Solothurner Filmtage

Die Eröffnungsrede von Bundesrätin Simonetta Sommaruga: «Hier haben Frauen die Hosen an»

Simonetta Sommaruga lobt die Frauenpower an den Filmtagen. Der Kampf um Gleichberechtigung gehe aber weiter. Ein Abdruck ihrer starken Rede.

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Bundesrätin Simonetta Sommaruga hielt zur Eröffnung der 52. Solothurner Filmtage eine Ansprache
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Sommaruga lobt die Frauenpower an den Filmtagen.
Der Kampf um Gleichberechtigung gehe aber weiter. Bundesraetin Simonetta Sommaruga, anlaesslich der Eroeffnung der 52. Solothurner Filmtage, am Donnerstag, 19. Januar 2017, in Solothurn. (KEYSTONE/Marcel Bieri)
«Gleichstellung ist nicht nur Frauensache.» Bundesraetin Simonetta Sommaruga, anlaesslich der Eroeffnung der 52. Solothurner Filmtage, am Donnerstag, 19. Januar 2017, in Solothurn. (KEYSTONE/Marcel Bieri)
«Es gibt sie, die Männer, für die Gleichstellung keine Frauensache ist. Es gab sie auch damals, im Kampf für das Frauenstimmrecht.» Solothurner Filmtage 2017: Bundesrätin Simonetta Somaruga
«Auch diese Männer brauchten Mut.» Solothurner Filmtage 2017: Bundesrätin Simonetta Somaruga
«Auch sie wurden ausgegrenzt und ausgelacht, auch sie haben sich nicht beirren lassen. Und auch daran sollten wir uns erinnern.» Solothurner Filmtage 2017: Bundesrätin Simonetta Somaruga

Bundesrätin Simonetta Sommaruga hielt zur Eröffnung der 52. Solothurner Filmtage eine Ansprache

«Liebe Filmemacherinnen. Liebe Filmliebhaber. Liebe Freunde und Freundinnen der Solothurner Filmtage.

In der Schweiz fängt das politische Jahr nicht im Bundeshaus an, sondern weit oben. Auf 1500 Metern in Davos und auf dem kulturellen Höhepunkt in Solothurn. Wenn ich Solothurn vorziehe, dann wegen der Kultur – klar. Auch wegen dem Glamour. Vor allem aber wegen der Exklusivität. Denn hier, an den Filmtagen, darf nur ein Bundesrat eröffnen. Nur einer.

Oder eben eine.

Deshalb bin ich in Solothurn. Ich habe Ihre Einladung auch angenommen, weil ich immer noch eine überzeugte Kinogängerin bin. Erst kürzlich wurde ich wieder darin bestätigt. Ich schaute mir zu Hause einen Film an, der mir als Vorabexemplar vor der Premiere geschickt wurde. Denselben Film sah ich später im Kino und mir war klar: Bild, Klang, Perspektive und Gesamtkomposition: das gibts nur im Kino.

Doch Solothurn ist nicht einfach Kino. Das Besondere – und das, was ich an Solothurn besonders schätze – ist, dass hier das Schweizer Filmschaffen im Zentrum steht. Wir reden in diesen Zeiten viel von Globalisierung und von Identität. Das Schweizer Filmschaffen ist Teil unserer Identität. Und der Schweizer Film schafft Identität.

Heutiger Abend unvorstellbar

Deshalb sind wir hier in Solothurn alle auch ein bisschen zu Hause. Wir begegnen hier unserer Kultur, unserer Geschichte und unserer Gegenwart. Und manchmal kommen Kultur, Geschichte und Gegenwart zusammen. So wie heute Abend. Wir gehen ein paar wenige Jahrzehnte zurück – die meisten von uns waren bereits geboren – und merken, wie unvorstellbar der heutige Abend damals gewesen wäre.

Die Präsidentin der Filmtage? Frau Beerli. Die Direktorin? Frau Rohrer. Die Regisseurin des heutigen Eröffnungsfilms? Frau Volpe. Und im Saal? Erfolgreiche Regisseurinnen, Produzentinnen, Chefinnen.

Doch nicht genug damit. Die ganze Kultur liegt in den Händen einer Frau: dans les mains de la directrice de l’Office Fédéral de la Culture, Madame Isabelle Chassot.

Ja, heute Abend haben die Frauen die Hosen an. Frauenpower kann manchmal ungeahnte Ausmasse annehmen. Und deshalb muss Solothurn für jeden durchschnittlichen Verwaltungsrat einer grösseren Schweizer Firma ein Albtraum sein. Dabei ist es doch so: Würde die Schweiz wie die Filmtage in Solothurn ticken, hätte sich der Bundesrat die Quotenregelung in meinem Gesetz über das Aktienrecht sparen können.

«Die göttliche Ordnung»: So war der Eröffnungsfilm

Mit «Die göttliche Ordnung» ist die 52. Ausgabe der Solothurner Filmtage auch in cineastischer Hinsicht fulminant gestartet. Der 96-minütige Eröffnungsfilm knöpft sich – ähnlich wie einst «Das Boot ist voll» und «Der Verdingbub» – ein beschämendes Kapitel aus der Schweizer Geschichte vor: die späte Einführung des Frauenstimmrechts 1971. Der Film dreht sich um die unglückliche Hausfrau Nora (sympathisch: Marie Leuenberger), die gerne wieder arbeiten möchte. Doch ihr Ehemann (Max Simonischeck) verbietet es, und das Gesetz gibt ihm Recht.

