Dokumentarfilm
«Eines Tages werde ich auf einer Matratze schlafen»

Dokumentarfilm Staff Benda Bilili werden als afrikanische Antwort auf Buena Vista Social Club gehandelt. Doch die Kongolesen musizieren ums Überleben.

Stefan Strittmatter
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Er könnte jetzt diese Kamera klauen, sagt der zwölfjährige Junge, ohne mit der Wimper zu zucken: «Das wäre mir ein Leichtes.» Wir stehen an einer Kreuzung im umtriebigen Centre Ville von Kinshasa, der Abend neigt sich zur Nacht, und von überall her äugen Händler, Bettler und Obdachlose misstrauisch hinter dem Strassenkind mit den Oberarmen eines 20- und der abgeklärten Mimik eines 40-Jährigen hervor.

Es bedarf der richtigen Mischung aus Mut und Naivität, um in dieser Gegend des Kongo mit teurem Filmequipment aufzutauchen. Doch haben sich die beiden Franzosen Renaud Barret und Florent de la Tullaye vorgenommen, der urbanen Musik Afrikas nachzustöbern. Ihr Weg führt sie zu den Strassenmusikern von Kinshasa, wo sie auf Ricky Lickabu und Coco Ngambali treffen. Die zwei Polioinvaliden führen ein trost- und aussichtsloses Leben, dessen einziger Lichtblick die regelmässigen Proben mit ihrer Band Staff Benda Bilili sind. Auf zu Rollstühlen umgebauten Mofas und Velos fahren die Musiker zum städtischen Zoo, wo sie unter freiem Himmel üben. Zum treibenden Rhythmus ihrer selbst gebastelten Instrumente intonieren sie Texte voller Zuversicht und Hoffnung: «Eines Tages werde ich auf einer richtigen Matratze schlafen.»

Der Film als grosse Chance

Dass das Filmteam aus Europa eine grosse Chance bietet, ist den Mitgliedern von Staff Benda Bilili stets bewusst. «Geh weg, du vermasselst mir hier meine Arbeit», faucht ein Musiker einen Bettler an, der sich neugierig ins Bild stellt. Auch als die Regisseure die Band ins Studio holen, ist die Stimmung angespannt: «Wir dürfen das nicht in den Sand setzen, wenn wir Erfolg in Europa wollen», ermahnt Bandleader Ricky seine Truppe. Dass die Filmemacher diese Szenen nicht unter den Schneidetisch fallen lassen, den Aufstieg der Band nicht schönfärben, macht «Benda Bilili!» erst zur ergreifenden Doku.

Zwangsläufig drängt sich der Vergleich mit Wim Wenders’ «Buena Vista Social Club» (1999) auf. Hier wie dort spürt ein Team aus dem Westen verkannte oder vergessene Musiktalente nicht nur auf, sondern fördert sie finanziell. Der Unterschied liegt in der Ausgangslage der Musiker: Gereichte «Buena Vista Social Club» den kubanischen Musikern zu später Ehre, so sichern sich ihre kongolesischen Kollegen von Staff Benda Bilili mit dem Debütalbum «Très, très fort» (2009) das nackte Überleben. Auch losgelöst von der im Film dokumentierten fünfjährigen Entstehungsgeschichte wird das Album seinem Titel gerecht. Es ist ein erfrischendes Stück World Music, das sich ohne Berührungsängste beim Soukous, dem traditionellen kongolesischen Rumba, bei der relaxten Rhythmik des Reggae und beim anrüchigen Funk James Browns bedient.

Einstieg ins Musikbusiness

Die neunköpfige Truppe hat mittlerweile eine Europa-Tour absolviert und ein gesundes Selbstvertrauen aufgebaut. Weil ihr Stück «Allons voter» im Vorfeld der Wahlen von 2006 als Aufruf im Radio eingesetzt worden war, klagten die Musiker, die damals mit je 50 Dollar abgespeist worden waren, unlängst auf 100000 Dollar Tantiemennachzahlungen. Staff Benda Bilili (zu Deutsch «Öffne dein Bewusstsein») scheinen sich im Musikbusiness schon gut zurechtzufinden.

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