Les Misérables
Ganz grosses Gefühlskino mit Stars in Lumpengewänder

«Les Misérables» wurde schon dutzendfach verfilmt. Die neue, Oscar-nominierte Version ist jedoch ganz grosses Gefühlskino. Die neue Version basiert nicht direkt auf dem Roman, sondern auf der offiziellen Musicalversion des Stoffes.

Georges Wyrsch
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Anne Hathaway (vorne) hat mit ihrer berührenden Darstellung der Fantine ihren Oscar als beste Nebendarstellerin quasi auf sicher.

Anne Hathaway (vorne) hat mit ihrer berührenden Darstellung der Fantine ihren Oscar als beste Nebendarstellerin quasi auf sicher.

Universal

Bereits zur Stummfilmzeit waren Valjean, Javert, Fantine, Cosette, Gavroche und die scheinheiligen Thénardiers gleich mehrmals auf der Leinwand zu sehen. Insgesamt sind bis heute rund 25 Verfilmungen des Literaturklassikers «Les Misérables» von Victor Hugo entstanden, und die Rolle des Jean Valjean wurde von Grössen wie Jean Gabin, Lino Ventura, Jean-Paul Belmondo und Gérard Depardieu verkörpert. Liam Neeson spielte Valjean in der letzten Leinwandverfilmung von 1998, und diesmal ist es Hugh Jackman, der in die Haut des gebrochenen Ex-Sträflings schlüpft, dessen Läuterung im Zentrum der Geschichte steht.
Emotionales Singspiel
Doch die neuste Auflage von «Les Misérables» unterscheidet sich durch einen wesentlichen Aspekt von ihren zahlreichen Vorgängern: Sie basiert nicht direkt auf dem Roman, sondern auf der offiziellen Musicalversion des Stoffes, die seit Jahrzehnten international erfolgreich aufgeführt wird und deren Songs mittlerweile als eigenständige Klassiker gelten.

Doch «Les Miz» - wie das Musical im Volksmund genannt wird - hatte bei aller Popularität immer auch mit einem Vorurteil zu kämpfen: Es wurde in den Feuilletons wiederholt als geschmacklos empfunden, dass eine tragische Geschichte, die in den Armenvierteln von Montreuil spielt und von Hunger, Elend, tödlichen Krankheiten und Zwangsprostitution handelt, als opulentes Spektakel mit tanzenden Waisenkindern aufgeführt wird. Dieser Vorwurf wird nun - insbesondere in der französischen Presse - auch gegenüber der Musicalverfilmung wieder laut. Dabei war der Regisseur Tom Hooper (Oscar für «The King's Speech») darum bemüht, dieser Kritik auszuweichen.
Es werden keine Tänze aufgeführt in Hoopers «Les Misérables», und die Kamera verzichtet in den meisten Fällen auf imposante Totalen. Stattdessen gewichtet sie die Nähe zu den Protagonisten, die ihre Gesangsparts im Direktton vor laufender Kamera einsingen. Statt auf Theatralik und grosse Gesten setzt Hooper auf Intimität und authentische Gefühle.
Aber kann das wirklich funktionieren? Der Einstieg ist gewöhnungsbedürftig: Während sich ein töneschmetternder Hugh Jackman und ein angestrengt wirkender Russell Crowe (als Javert) ein halb gesprochenes, halb gesungenes Wortgefecht liefern, liegt noch unfreiwillige Komik in der Luft. Doch siehe da: Schnell gewöhnen sich Augen und Ohren an das Gebotene, und der Gesang lenkt nicht länger von den dramatischen Situationen ab, sondern intensiviert sie.
Überzeugendes Schauspiel
Die Rechnung geht auf: «Les Misérables» ist in dieser Form eine hochemotionale Angelegenheit, weit entfernt vom sozialen Realismus der Romanvorlage zwar, aber aufrichtig in seinem Bestreben, die Zuschauer möglichst stark in die diversen Schicksalsschläge zu involvieren, die den Figuren im Verlauf der langen Geschichte widerfahren. Dass dies auch gelingt, liegt in erster Linie an den Darstellern, die der schweren Aufgabe gewachsen sind: Neben Jackman und Crowe brillieren Amanda Seyfried, Sacha Baron Cohen, Helena Bonham Carter, Eddie Redmayne und vor allem Anne Hathaway, die ihren Oscar als beste Nebendarstellerin hiermit quasi auf sicher hat.
«Les Misérables» vereint viel Talent und wird sein Zielpublikum zweifellos berühren. Nüchtern betrachtet ist der überlange Film zwar enorm kitschig, larmoyant und pathetisch - aber all das will er auch sein. Wer sich eine psychologisch ambivalentere oder historisch akkuratere Adaptation des Stoffes wünscht, kann immer noch auf die eingangs erwähnten Alternativen zurückgreifen. Wer sich hingegen gerne ungehemmt grossen Gefühlen hingibt, ist hier an der richtigen Adresse.

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