Kino
«Di chli Häx»: Höhenflug auf dem fliegenden Besen

Fast eine Million Kinobesucher haben «Di chli Häx» gesehen. Für Regisseur Mike Schaerer ist es sein bisher grösster Filmerfolg.

Dario Pollice
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«Di chli Häx»: Mike Schaerer und sein Filmteam erschaffen mit viel Liebe detaillierte Szenenbilder, Kostüme und Masken für eine zauberhafte Hexenwelt.

«Di chli Häx»: Mike Schaerer und sein Filmteam erschaffen mit viel Liebe detaillierte Szenenbilder, Kostüme und Masken für eine zauberhafte Hexenwelt.

HO

«Es war einmal eine kleine Hexe, die war erst einhundertsiebenundzwanzig Jahre alt, und das ist ja für eine Hexe noch gar kein Alter.» So beginnt die «Die kleine Hexe», Ottfried Preusslers allseits beliebtes Kinderbuch von 1957. «Di chli Häx» bringt nun den Klassiker zum ersten Mal als Realverfilmung auf die Kinoleinwand und verzaubert seit gut drei Wochen eine neue Generation.

Auf dem Regiestuhl der deutsch-schweizerischen Koproduktion sass der Aarauer Mike Schaerer (42). Ob er einen fliegenden Besen besitzt, sagt er nicht, aber zumindest innerlich dürfte er sich wie die Heldin seines Filmes fühlen, die jauchzend durch die Luft flitzt.

Den Grund liefern die Zuschauerzahlen. Seit dem Kinostart haben 65 000 Zuschauer den Familienfilm in der Schweiz gesehen, und bei unseren Nachbarn kommt er ebenfalls sehr gut an, wie Schaerer sagt: «Wenn weiterhin alles gut läuft, werden es in Deutschland bald über eine Million Zuschauer sein.» «Di chli Häx» ist Schaerers vierter Langspielfilm und mit einem Budget von 8 Millionen Franken sein grösstes Filmprojekt. Gleichzeitig wird es wohl auch sein bisher grösster Erfolg als Filmemacher – wenn man seinen Oscar nicht mitzählt.

And the Oscar goes to...

Spitzbübisch grinsend und den Filmpreis in der Hand, posiert der 25-jährige Schaerer für die Kameraleute. Auf der Plakette erkennt man die goldene Oscar-Statue. Das Foto stammt von 2001; Schaerer hat mit seinem Kurzfilm «Warmth» gerade seine Filmausbildung in New York abgeschlossen und als erster Absolvent aus der Schweiz den Studenten-Oscar erhalten. Kein schlechter Start für eine Filmkarriere.

Im Gegensatz zu vielen anderen Schweizer Filmemachern seines Jahrgangs zog es Schaerer Mitte der 1990er-Jahre nicht nach Deutschland, sondern in die Vereinigten Staaten, in das Heimatland seiner Mutter. Dort erlebte das Indie-Kino – unabhängige Filme, die mit kleinem Budget und ohne grosse Studios entstanden – mit Jim Jarmusch oder Quentin Tarantino seine Hochblüte. «Das war ein Kosmos, der mich sehr inspirierte. Ich hatte eine Reiselust und wollte etwas komplett anderes machen», begründet Schaerer seine damalige Entscheidung.

Normalerweise steht er hinter der Kamera Regisseur Schaerer mit seiner Hauptdarstellerin Karoline Herfurth am Filmset von «Di chli Häx»

Normalerweise steht er hinter der Kamera Regisseur Schaerer mit seiner Hauptdarstellerin Karoline Herfurth am Filmset von «Di chli Häx»

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Nach Abschluss der Filmschule in New York arbeitete er an zwei eigenen Filmprojekten in den USA, die jedoch nicht realisiert wurden. Enttäuschung ist bei Schaerer deswegen aber nicht zu spüren. In der US-Mentalität gebe es einen gewissen Mut zum Risiko und Mut auch Scheitern zu dürfen. «Das hat mir auf meinem Weg zum Filmemacher sehr geholfen. Hier hatte ich bisweilen das Gefühl, es werde so klein gedacht. Mir macht es Spass, auch mal mit der grossen Kelle sagen zu können: Warum nicht?»

