Locarno Filmfestival 2021
Eröffnung mit Netflixfilm: Schauspiel-Star John David Washington im falschen (aber guten) Film

Am Mittwochabend der Eröffnungsfilm in Locarno, nächste Woche bereits bei Netflix: Was taugt «Beckett» mit John David Washington, Sohn von Oscar-Preisträger Denzel Washington?

Daniel Fuchs, Locarno
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Beckett (gespielt von John David Washington) auf der Flucht.

Beckett (gespielt von John David Washington) auf der Flucht.

Bild: Y. Drakoulidis / Netflix

Nein, es ist kein Agent oder Polizist, der in «Beckett» durch halb Griechenland rennt. Und es hat auch nichts mit dem Autor Samuel Beckett zu tun. Beckett, so heisst die Filmfigur, ist ein Normalo. Ein Tourist aus den USA, der in Griechenland Ferien mit seiner Freundin April verbringt.

Diese enden so abrupt wie tragisch – und schon wird aus Beckett, «der in der Highschool möglicherweise etwas Football spielte, sich aber seither körperlich gehen liess», wie John David Washington am Rande von Locarno seine Figur charakterisierte, ein Gejagter. Washington («Tenet» und, ja, der Sohn von Denzel Washington) wird es wissen, weil er selbst eine Karriere als American-Football-Profi hinter sich hat.

In Locarno hatte der Film am Mittwochabend Premiere. Eigentlich auf der Piazza Grande. Doch der Regen verdarb ein wunschgemässes Comeback des ältesten Filmfestivals der Schweiz, das letztes Jahr nur als arg abgespeckte Version stattfand. «Beckett» wurde nach drinnen verlegt. Netflix, das über die Rechte verfügt, bringt ihn indes bereits nächste Woche in die warmen Stuben.

Hollywood-Stars in Locarno: Die Schauspieler John David Washington und Vicky Krieps präsentierten den Eröffnungsfilm «Beckett».

Keystone-SDA

Menschenjagd in Strassenschlachten

Aus dem Touristen Beckett wird ein Gejagter, der so wenig wie der Zuschauer weiss, weshalb auf ihn, den gestrandeten und sehr bemitleidenswerten Touristen, plötzlich geschossen wird. Doch dieser Antiheld entwickelt einen Überlebensinstinkt, dem man sich nicht entziehen kann. Er treibt ihn zu waghalsigen Sprüngen an und Beckett, so hat man das Gefühl, rennt einem seiner Verfolger davon, nur um im nächsten Moment wieder vor einem seiner Häscher zu stehen.

Trailer «Beckett».

Quelle: Youtube/Netflix

Beckett rennt und rennt: durch imposante Schluchten und vorbei an malerischen Flüssen bis in die Hauptstadt Athen, in der es wegen politischer Wirren und einer Entführung sehr heiss zu und her geht. Der Komplott, in dessen Zentrum Beckett landet, ist zwar frei erfunden, die Hintergründe um den von den reichen Ländern Europas auferzwungenen Sparkurs für Griechenland jedoch entsprechen der Realität vor nicht langer Zeit. Die lauten Proteste und wüsten Strassenschlachten bilden in dieser Geschichte den sehr interessanten zeitgeschichtlichen Rahmen.

Die Flucht als einziger Horrortrip

Ablenken sollten diese Hintergründe indes nicht von der interessanten Geschichte, die Regisseur Ferdinando Cito Filomarino unter gutem Zureden seines Produzenten und früheren Partners Luca Guadagnino (Regisseur von «Call Me by Your Name») gezimmert hat. Filomarino, selbst Fan von Filmen über Menschen, nach denen gefahndet oder gejagt wird, wollte den Zuschauern «einen Protagonisten näherbringen, der ein normaler Mensch ist, der eine tiefe Krise durchmacht und versucht, die Dinge so zu regeln, wie es die meisten von uns versuchen würden». Nicht eine Art Held mit Superkräften, sondern ein Jedermann eben. Oder wie es Produzent Luca Guadagnino sagte:

«Ein Normalo im falschen Film, nur dass er überleben muss.»

Regisseur Filomarino bedient sich Effekten aus dem Horrorgenre. Nicht abwegig, wenn man sich den Horror vorstellt, in dem sich ein Mensch befindet, auf den Jagd gemacht wird. Das Quietschen des Verkehrs und der Lärm der Strassenproteste haben in «Beckett» eine genauso wichtige Rolle wie die griechische Landschaft. Hier wird selbst die Ami-Kutsche eines Angestellten der US-Botschaft, von dem sich Beckett Schutz erhofft, zur allgegenwärtigen dröhnenden Bedrohung.

«Beckett» ist ein unterhaltsamer Spass. Mit einer starken individuellen Handschrift des Regisseurs. Prima geeignet für die Piazza Grande am Festival, das sich dem Autorenkino verpflichtet hat. Prima ebenso für Netflix, auch wenn die Bilder die Leinwand verdienen.

«Beckett» (I 2021, 108 Min.); Regie:Ferdinando Cito Filomarino; ab dem 13.8. bei Netflix.

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