Obwohl man die gesellschaftlichen Umwälzungen 68er-Bewegung in Noras beschaulichem Dorf nur vom Hörensagen kennt, beginnt die junge Frau, sich gegen die Männerherrschaft aufzulehnen. «Die göttliche Ordnung» ist ein Film zwischen Augenzwinkern und Fingerzeig. Regisseurin Petra Volpe («Traumland») inszeniert frech, pointiert und voller Überzeugungskraft. Die fiktive Handlung spielt zwar vor über 45 Jahren, ist aber in Zeiten des wieder erstarkten Chauvinismus brandaktuell. Dass sich leider auch heute noch viele Menschen an eine derartige göttliche Ordnung klammern, bekräftigte Bundesrätin Simonetta Sommaruga in ihrer Eröffnungsrede (Text links). Der Kampf – Stichwort: Lohngleichheit , Chancengleichheit – ist noch nicht gewonnen. (von Lory Roebuck)


Die göttliche Ordnung (CH 2017) 96 Min. Regie: Petra Volpe. 23.1., 20:45 Uhr, Reithalle. Ab 9.3. im regulären Kinoprogramm.

Frauenmehrheit im Bundesrat

Übrigens, auch im Bundesrat hatten die Frauen ja mal die Mehrheit inne. Dieser Ausnahmezustand dauerte allerdings gerade 14 Monate. Dann wars wieder vorbei. Jetzt sind wir nur noch zwei. Dass die Frauen, wenn sie dann mal an der Macht sind, auch tatsächlich für Furore sorgen, das bewies dieses eine Frauenmehrheitsjahr im Bundesrat. Ausgerechnet in jenem Jahr beschloss der Bundesrat nämlich den Ausstieg aus der Atomenergie.

Natürlich weiss man nicht – und ich werde es Ihnen auch heute Abend nicht verraten –, wer wie gestimmt hat. Aber die Gerüchte halten sich hartnäckig, dass das etwas mit den Frauen zu tun hatte.

Nicht so lange her

Meine Damen und Herren, wo wären wir heute ohne jene Menschen, die es damals gewagt haben, die göttliche Ordnung infrage zu stellen? Die Zeit liegt ja nicht so weit zurück. Für mich zumindest. Ich erinnere mich gut daran. Meine Mutter durfte nicht stimmen und natürlich auch nicht gewählt werden. Sie durfte kein Haus kaufen, nicht einmal einen Kühlschrank!

Und dann, im Juli 1969, macht ein Mann den berühmten ersten Schritt - auf den Mond. Aber die Schweizer Frau, sie durfte immer noch nicht ins Wahllokal. Erst zwei Jahre später, 1971, wurde ihr dieser Schritt erlaubt. Aber einen Kühlschrank kaufen ging noch nicht. Und arbeiten – ich meine auswärts – durfte eine Frau auch nur mit der Bewilligung des Ehemannes. So stand es im Gesetz. Und so blieb es – bis 1988. Ich war 28 Jahre alt, als das neue Eherecht in Kraft trat.

Nichts ist selbstverständlich

Heute darf die Frau ihre Arbeit frei wählen. Nur verdient sie für die gleiche Arbeit durchschnittlich 9 Prozent weniger als der Mann. Das verstösst gegen die Verfassung – und zwar seit 35 Jahren – ist aber bis heute «göttliche Ordnung» geblieben.

Der Bundesrat will diese «Ordnung» durchbrechen. Und der Entscheid dazu ist ohne Frauenmehrheit im Bundesrat durchgekommen. Und das, meine Damen und Herren, ist eine der guten Nachrichten des heutigen Abends: Es gibt sie, die Männer, für die Gleichstellung keine Frauensache ist. Es gab sie auch damals, im Kampf für das Frauenstimmrecht. Auch diese Männer brauchten Mut. Auch sie wurden ausgegrenzt und ausgelacht, auch sie haben sich nicht beirren lassen. Und auch daran sollten wir uns erinnern.

Was uns die Zeit lehrt

Genau deshalb ist die Geschichte, die Erinnerung – und der Film, der uns diese Zeit zurückbringt – so wichtig. Die Zeit lehrt uns, dass Selbstverständliches oft erstritten und erkämpft werden musste. Das galt damals für das Frauenstimmrecht, das gilt heute für die Lohngleichheit, das gilt ebenso für die Zukunft des Films. Denn wenn fast die Hälfte der Studierenden in den Filmschulen Frauen sind, aber nicht einmal ein Viertel aller Subventionen an Filme von Frauen gehen, dann sind wir auch hier weit entfernt von der Selbstverständlichkeit.

Meine Damen und Herren, der Schweizer Film macht uns vertraut mit unserer Geschichte, mit unseren Schattenseiten ebenso wie mit unserem Potenzial. Das Schweizer Filmschaffen ist auch ein Spiegel der Schweiz: denn die Schweiz ist von jeher ein Schmelztiegel der Kulturen. Auch dafür steht der Schweizer Film!

Dass Sie, sehr geehrte Filmschaffende, unser Land immer wieder aufrütteln, verwirren, erschüttern und überraschen erfüllt mich mit grösster Dankbarkeit. Es ist mir eine Freude und eine Ehre, Ihnen die Grüsse unserer Landesregierung zu überbringen.»