TV-Serie
Eine Seifenoper gibt Minoritäten Aufwind

Familie, Geld, Macht, Sex und für ein schwarzes Ensemble – «Empire» ist ein Mix aus «Denver Clan» und Shakespeare.

Marlène von Arx
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Musik-Mogul Lucious Lyon (Terrence Howard, Mitte) und seine Familie: Seit «Grey’s Anatomy» (2005) startete keine TV-Serie erfolgreicher als der «Empire»-Clan. FOX

Musik-Mogul Lucious Lyon (Terrence Howard, Mitte) und seine Familie: Seit «Grey’s Anatomy» (2005) startete keine TV-Serie erfolgreicher als der «Empire»-Clan. FOX

Lucious Lyon hat es weit gebracht. Vom Ghetto-Rapper mit krimineller Vergangenheit ist er zum Musik-Mogul mit bevorstehendem Börsengang avanciert. Aber es geht ihm gesundheitlich schlecht und so soll einer seiner drei Söhne die Nachfolge übernehmen: Andre, sein Ältester und Finanzverwalter des Lyon-Labels «Empire», hätte den Geschäftssinn, aber die beiden jüngeren sind die musikalischen Talente: Jamal ist ein aufstrebender R&B-Star und Hakeem führt als Rapper das Erbe des Vaters in die Neuzeit.

Ausgerechnet wird nun auch noch Cookie, Lucious’ Ex-Frau und Mutter der drei Thronanwärter, nach siebzehn Jahren aus dem Gefängnis entlassen. Damals, als die Lyons noch Crack-Dealer waren und Lucious in den Charts gerade den Durchbruch schaffte, biss die talentierte Musik-Produzentin für die Familie in den sauren Apfel der Justiz. Nun ist sie mit Mink-Mantel und vielen Ideen zurück und will ihren Anteil am «Empire»-Imperium.

Ab der ersten Folge ein Hit

Schon ab der in den USA im Januar ausgestrahlten ersten Folge war das Hip-Hop-Drama »Empire», ein Mix aus Spellings «Denver Clan» und Shakespeares «King Lear», ein Hit. Bis im März das Finale der dreizehnteiligen Staffel ausgestrahlt wurde, hatten sich die Einschaltquoten um 70 Prozent auf 16,7 Millionen Zuschauer gesteigert. Das ist der erfolgreichste Serienstart seit «Grey’s Anatomy» im Jahr 2005. Seit den Sitcoms «The Cosby Show» (1984 bis 1992) und «Fresh Prince of Bel-Air» (1990 bis 1996) schlug keine Serie mit fast ausschliesslich schwarzen Schauspielern auch beim weissen Publikum dermassen ein.

Die Zeiten haben sich geändert. Das Publikum verlangt nach mehr Diversität. Zu den neuesten TV-Hits am US-Fernsehen gehören entsprechend die Komödien «Black-ish», «Jane the Virgin» und «Fresh off the Boat», die in einer schwarzen, einer Latino- bzw. einer asiatischen Familie angesiedelt sind. Aber von Minoritäten-Dichtestress im TV-Programm kann keine Rede sein: Gemäss eines 2015 veröffentlichten Reports des Ralph J. Bunche Center für afroamerikanische Studien werden immer noch drei Viertel der Rollen von weissen Schauspielern gespielt, obwohl Minoritäten mittlerweile 40 Prozent der US-Bevölkerung ausmachen. Bei den Show-Produzenten sind die Zahlen noch extremer: Nur 5,9 Prozent der Network-Shows werden von nicht weissen kreativen Köpfen ins Leben gerufen, die Hälfte davon allein von Shonda Rhimes («Grey’s Anatomy», «Scandal»).

Das Bedürfnis nach mehr Farbe erklärt den Erfolg von «Empire» aber nicht allein: Die zentrale Hassliebe zwischen Cookie und Lucious ist reich an komplexer Partnerschaftsgeschichte. Die Persönlichkeiten der drei Söhne sind gut ausgearbeitet. Die Oscar-nominierte Schauspielerin Taraji P. Henson («The Curious Case of Benjamin Button»), die Cookie als eine Furie mit Herz und animalischem Fashion-Sinn verkörpert, erklärt sich den aussergewöhnlichen Hit-Status folgendermassen: «Wir nehmen kein Blatt vor den Mund, sondern sagen, was Sache ist und als Familie sind wir nachvollziehbar. Das Tollste dabei ist: Man nennt uns nicht eine ‹schwarze Serie›. Martin Luther King, wir sind auf dem Gipfel angekommen! Wir habens geschafft!»

Eine Serie, die Tabus bricht

Ein kaltblütiger Mord, ein schlagkräftiger Zickenkrieg, eine unheilbare Krankheit – tatsächlich wird in «Empire» nicht lange um den heissen Brei geredet. Die von Lee Daniels («The Butler», «Precious») und Danny Strong kreierte Unterhaltungsserie greift auch Themen auf, die im Network-TV bisher tabu waren: zum Beispiel Homophobie und umgekehrter Rassismus in der schwarzen Gesellschaft. Lucious Lyon hat ebenso wenig Verständnis für Jamals Homosexualität wie für Andres Ehe mit einer Weissen.

Lucious-Darsteller Terrence Howard (Oscar-nominiert für «Hustle & Flow») kennt diesen Tenor aus eigener Erfahrung: «Als kleiner Junge musste ich mit meinen Brüdern vor meinem Vater antraben. Er sagte, wenn einer von uns eine Tunte würde, würde er uns die Kehle durchschneiden. In unserer Gegend bekamen die meisten so was zu hören. Das ist auch nicht nur bei schwarzen Familien so. Mein Vater hat sich später entschuldigt: Er wollte, dass wir harte Kerle werden, damit wir überleben. Auch wenn wir die Welt mit ‹Empire› nicht verändern, so können wir doch zum Nachdenken anregen, in dem wir aufzeigen, welche Auswirkungen das Verhalten von Eltern auf die Entwicklung ihrer Kinder haben.»

Nicht zuletzt lebt «Empire» auch von der Musik. Die rivalisierenden Brüder Jamal (Jussie Smollett) und Hakeem (Bryshere Y. Gray) haben bereits drei Songs in die Hitparaden gesteuert (Anspiel-Tipp: «You’re So Beautiful» aus der Episode «Lion’s Roar»). Verantwortlich für die Musik zeichnen Hip-Hop-Star-Produzenten Timbaland und Jim Beanz, der in einer Nebenrolle den Top-Act eines Konkurrenz-Labels spielt. Weitere Künstler stehen Schlange: Bereits drückten sich beim fiktiven «Empire»-Label Gladys Knight, Snoop Dogg, Mary J. Blige, Patti LaBelle, Courtney Love und Rita Ora die Türklinke in die Hand. Damit die Serie nicht aus allen Nähten platzt, soll die zweite Staffel auf 18 Episoden ausgedehnt werden.

Empire läuft ab 24. Juni jeweils am Mittwoch, 20.15 Uhr auf 3+ und Pro7.