Wo Bären weiden wie die Kühe und die Nähe zu diesem Schweizer Forscher suchen

Im neuen Kinofilm «Der Bär in mir» erinnert der Biologe David Bittner an Timothy Treadwell, den «Grizzly Man» von 2005. Beide suchen sie die Nähe zu den wilden Bären, Treadwell geriet einem der Bären zwischen die Krallen und starb. Was Bittner anders macht.

Daniel Fuchs
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Die Begegnung mit einer Bärenmutter und ihren Jungen gilt gemeinhin als lebensgefährlich. David Bittner kommt auch ihnen problemlos sehr nahe.

Die Begegnung mit einer Bärenmutter und ihren Jungen gilt gemeinhin als lebensgefährlich. David Bittner kommt auch ihnen problemlos sehr nahe.

Bild: Cineworx

Fische weckten David Bittners Interesse am Bär. Denn wo sich viele Fische tummeln, ist der Bär nicht weit. Zumindest ist das in Alaska so. Und dorthin hat es den Biologen, der im Auftrag des Kantons Aargau die Renaturierung von Bächen vorantreibt, immer wieder gezogen.

Ein neuer Film dokumentiert die Begegnungen des 42-Jährigen mit den wilden Bären Alaskas nun. «Der Bär in mir» läuft ab heute im Kino. ­14-mal war Bittner schon bei den Bären in Alaska, das erste Mal 2002. Zweimal liess er sich dabei von einem Filmer begleiten, das letzte Mal 2013 vom Schweizer Roman Droux. 

David Bittner setzt oder kniet sich hin und lässt die Bären zu sich kommen.

David Bittner setzt oder kniet sich hin und lässt die Bären zu sich kommen.

Bild: Cineworx

Wie ist das möglich? Warum suchen die Bären die Nähe?

Drei Monate waren die beiden im Katmai-Nationalpark im Süden Alaskas und beobachteten die mächtigen Braunbären. Aus dem mitgebrachten Material und den Archivaufnahmen Bittners hat Droux einen Film gemacht, dessen Bilder einen träumen, manchmal aber auch den Kopf schütteln lassen ob der ­intimen Nähe seines Protagonisten zu den wilden Tieren.

Wem das bekannt vorkommt, hat vermutlich 2013 den SRF-Dokfilm über exakt denselben David Bittner gesehen. Die Bilder stammten von einem Briten, der Bittner 2009 begleitete. Für SRF zusammengeschnitten und zum Dok gemacht hat sie schon damals Roman Droux, der sich daraufhin ebenfalls an Bittners Fersen heftete.

An noch einen Film erinnert «Der Bär in mir»: Werner Herzogs «Grizzly Man» von 2005, der die Exkursionen von Timothy Treadwell thematisierte. Treadwells Fall wurde auf tragische Weise berühmt, weil er und seine Begleiterin von einem Bären getötet wurden. Ausgerechnet in derselben Gegend, in der Bittner jeweils campiert.

Der Vergleich stört Bittner. Im Gespräch erklärt er, was ihn von Treadwell unterscheide. Zwar suche er die Begegnungen mit den wilden Tieren, doch, so Bittner, zur Nähe von bis zu zwei Metern komme es nur, wenn der Bär das selbst wolle. «Ich habe noch nie einen Bären berührt.» Er betont, er gehe nie auf den Bären zu, vielmehr lasse er die Bären auf sich zukommen, sofern sie das wollten. Auch wenn es schon zu heiklen Situationen gekommen sei, «waren das ganz wenige, und es handelte sich jeweils um einen mir noch ungekannten Bär».

Treadwells Einsatz für den Schutz der Bären dagegen war gefährlich. Einzelne Jungbären berührte er, und er schützte sich – wieder im Unterschied zu Bittner – weder mit einem Pfefferspray am Gurt noch mit einem Elektrozaun ums Camp. Wie vorsichtig Bittner hingegen vorgeht, bestätigen Teilnehmer von Bärenexkursionen, die Bittner nach Alaska anbietet.

