Die Sympathieträgerin: Wieso sind Greta Gerwig und ihre Filme so toll?

Sie ist vor kurzem Mutter geworden und hat mit «Little Women» einen Oscarfilm am Start.

Regina Grüter
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«Little Women» der US-Autorenfilmerin Greta Gerwig (36) läuft aktuell im Kino.

«Little Women» der US-Autorenfilmerin Greta Gerwig (36) läuft aktuell im Kino.

Bild: Chris Pizzello/AP

Eine junge Frau trägt ein T-Shirt, auf dem «Greta Gerwig» steht. Die Regisseurin von «Little Women», der gestern in unseren Kinos startete, hebt beide Daumen und wippt euphorisch auf ihrem Sessel auf und ab. Greta Gerwig und Noah Baumbach, ebenfalls Filmemacher, sind in James Cordens «Late Late Show» zu Gast. Sie sind seit 2011 ein Paar und haben ein zehn Monate altes Baby zu Hause, Harold. Und sie sind das Hollywood-Paar der Stunde. «Little Women» und Baumbachs Netflix-Film «Marriage Story» sind beide für sechs Oscars nominiert, darunter bester Film und bestes Drehbuch, das aus je eigener Feder stammt. Da es für adaptierte und Originaldrehbücher eine eigene Kategorie gibt, konkurrenzieren sie sich zumindest hier nicht.

Bei einem weiteren Fernsehauftritt lacht Jimmy Kimmel herzhaft über die Freimütigkeit, mit der Greta Gerwig sich zu dieser Konkurrenzsituation äussert: Jeder werde ganz egoistisch für sich selber abstimmen – beide sind Mitglieder der Oscar­akademie. 2018, als die Filmemacherin für ihr Regiedébut «Lady Bird» gleich doppelt für einen Oscar nominiert war, in den Sparten Regie und Originaldrehbuch, führte Kimmel durch die Show. Die heute 36-Jährige ging damals zwar leer aus, gewann aber alle Sympathien. Mit ihrer bescheidenen und witzigen Art und ihrer intelligenten und empathischen Arbeit macht sie jungen Frauen Mut.

Frauen als Künstler, ­ Frauen und Geld

Einem grösseren Publikum bekannt wurde Gerwig 2012 mit ihrer Hauptrolle in Noah Baumbachs «Frances Ha», an dem sie auch mitschrieb. Die Karriere der Kalifornierin begann mit kleinen Rollen in «Mumble­core»-Filmen, insbesondere von Joe Swanberg, noch als sie am Bernard College in New York City englische Literatur und Philosophie studierte. Mumblecore ist ein Subgenre des Indiefilms, dessen Werke sich derart charakterisieren lassen, dass junge Filmer mit einfachen finanziellen Mitteln, improvisierten Dialogen und intellektuellem Touch von lebensnahen Erfahrungen erzählen. Schon 2007 in Swanbergs «Hannah Takes the Stairs» fungierte Gerwig nicht nur als Darstellerin, sondern auch als Co-Autorin. Ein Jahr später, bei «Nights and Weekends», weitete sie ihre Rolle auf Co-Regisseurin und -Produzentin aus. Ursprünglich wollte sie Theaterautorin werden, jetzt wollte sie Regie führen. «An deiner Karriere aktiv teilzunehmen, deine eigenen Projekte zu kreieren, ist so viel aufregender, als einfach dazusitzen und als Schauspielerin zu hoffen, dass alles gut kommt», sagt sie.

Bis jetzt ist alles besser als gut gekommen. Doch braucht es eine weitere Verfilmung des Romanklassikers «Little Women» von Louisa May Alcott? Bestens in Erinnerung ist jene aus dem Jahr 1994, hierzulande besser bekannt unter dem deutschen Titel «Betty und ihre Schwestern», die ebenfalls mit einem hervorragenden Cast glänzte. Die Hauptrolle der Jo March brachte Ryder eine Oscarnomination ein – wie jetzt auch Saoirse Ronan. Mit 25 Jahren ist es bereits Ronans vierte, und nach «Lady Bird» die zweite unter der Regie von Greta Gerwig. Sie würden sich am Set intuitiv verstehen und komplett in die Welt der Handlung eintauchen, sagen Gerwig und Ronan über ihre Zusammenarbeit.

Nicht nur, weil seit «Betty und ihre Schwestern» bereits wieder ein Vierteljahrhundert vergangen ist, braucht es eine Neuverfilmung der Geschichte um die vier musisch begabten Schwestern, die während des Amerikanischen Bürgerkriegs zwischen Freiheit und Sicherheit, Selbstverwirklichung und Liebe ihren Weg im Leben suchen. Als Kind sei Jo ihre Heldin gewesen. Heute sei es Louisa, sagt Greta Gerwig. Indem sie die Kindersicht mit der Erwachsenensicht verbindet und das ganze Alcott-Universum einbezieht, vermag sie dem Stoff eine neue Seite abzugewinnen. Der Film beginnt mit der erwachsenen Jo und blendet zurück in die Kindheit. So kontrastiert die Lebendigkeit, Fröhlichkeit und Ungezwungenheit ständig mit dem Erwachsenenleben und seinen Schwierigkeiten, das Zusammensein mit dem Getrenntsein. «Ich denke, wir Frauen bleiben immer mit unserem jüngeren Selbst in Verbindung», erklärte Gerwig in der «Today Show». «Wer wir waren, gibt uns Antworten darauf, wohin wir gehen.» Frances Ha, Lady Bird und nun Jo, allesamt eigensinnig, unangepasst, widersprüchlich – und ausgenommen liebenswert; ihre Alter Egos. Bei Gerwig sind Autor, Regisseur und Thema eins. Das ist es, was sie so überzeugend macht und so unverständlich, dass sie als Regisseurin bei den Oscarnominierungen übergangen wurde.

Etwas Richtung Horror, Suspense, Thriller

Als Nächstes soll Greta Gerwig mit ihrem Partner Noah Baumbach an einem Liveaction-«Barbie»-Film mit Margot Robbie in der Titelrolle arbeiten, als Co-Autorin und als Regisseurin. Das tönt, gelinde ausgedrückt, äusserst interessant. Noch unerwarteter die Antwort auf die Frage in der «Today Show», welches Buch sie noch gerne adaptieren würde. Einen Genrefilm würde sie gern machen, antwortete Gerwig, ohne eine konkrete Buchvorlage zu nennen. Etwas Richtung Horror, Suspense, Thriller, weil sie solche Filme gerne schaue. Ein Suspense-­Thriller à la Hitchcock von Greta Gerwig? Eine einfach grossartige Vorstellung.

Jetzt aber stehen die Oscars vor der Tür. Die Sympathien hat sie längst auf ihrer Seite. So wünscht man ihr, dass sie am 9. Februar auch mal etwas Handfestes in die Hände kriegt.