Science-Fiction
Ein Film, der nach den Sternen greift

Christopher Nolans «Interstellar» kann dem immensen Hype gar nicht gerecht werden.

Lory Roebuck
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Cooper (Matthew McConaughey) erkundet in «Interstellar» einen fremden Planeten20th Century Fox

Cooper (Matthew McConaughey) erkundet in «Interstellar» einen fremden Planeten20th Century Fox

Keiner heute nimmt den Ausdruck «Traumfabrik» als derart inniges Versprechen an den Zuschauer wahr wie Regisseur Christopher Nolan. Zu behaupten, dass kein Hollywoodfilm sehnlicher erwartet wird als sein neues Werk «Interstellar», wäre eine Untertreibung. Dem 44-jährige Briten liegen sowohl Cineasten als auch Studiobosse zu Füssen.

Nolan hat mit seiner «Dark Knight»-Trilogie (2005–2012) das Superheldengenre mit Realismus revitalisiert und mit «Inception» (2010) den bahnbrechendsten Actionthriller der letzte Jahre gedreht. Er ist der Mann für den anspruchsvollen und erfolgreichen Blockbuster und einer der wenigen Regisseure, die grosse Hollywoodfilme ganz ohne Studioeinmischung drehen können. Nolan gilt als visionärer Filmemacher, als Hitchcock oder Kubrik der heutigen Generation.

Der Kubrik unserer Generation?

Und jetzt greift er, der seine Filme gerne kühl, technisch-modern und am Puls der Zeit mag, mit «Interstellar» nach den Sternen. Er präsentiert eine Science-Fiction, über die er im Vorfeld – wie üblich – nur wenig verriet. Und die deshalb umso mehr unsere Spekulationen befeuerte: Was tischt uns Nolans visionärer Geist diesmal auf? Welche Geheimnisse ergründet er in den entferntesten Winkeln des Weltalls? Gelingt es ihm, mit «Interstellar» das «2001» unserer Zeit zu erschaffen? Der Hype könnte kaum grösser sein.

War Nolan mit «Inception» ganz tief in die menschliche Psyche abgetaucht, hebt er nun ab und geht ganz weit hinaus, stellt jenseits von Wurmlöchern und Schwarzen Löchern grosse Fragen wie: Wer sind wir? Woher kommen wir? Und wohin soll es mit der Menschheit gehen?

Die Handlung von «Interstellar» spielt in der nahen Zukunft. Die natürlichen Ressourcen auf der Erde schwinden dahin. Also bricht ein Astronautenteam um Cooper (Matthew McConaughey) und Dr. Brand (Anne Hathaway) via Wurmloch – eine Art Abkürzung durch den Weltraum – in eine fremde Galaxie auf, um ein neues Zuhause für die Menschheit zu finden. Was in der Folge passiert, ist ambitioniert und gross gedacht – und fordert mit seinen zeitverzerrenden Twists unsere volle Aufmerksamkeit.

Am Rande der Glaubwürdigkeit

Nolan imaginiert wieder grandiose Bildwelten, und auch seine Darsteller sind exzellent gewählt. Aber seine Story ist eine, auf die man sich komplett einlassen muss. Wer Spekulationen aus dem Feld der Quantenphysik mit Neugier begegnet, wird sich an Nolans Vorstellung begeistern. Andere Zuschauer dürfte aber der Filmstoff – vor allem das psychedelische, transzendierende Schlussdrittel – überfordern. Nicht selten bewegt sich der Film am Rande der Glaubwürdigkeit – obschon mit Co-Produzent Kyp Thorne ein renommierter Astrophysiker für die Plausibilität der gezeigten Szenarien bürgt.

Es ist die Stärke und Schwäche von Christopher Nolans Schaffen: Er kreiert massentaugliche Filme, die sich nicht am kleinsten gemeinsamen Nenner orientieren. Seinen Filmen muss man sich hingeben, sonst wird man abgehängt und enttäuscht. Dasselbe droht jenen Kinogängern, die dem Hype verfallen sind und mit riesigen Erwartungen in den Film hineingehen.

«Interstellar» wird kaum als Nolans Magnum Opus in die Geschichte eingehen. Dazu ist er dann doch nicht radikal genug. Die Reise seines Protagonisten, so aufregend sie auch umgesetzt ist, überschreitet selten die Grenzen von klassischer Science-Fiction wie «2001» oder «Solaris». Auch hier läuft alles auf eine Begegnung mit sich selbst und den Seinen hinaus. Denn «Interstellar» dreht sich nicht bloss um die Rettung der Menschheit, sondern vor allem um die Beziehung zwischen Cooper und seiner auf der Erde zurückgelassenen Tochter Murphy.

Zum ersten Mal mit Herz

Der kühle Pragmatiker Nolan hat zum ersten Mal nicht nur mit seinem Verstand, sondern auch mit dem Herzen gedreht. Zwar klingen Sätze wie «Liebe kann die Grenzen von Raum und Zeit überwinden» etwas gar plump. Aber gerade die menschliche Wärme verleiht dem abgehobenen Setting des Films einen emotionalen Untergrund. «Interstellar» mag sich zwar nicht als der von vielen erhoffte ultimative Mindbender entpuppen. Dafür aber als potente Allegorie über den menschlichen Entdeckergeist – und den Wunsch, ihn in nachfolgenden Generationen wieder zu erwecken.

Interstellar (USA / UK 2014) 169 Min. Regie: Christopher Nolan. Ab 6. November im Kino.