Im Camp immer hinter Elektrozaun: Bittner (rechts) und Filmer Droux in ihrem Zuhause für drei Monate.

Im Camp immer hinter Elektrozaun: Bittner (rechts) und Filmer Droux in ihrem Zuhause für drei Monate.

Bild: Cineworx

Keine wilde Bestie, ein Nebeneinander ist möglich

Bittner will den Bären darstellen als Tier, mit dem es in der Natur zu friedfertigen Begegnungen kommt. Es gefällt ihm nicht, dass dieser Artikel und auch der Film von Droux die gefährlichen Seiten thematisiert, die solch nahe Begegnungen mit sich bringen können. «Von einzelnen Bären geht vielleicht ein höheres Risiko aus. Bären haben die unterschiedlichsten Charaktere, aber man darf nicht alle unter Generalverdacht stellen», sagt er. Fast ist es für Bittner so wie beim Menschen: Es gibt ein paar Psychopathen, der Rest verhält sich okay.

«Man darf nicht alle Bären unter Generalverdacht stellen.»

Bittners fast schon intime Nähe zu den Bären und die Aufnahmen weidender Bären im üppigen Grasland gehören zu den Highlights von «Der Bär in mir». Staunend lauscht man, wie er zu den Bären spricht, denen er sogar Namen wie Balu gegeben hat. Oder man wendet sich ab, weil eine Bärenmutter eines der Jungtiere seinem Schicksal überlässt.

Auch Filmer Roman Droux kamen die Tiere sehr nahe.

Auch Filmer Roman Droux kamen die Tiere sehr nahe.

Bild: Cineworx

Stört Bittners Präsenz den Lauf der Dinge in der Wildnis? Oder nicht? Davon kann sich jeder Kinobesucher selbst ein Bild machen. Für Bittner jedenfalls ist klar: Seine Arbeit korrigiert das Bild der wilden Bestie, das die Menschen in ihren Köpfen tragen. Zum Beispiel wegen des Spielfilms «The Revenant» (2015) mit Leonardo di Caprio als dauerdurchnässtem Jäger in der Hauptrolle. In der Schlüsselszene nimmt eine aufgeschreckte Bärenmutter di Caprio zwischen die Krallen. Für Bittner die sehr realistische Darstellung der Unterlegenheit eines Menschen gegenüber einem angreifenden Bären. Und geradezu ­exemplarisch dafür, wann es zu Angriffen auf Menschen kommt: Zum Beispiel wenn ein Jäger auf der Pirsch zwischen eine Bärenmutter und ihre Jungen gerät, weil er sich nicht bemerkbar gemacht hat. Situationen, die Bittner unbedingt vermeiden will. Deshalb stapft er im Film durch die Wildnis und ruft immerzu «Hey, bear!», um auf sich aufmerksam zu machen. Die Bären sollen die Wahl haben zu bleiben oder abzuhauen.

Bären werden immer wieder ihren Weg in die Schweiz finden

Auch in der Schweiz sind sich Bären und Menschen schon begegnet, seit einzelne Tiere ihren Weg wieder ins Land gefunden haben. Der Umgang damit müsse gelernt werden, findet Bittner. Denn der Bär hat für ihn seinen Platz in der Schweiz. Auch an einem Flussufer im ­besiedelten Unterland? Wohl kaum, sagt Bittner. Doch mehr Bären werden ihren Weg in die Schweiz finden, ist er überzeugt. Im Alpenraum gebe es Lebensraum für Bären. Vielleicht weniger wegen der Fischgründe, dafür umso mehr wegen des Wilds, das sich in der Schweiz gut vermehrt.

«Der Bär in mir» (CH 2019, 92 Min.), R: Roman Droux. Ab heute im Kino.

Hier geht's zum Filmtrailer: