Fernsehen
SRF zwischen Stadt und Land: In dieser neuen Serie geht es um eine realistische Bauernschweiz

In «Neumatt» steht eine Bauernfamilie vor dem Nichts. Gotthelf-Stoff? Nur dem Klang nach, denn die neue Serie trifft einen Nerv der Zeit.

Daniel Fuchs
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Der ernsthafte Versuch zum Sichern der Zukunft: Michi (Julian Koechlin, rechts) und sein Freund Joel (Benito Bause) schnuppern Landluft.

Der ernsthafte Versuch zum Sichern der Zukunft: Michi (Julian Koechlin, rechts) und sein Freund Joel (Benito Bause) schnuppern Landluft.

Bild: SRF

Was passiert, wenn die Garde der Schweizer Filmemacherinnen an einer neuen Serie für den Landessender SRF über eine Bauernfamilie herumtüftelt? Im Fall von «Neumatt» viel Gutes, Wahres und nur wenig Gotthelf-Schnyder-Romantik. Pe­tra Volpe gab vor Jahren den Impuls zu einer Serie, nachdem sie über die hohe Selbstmordrate bei Landwirten gelesen hatte. Sabine Boss und Pierre Monnard übernahmen nun die Regie.

«Neumatt» handelt vom Drama der Bauernfamilie Wyss. Ihr Hof, die Neumatt, in Nachbarschaft zu Einfamilienhaussiedlungen und zur Autobahnauffahrt, steht vor einer schwierigen Zukunft. Das realisiert der Sohn Michi (Julian Koechlin), der in Zürich eine steile Karriere als ruheloser und koksender Firmenberater verfolgt und auf den elterlichen Hof heimkehren muss, nachdem sein Vater Selbstmord begangen hat.

Michi findet bündelweise Schuldscheine, und während sich innerfamiliär ein Konflikt auftut ums Erbe, setzt sich Michi zum Ziel, seinem jüngeren Bruder Lorenz (Jérôme Humm) unter die Arme zu greifen und den Betrieb für die Zukunft zu rüsten.

Auf dem Land sollen selbst ­Städter zu Fleischessern werden

Wäre da nicht die Schwester Sarah (Sophie Hutter), die sich durch einen Verkauf des Betriebs neuen Schwung für ihr ins Stocken geratenes Fitnessstudio erhofft und mit der Gemeindepräsidentin Pläne für den Verkauf des Hofs schmiedet. Unterdessen muss Lorenz um die Befähigung als Landwirt bangen, weil ihm der Schulstoff nicht liegt, und Michi setzt seine Pläne durch, indem er den Betrieb mit Hochleistungsrindern samt ihren «dicken Schöppen» (Zitat Sarah) aufmöbelt.

Dass er auf zwei Hochzeiten tanzt, weil er als Consultant den grössten Milch­multi der Schweiz zu retten versucht, weiss nur Michis neuer Freund Joel. Natürlich wird das Mandat Michi um die Ohren fliegen, es bahnt sich ein regelrechter Bauernaufstand an.

Mittendrin stehen Wysses, hin- und hergerissen, ob eine Weiterführung des Betriebs oder dessen Aufgabe besser ist für die Existenz der Familie, über deren Zukunft auch die Grossmutter ein Wörtchen mitreden will.

Abseits dieses Konflikts spielen sich in dieser Serie von SRF weitere Dramen des Lebens ab. Michis Coming-out als Homosexueller kommt besser an als befürchtet auf dem Lande, bringt jedoch den ehemaligen Freund, nun als Veterinär oft gesehener Besucher in den Ställen der Region, in Verlegenheit. Sarah muss sich einem Trauma aus ihrer Vergangenheit ­stellen, das einem glücklichen Leben im Weg steht.

Und Katharina Wyss (gespielt von Rachel Braunschweig), die Mutter der drei Bauernkinder, fragt sich: Soll sie die Verpflichtungen, die sie sich durch die Heirat in die Bauern­familie auflud, abschütteln und mit dem Molkerei­leiter Martin (Roeland Wiesnekker) abhauen?

