründen. «Wenn man als Produzent vom Filmemachen leben will, kann man nicht sein ganzes Leben lang Kurzfilme produzieren.» Auch Eichenberger betont die grosse Diskrepanz zwischen Aufwand und Ertrag: «Nur weil ein Kurzfilm zehnmal kürzer ist als ein Langfilm, heisst das nicht, dass er zehnmal weniger zu tun gibt, bringt aber finanziell kaum etwas ein.»

Fördergelder gestrichen

Heutzutage beschränkt sich die Sichtbarkeit von Kurzfilmen hauptsächlich auf Filmfestivals. Vor wenigen Jahren liefen Kurzspielfilme teilweise in Kinos als Vorfilm eines Langfilms. Doch 2012 brach dieses Modell jäh ein. Sowohl Eichenberger als auch Schwingruber Ilić sehen den Grund dafür: 2012 entschied das Bundesamt für Kultur (BAK), den Kinos die Prämien für Kurzfilme aus dem Fördersystem Succès Cinéma zu streichen. Mit diesen Prämien unterstützt der Bund Schweizer Filme aufgrund ihres Erfolgs an der Kinokasse und an Filmfestivals. Gleichzeitig unterstützt er Filmverleiher und Kinobetriebe, wenn sie Schweizer Filme zeigen.

Bei Kurzfilmen ist dieses System seit 2012 nur noch auf Filmfestivals anwendbar und nicht mehr auf Kinos. «Mit der Abschaffung dieses Anreizsystems überrascht es nicht, dass seither kaum mehr ein Verleiher einen Kurzfilm aufgenommen hat», erklärt Eichenberger.

Director’s choice: Die persönlichen Kurzfilmtipps von Filmtage-Direktorin Seraina Rohrer:

1. Selfies von Claudius Gentinetta Heute schon ein Selfie gepostet? Von der Wiege bis zur Bahre fotografieren, teilen und taggen wir, was das Handy hergibt: #me, #like, #picoftheday. Claudius Gentinetta animiert zahllose Selfies zu einem phänomenalen Trip durch die Höhen und Tiefen unserer Existenz. #NoFilter!
10 Bilder
2. Kleingolf von Marvin Meckes Aus Spass wird bitterer Ernst an den Minigolf-Schweizer-Meisterschaften. Auf der Anlage zählen Konzentration und Geschick ebenso wie gutes Ballmaterial und Sachverstand. Marvin Meckes beobachtet einen Mikrokosmos, findet im Kleinen viel Grosses und erhascht einen Blick ins Herz der Schweiz.
3. Frida von Yvonne Pispico Vergilbte Fotos, künstliche Blumen und ein Zeitungsausschnitt. In sparsamen fotografischen Einstellungen entfaltet sich Fridas Lebensgeschichte, von der Hochzeit über die Geburt der Kinder hin zum Moment, der alles veränderte. Ohne die Erzählerin je zu sehen, sind wir ihr doch ganz nah.
4. Uno strano processo von Marcel Barelli Die Jagd teilt die Welt in zwei Lager: Menschen und Tiere, Männer und Frauen, oder Fleischesser und Vegetarier. Gekonnt verknüpft Jägersohn Barelli Zeichnungen mit dokumentarischen Sequenzen und Bildern aus dem Familienarchiv. Ein filmischer Schauprozess voller Humor!
5. Tote Tiere von David Oesch und Remo Rickenbacher Röbus Katze ist zwar schon länger tot, aber so richtig Abschied nehmen mag er nicht. Als der Eigenbrötler den Weg zur Kadaver-Sammelstelle endlich auf sich nimmt, betritt er eine neue Welt. Hauptdarsteller Matto Kämpf läuft in trockener Manier zu komödiantischer Hochform auf. Haben sie kürzlich ein Haustier verloren, empfehlen wir ein Taschentuch.
6. Krähen schiessen von Christine Hürzeler Krähen gehen nie auf ein verletztes Lebewesen los, hat der Wildhüter einmal gesagt. Doch diese Gewissheit bröckelt, als in seinem Park eine Frau verschwindet und ein Schuh gefunden wird. «Die Vögel» kreisen am Horizont. Christine Hürzelers experimenteller Tierfilm ist ein Krimi der anderen Art.
7. All Inclusive von Corina Schwingruber Ilić Auf den Weltmeeren gleicht ein Tag dem anderen, doch für Unterhaltung ist gesorgt. Ohne Worte, aber mit sprechenden Bildern nähert sich Corina Schwingruber Ilić dem Phänomen Kreuzfahrt: mal künstlich, mal schrill, mal lustig, immer faszinierend. Alles inbegriffen halt.
8. Brother Move on von Antshi von Moos Lastwagen, Tuk-Tuks und mittendrin ein weisses Taxi. Geeta manövriert ihren «Cab for women by women» durch Neu-Delhis Strassen. Während die junge Frau sich mutig einen Weg bahnt, erzählt sie von Belästigung und nächtlichen Pannen, von Selbstbestimmung und gesellschaftlichem Wandel: Sie weiss, sie sitzt in einem Vehikel der Emanzipation.
9. Soy tu Papá von Garrick J Lauterbach Azul starrt hypnotisiert in den Fernseher. Telenovelas ziehen die 8-Jährige in Bann. Bald wird ein Puppenhaus zum Filmset, verwandeln sich Plüschfiguren in Serienhelden, und die Lage eskaliert. Eine überspitzte, fantasievolle Hommage an den dramatischen Exzess lateinamerikanischer Seifenopern.
10. Ligne noire von Mark Olexa und Francesca Scalisi Während eine Frau ihr Netz nach Nahrung auswirft, ziehen Fischer Abfall aus dem Fluss. In wenigen Einstellungen erfassen Mark Olexa und Francesca Scalisi das Ausmass einer Umweltkatastrophe, um die niemand ein Aufheben macht. Im Wettbewerb «Prix de Soleure» zeigt das Regie-Duo übrigens den ebenso brisanten Dokumentarfilm «Digitalkarma».

1. Selfies von Claudius Gentinetta Heute schon ein Selfie gepostet? Von der Wiege bis zur Bahre fotografieren, teilen und taggen wir, was das Handy hergibt: #me, #like, #picoftheday. Claudius Gentinetta animiert zahllose Selfies zu einem phänomenalen Trip durch die Höhen und Tiefen unserer Existenz. #NoFilter!

HO

War früher in Sachen Kurzfilm also alles besser? Fred Truniger, Leiter Master Film an der Hochschule Luzern HSLU, relativiert: «Innerhalb der Schweizer Filmgeschichte hatte der Kurzfilm immer einen schweren Stand.» Doch die Kritik am Fördersystem sei deshalb nicht unberechtigt. «Man kann auf jeden Fall kritisieren, dass das System heute stärker auf Erfolg und Langfilme ausgerichtet ist und die Förderung des Kurzfilms noch stärker marginalisiert wird, als er das in den letzten Jahrzehnten war», so der Dozent.

Trotz seiner Erfolge ist die Zukunft des Kurzfilms demnach keineswegs gesichert. Um ihm politisch mehr Gewicht zu verschaffen, hat Corina Schwingruber Ilić zusammen mit ihrem Ehemann Nikola Ilić und mit John Canciani, künstlerischer Direktor der Winterthurer Kurzfilmtage, vor zwei Jahren Pro Short gegründet. Inzwischen zählt der Verband über 80 Mitglieder inklusive aller grossen Filmschulen. Obwohl das heutige Fördersystem für Kurzfilme suboptimal ist, stellt Schwingruber Ilić nicht das System als Ganzes infrage: «Das Succès-System ist eigentlich super, aber die Kurzfilm-Förderung hat meiner Meinung nach viele Baustellen. Doch wir wollen nicht nur auf die Pauke hauen und kritisieren, sondern Lösungen mit den Beteiligten suchen. Darum ist die Diskussionsrunde in Solothurn für uns sehr wichtig.»

Bessere Perspektiven online?

Ein Diskussionspunkt, der aufgegriffen werden dürfte, ist die Förderung des Onlinebereichs. «Es wurde verschlafen, dass Filme auch als reine Onlineformate produziert werden und nicht mehr über das Kino, Fernsehen und Festivals finanziert werden», betont Truniger von der HSLU.

Corina Schwingruber Ilić sieht ebenfalls Nachholbedarf in der Förderung des Onlinebereichs: «Die Leute fragen mich ständig, wo sie Kurzfilme sehen können, da sie oft nur an Festivals zu sehen sind. Jetzt findet ein Wandel statt, immer mehr Onlineplattformen wollen Kurzfilme zeigen. Online und Video-on-Demand sind unsere Zukunft und könnten ein Push für den Kurzfilm sein.»

  • Solothurner Filmtage: 24.-31. Januar
  • Film-Brunch Pro Short, Sa, 26. Januar, 10 Uhr, Barock Café & Bar.