Ein soziales Pulverfass aus der Innensicht

Die Banlieue als Schauplatz von Unruhen: Ein authentisches Thrillerdrama skizziert, wie es dazu kommen kann. Der französische Spielfilm «Les misérables» gewann in Cannes den Jury-Preis und steht auf der Shortlist für die Oscars.

Regina Grüter
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Chris (Mitte, Alexis Manenti), Gwada (rechts, Djebril Zonga) und der Neue, Ruiz, kümmern sich ums Problemquartier Les Bosquets.

Chris (Mitte, Alexis Manenti), Gwada (rechts, Djebril Zonga) und der Neue, Ruiz, kümmern sich ums Problemquartier Les Bosquets.

Bild: Filmcoopi

Montfermeil, eine Pariser Vorortgemeinde. Ausser dem Ort der Handlung und dem Titel verbindet den französischen Spielfilm nicht viel mit dem Roman «Les Misérables» von Victor Hugo aus dem Jahr 1862. «Es hat sich seither offenbar nicht viel verändert», bemerkt der Polizist Stéphane Ruiz (Damien Bonnard). Es ist sein erster Tag als Brigadier im Team von Chris (Alexis Manenti) und Gwada (Djebril Zonga). Es wird der schlimmste Tag seines Lebens werden.

Sie fahren durch das Quartier Les Bosquets, wo der Drogenhandel und die Prostitution blühen. Und man wird als Zuschauer direkt hineingeworfen in eine Welt nur 20 Kilometer östlich von Paris, die mit der unseren doch so wenig zu tun hat. Plattenbauten prägen diese von der Zentralregierung in der Hauptstadt vernachlässigte Gegend; ein autonomes Gebiet, wo nicht gerade Anarchie herrscht, aber doch so etwas wie.

Chris steht auf gutem Fuss mit denen, die in Montfermeil das Sagen haben, und lässt ansonsten jegliche Verhältnismässigkeit vermissen. Zu spüren bekommen das die Schutzlosen, junge Mädchen, die einen Joint rauchen, Mütter, die auf ihre Rechte pochen.

Der Fussball als ­verbindendes Element

Auf der anderen Seite bezirzen die Muslimbrüder die Jungs, ­Immigrantenkinder nord- und schwarzafrikanischer Herkunft, die sich während der Sommerferien zusammenrotten und irgendeine Beschäftigung suchen in dieser zum Verfall freigegebenen Betonwüste. Der wilde Issa vertreibt die Langeweile mit kleinen Diebstählen – er klaut Hühner und ein Löwenbaby (!); der ruhige Buzz beobachtet die Mädchen mit seiner Drohne und filmt zufällig einen Vorfall zwischen Polizei und Jugendlichen, der das Quartier erschüttern wird.

«Les misérables» vermittelt den Eindruck, als richte die Polizei nur noch mehr Schaden an, sei Teil des Problems. Es ist eine Umgebung, die alle kaputtzumachen scheint. Nichts ist schwarz-weiss, sondern grau.

Dabei beginnt «Les misérables» versöhnlich. Im Sommer 2018 wird Frankreich Fussballweltmeister, und die Franzosen jubeln vor dem Arc de Triomphe, über ethnische, religiöse und soziale Grenzen hinweg. Die erste Szene zeigt, was Frankreich ist, ein multikulturelles Land.

1998, als Frankreich erstmals Weltmeister wurde, hätten sie genauso gejubelt, meint Regisseur Ladj Ly. «Ich bin Franzose», sagt er. «Manchmal hat man uns erzählt, dass wir vielleicht keine Franzosen wären, aber wir haben uns immer als Franzosen gefühlt.» Der gebürtige Westafrikaner ist selber in Montfermeil aufgewachsen, die jungen Darsteller habe er auf der Strasse gefunden. Diese Authentizität spürt man auch in den Dialogen. Die Kamera ist ganz nah an den Figuren dran, die Luftaufnahmen – Buzz’ Drohnenaufnahmen – erzeugen einen überraschend anderen Blickwinkel auf das Quartier Les Bosquets, das schon mehrfach Schauplatz von Unruhen war; so im Herbst 2005 und Frühjahr 2006, als Jugendliche mit Steinen und Brandsätzen nach Polizisten warfen und Autos reihenweise in Flammen aufgingen. Wie es zu einer solchen Gewalteruption kommen kann, skizziert Ladj Ly in diesem dichten, rhythmischen und intensiven Thriller und Sozialdrama ohne Effekthascherei.

Diese Jugendlichen ­ sind wütend

Die Reaktionen auf «Les misérables» bei seiner Weltpremiere in Cannes im letzten Mai fielen begeistert aus, das Drama gewann schliesslich den Jury-Preis. Der Film ist in Frankreich sehr erfolgreich in den Kinos gelaufen und wurde als Oscar-Beitrag – er ist auf der Shortlist – ausgewählt, und nicht etwa «Portrait de la jeune fille en feu». Das zeigt, dass Ladj Ly in seiner Heimat auf Resonanz stösst. Der Filmemacher knüpft damit an seinen gleichnamigen Kurzfilm aus dem Jahr 2017 an, den er in Cannes als «Alarmschrei» bezeichnete. «Seit 20 Jahren geht das schon so», die Zustände seien erschütternd, sagte er und adressierte Präsident Macron ganz direkt, räumte aber auch ein, dass es Verbesserungen gebe.

«Merkt Euch, Freunde! Es gibt weder Unkraut noch schlechte Menschen. Es gibt bloss schlechte Gärtner.» Dieses Victor-Hugo-Zitat stellt Ladj Ly ans Ende seines Films, der in erster Linie von der Kindheit handle. Und diese Kinder und Jugendlichen sind wütend. Konsequenterweise lautet der deutsche Titel nicht «Die Elenden», sondern «Die Wütenden». Wohl der beste französische Film über die Banlieue seit «La haine».

«Les misérables» (F 102 Min.), R: Ladj Ly. Ab heute im Kino.