Schaerer kehrte in die Schweiz zurück und war zunächst als Cutter für den Schnitt von Filmen verantwortlich. Er habe die Autoren einfach besser begleiten können, anstatt selber zu schreiben. Ausserdem sei die Montage immer sehr nahe an seiner Denkweise als Regisseur gewesen: «Ich habe immer in Bilderabläufen gedacht, wie ein Comiczeichner.» In den nachfolgenden Jahren schneidet Schaerer, unter anderem die Kassenerfolge «Achtung, fertig, Charlie!» (2003) und «Die Herbstzeitlosen» (2006).

Doch der Regisseur in ihm drang immer wieder an die Oberfläche. 2010 drehte er mit «Stationspiraten» seinen ersten Langspielfilm. Die Geschichte um fünf Jugendliche auf der Krebsabteilung eines Spitals erhielt gute Kritiken und wurde am Zurich Film Festival ausgezeichnet. Es folgte die Regie für den Luzerner Tatort «Zwischen zwei Welten» (2014), dem vor allem aus Deutschland ein rauer Kritikerwind entgegenblies. 2016 realisierte Schaerer den TV-Spielfilm «Lina» und thematisierte die administrative Versorgung; ein unrühmliches Kapitel Schweizer Geschichte. Dafür wurde er mit dem Publikumspreis in Solothurn belohnt.

Charmante Hexenwelt

Nach diesen schweren Themen hat sich Schaerer nun einen Familienfilm vorgenommen. Ist das der Entwicklung vom jungen Suchenden zum sesshaften Familienvater zu verdanken? «Ich hoffe, ich bin innerlich immer noch genauso ein Suchender, wie als ich in die USA gegangen bin», entgegnet Schaerer lachend.

Am Buch habe ihm gefallen, dass der Autor die Kinder zum Träumen anregen wollte. Genauso ausschlaggebend sei für Schaerer aber auch die Botschaft gewesen: «Die kleine Hexe spielt nicht nur Streiche und ‹häts lässig›. Sie formt sich ihre eigene Welt. Am Ende der Geschichte gelingt es ihr, auf ihre Weise erwachsen zu sein und nicht, wie es die Erwachsenen ihr vorschreiben.»

Der Regisseur lässt durchblicken, dass er vor der Zielgruppe des Filmes einen gesunden Respekt gehabt habe. «Kinder sind ein unglaublich dankbares, aber auch ein brutales Publikum. Sie hängen schnell ab, wenn sie gelangweilt sind. Vor dieser Herausforderung hatte ich schon grossen Respekt.» Dass die Zuschauer nicht abhängen, liegt an der charmanten Filmwelt, die Schaerer mit seinem Team auferstehen lässt. In Szenenbildern, Kostümen, Masken und Filmmusik steckt Liebe für das Detail. Schaerer betont, dass die Welt der Kleinen Hexe fassbar und ein wenig altertümlich erscheinen sollte: «Ich muss die Textur spüren können, dass es kalt oder warm ist, dass etwas aus Holz ist und vielleicht ein wenig riecht.»

Die Hingabe zahlt sich aus. Schaerer empfiehlt sich definitiv für grosse Produktionen, nicht nur in der Schweiz. Darauf angesprochen, hält er einen Moment inne, bevor er antwortet. Das Filmgeschäft sei so schnelllebig, da gebe es einfach keine Garantie. Wenn wieder so ein Projekt auf ihn zukommt und es ihm gefällt, sei es wunderbar. Falls sich ein kleiner Nischenfilm ergibt, sei das auch gut. «Ich mache seit 18 Jahren Filme. Schliesslich muss man nicht die Filme machen, die Erfolg versprechen, sondern diejenigen, die man für erzählenswert hält.»