Stadt-Land-Graben als «konstruierte Identitätspolitik»: Sabine Boss.

Stadt-Land-Graben als «konstruierte Identitätspolitik»: Sabine Boss.

Bild: Ayse Yavas/Keystone

Sabine Boss interessierten solche Themen. «Ich habe die Drehbücher super gefunden», sagt sie zu CH Media.

«Mir gefiel die Annäherung mittels ­Fiktion an die komplexe Ausgangslage der Landwirtschaft im Wandel.»

Boss war froh, dass die Geschichte nicht «in kitschigen Bildern einer heilen Bauernwelt dargestellt war, sondern auf einem Hof nahe der Ag­glomeration, nahe an den Wirtschaftszentren».

Gedreht wurde «Neumatt» vor einem Jahr auf einem Betrieb in der Nähe von Uster im Zürcher Oberland. In Agglonähe, wo man sich ländlich glaubt, aber mitten im Siedlungsbrei steckt. Tief im viel beschworenen Stadt-Land-Graben, den unser Wirtschaftsprüfer Michi täglich überspringt. Doch gibt es diesen Graben überhaupt?

Zuerst glaubt man: Ja. Hier der koksende schwule Städter, der zu Gehacktem-Eintopf seinen vegetarischen Freund mitbringt, da die Grossmutter, die Veränderungen auf dem Hof nicht toleriert und den Gast aus der Stadt «aus Prinzip» zum Fleischessen be­wegen will.

Solch vereinfachte, aber ­sicher realistischen Darstellungen kommen in der Serie zum Glück nur ­dosiert vor. Bald merkt man: Zwischen Stadt und Land gibt es Unterschiede, aber auch viele Gemeinsamkeiten. Für Sabine Boss ist der Stadt-Land-Graben denn auch nichts als «konstruierte Identitäts­politik».

Gutes Serien-Pendant in der Romandie

Als Dramaserie erinnert «Neumatt» ein wenig an «Bulle» des welschen RTS mit Claudia Cardinale. Im Schweizer Fernsehen wurde die sehr gute Serie über eine Bauernfamilie im sich rasch wandelnden Greyerzerland unter dem Titel «Kleine Lügen» ausgestrahlt. Beiden Serien gemein ist das Spiel mit gegensätzlichen Werten.

Auf Anfrage sagt Bettina Alber, bei SRF verantwortlich für die Serien: «Unsere Geschichten sollen uns aus unserer Lebensrealität unseres Landes, über unsere Gesellschaft und unser Verhältnis zur Welt erzählen. Ich nehme an, das ist bei RTS nicht anders.» Auch für sie ist der Stadt-Land-Graben nur vordergründig vorhanden. «Die Konflikte, die in ‹Neumatt› verhandelt werden, sind universell», so Alber. Die Serie solle dazu führen, dass wir verstünden: Uns verbindet mehr, als uns trennt.

Petra Volpe, Sabine Boss und Pierre Monnard, mit «Die göttliche Ordnung», «Der Goalie bin ig» und «Platzspitzbaby» so etwas wie die Dreifaltigkeit des Schweizer Filmschaffens der letzten Jahre, beweisen nach «Frieden» (Drehbuch: Volpe) und «Wilder» (Regie: Monnard) einmal mehr: In der Deutschschweiz lassen sich richtig gute Serien drehen.

Übrigens: Für die Umsetzung musste sich SRF doch noch in Deutschland umsehen. Ihren Namen kennt man hierzulande zwar weniger, doch als sogenannte Showrunnerin laufen in dieser Serie eigentlich bei Marianne Wendt die Fäden zusammen. Mit ihrem Autorenteam arbeitet sie bereits an Staffel 2. Gedreht wird 2022. Wer dann Regie führen wird, war noch nicht in Erfahrung zu bringen.

«Neumatt» (CH 2021, 8 mal 45 Min.); ab 25.9. bei Playsuisse, ab 26.9. auf SRF 1.

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