Vitali Klitschko
«Ein richtiger Mann muss keine Angst vor Schmerzen haben»

Nächste Woche kommt ein Dokumentarfilm über Vitali und Wladimir Klitschko ins Kino. Vitali erklärt im Interview, was ihn am Boxen fasziniert, was er im Ring fürs Leben ausserhalb gelernt hat und weshalb ein richtiger Mann nie Angst hat vor Schmerzen.

Mic Wehrle und Evelyne Baumberger
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Vitali Klitschko

Vitali Klitschko

Keystone

Vitali Klitschko, Sie haben drei Kinder zwischen 6 und 11 Jahren. Wie erklären Sie denen, dass ihr Vater und Onkel sich mit anderen Männern prügeln?Vitali Klitschko: Boxen ist keine Prügelei! Die Kinder wissen das und wissen, dass es Regeln gibt. Boxen ist ein Sport, und richtiges gutes Boxen ist sogar eine Kunst. Boxen ist lehrreich: Man muss nicht unbedingt der Stärkste sein; auch das Herz, der Charakter spielt eine wichtige Rolle und natürlich die Taktik. Nur wenn alle Komponenten stimmen, hat man Erfolg.

Ähnlich wie beim Schach, Ihrem liebsten Hobby.
Genau. Man muss immer zwei, drei Schritte vorausdenken und darf nie seinen Gegner vergessen.

Wäre es Ihrer Frau lieber, Sie wären Schachspieler statt Boxer?
Kann schon sein... Meine Frau war absolut dagegen, als ich 2008 mein Comeback gab. Aber, Entschuldigung – manchmal bin ich halt ein Macho. Ich sagte zu ihr: «Ich respektiere deine Meinung, aber es ist mein Job, mein Leben, und ich entscheide darüber.»

Hat sie Angst um Sie?
Ja. Das ist gut – es wäre komisch, wenn es nicht so wäre.

Und Sie, haben Sie Angst vor einem Kampf, während eines Kampfes?
Jeder Mensch hat Angst. Die Frage ist, wovor man Angst hat. Wenn man vor dem Gegner Angst hat oder Angst zu kämpfen, dann bleibt man besser zu Hause. Ich habe Angst, meine Fans zu enttäuschen, Angst vor Verletzungen und Angst zu verlieren. Angst ist ein grosses Geschenk der Natur. Angst motiviert, Angst gibt dir zusätzlich Kraft und Konzentration. Wenn du aber damit nicht umgehen kannst, dann lähmt Angst.

Wie gehen Sie mit der Angst um?
Es ist eine gewisse Kunst, seine Emotionen und Gefühle zu steuern.

Haben Sie auch Angst vor den Schmerzen nach einem Kampf?
Nein. Besonders während des Kampfes spürt man Schmerzen nicht, man hat so viel Adrenalin im Blut. Der Schmerz kommt in den Tagen danach.

Ist das schlimm?
Nein, ein richtiger Mann muss keine Angst vor Schmerzen haben.

Sie sind jetzt 39. Wie lange können Sie noch auf Toplevel boxen?
Nicht mehr ewig. Ich möchte auf keinen Fall den Rekord von George Foreman brechen, der mit 45 Jahren Weltmeister geworden ist. Ich habe aber genug trockenes und unverbrauchtes Pulver, um noch ein paar Kämpfe zu bestreiten.

Trotz des weltweiten Erfolgs sind Sie und Ihr Bruder Wladimir auf dem Boden geblieben. Glauben Sie, das wäre auch so, wenn Sie einzeln berühmt geworden wären?
Das ist unser Geheimnis: Zusammen sind wir doppelt so stark. Ohne meinen Bruder wäre alles ganz anders, er ist ein Teil von mir. Als ich 1996 von der Teilnahme an den Olympischen Spielen träumte und dann zu Hause bleiben musste, wurde mein Bruder nachgezogen. Er kam als Olympiasieger zurück und sagte: «Die Hälfte der Medaille gehört dir.»

Sie und Ihr Bruder haben viel zu einem positiveren Image des Boxsports beigetragen. Man liest von Ihnen nie negative Schlagzeilen. Weshalb?
Ein Redaktor der «Bild» hat mal gesagt: «Ihr Klitschkos seid so langweilig, es gibt keine Schlägereien, keine Geschichten, wir haben gar nichts über euch zu schreiben.» Gute Frage, warum das so ist – ich weiss es nicht.

Ihr Vater war Berufsmilitär. Hängt es vielleicht mit Ihrer Erziehung und der militärischen Umgebung zusammen, in der Sie aufgewachsen sind?
Die Erziehung spielt eine wichtige Rolle. Mein Vater hatte eine richtig strenge Hand. Von ihm habe ich gelernt, dass man für sich selbst verantwortlich ist. Man muss sich Ziele setzen und alles geben, um sie zu erreichen.

Sind Sie mit Ihren Kindern auch eher streng?
Nicht ganz so streng, aber dazu passt der Spruch: Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm (lacht).

Man sagt oft, Profiboxen sei ein schmutziges Geschäft. Stimmt das?
Mir gefällt ein Zitat des französischen Regisseurs Claude Lelouch. Er hat einmal gesagt: «Boxen ist eine der härtesten Sportarten, aber es ähnelt dem Leben am meisten». Gute und schlechte Beispiele gibt es in jeder Sportart. Mir hat das Boxen die Tür zum Leben aufgemacht. Ich habe viele Menschen kennen gelernt, grosse Persönlichkeiten aus dem Geschäftsleben, der Kunst, der Schauspielerei, der Politik. Und Boxen hat mir geholfen, mich zu entwickeln: Disziplin, Verantwortung, Ziele setzen. Ich nutze ständig die gleichen Faktoren im alltäglichen Leben wie im Boxen, im Sport.

Diese Stärken brauchen Sie auch als Politiker in der Ukraine. Braucht es mehr Mut, in den Boxring zu steigen oder in den Parlamentsaal?
Wenn jemand ausserhalb des Rings seine Fäuste sprechen lässt, um Menschen von seinen Ideen und Werten zu überzeugen, ist das eine Bankrotterklärung. Wenn man die ukrainische Politik mit einem Boxkampf vergleicht, ist das wie ein Wettkampf ohne Regeln.

Sie haben den GAU von Tschernobyl hautnah miterlebt, auch das wird im Film «Klitschko» thematisiert. Ihr Vater war einer der Aufräumer (und ist diese Woche mit 64 Jahren an den Folgen der Verstrahlung gestorben, Anm. d. Red). Sind Sie als Politiker für einen Ausstieg aus der Atomenergie?
Der Film war schon fertig, als das Thema durch Fukushima wieder aktuell geworden ist. Das Echo von Tschernobyl wird noch lange nachhallen. Als Politiker finde ich, dass man sehr vorsichtig mit Atomenergie umgehen muss. Es ist ein sehr gefährliches Spiel. Aber wir können nicht von heute auf morgen alles abschalten.