Kino
... dann würde Hitler heute vielleicht in den Schulzimmern hängen

Georg Elser wollte Hitler töten. Nachdem sein Plan misslingt, wurde er eingesperrt und schliesslich in Dachau hingerichtet. Regisseur Oliver Hirschbiegel hat ihm nun ein filmisches Denkmal gesetzt.

Lory Roebuck
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Georg Elser (gespielt von Christian Friedel) muss miterleben, wie die Nazis in seinem Dorf die Macht übernehmen. Nur er hat den Mut, sich zu widersetzen

Georg Elser (gespielt von Christian Friedel) muss miterleben, wie die Nazis in seinem Dorf die Macht übernehmen. Nur er hat den Mut, sich zu widersetzen

DCM Films

Fast genau 70 Jahre ist es her: Am Nachmittag des 30. April 1945 nimmt sich Adolf Hitler mit einem Kopfschuss das Leben. Acht Tage später findet der Krieg in Europa endlich ein Ende.

Dass Hitler knapp ein Jahr zuvor, im Juni 1944, einen Attentatsversuch überlebt hatte, ist bekannt. Oberst von Stauffenberg ging als deutscher Widerstandskämpfer in die Geschichte ein. Weniger bekannt ist, dass bereits im November 1939, also nur wenige Wochen nach Kriegsbeginn, auch ein unscheinbarer Schreiner aus dem Schwabenland einen Anschlag auf Hitler verübte: Georg Elser.

Dessen Geschichte erzählt nun der deutsche Erfolgsregisseur Oliver Hirschbiegel in seinem neuen Kinofilm «Elser». Wir lernen darin: Hätte der Führer an jenem Abend nur 13 Minuten länger an seinem Rednerpult im Münchner Bürgerbräukeller verweilt, Georg Elser und seine selbst gebaute Bombe hätten vieles verändert: «Elser hätte 55 Millionen Menschenleben gerettet und den Holocaust verhindert», ist Hirschbiegel überzeugt.

Wir treffen den Regisseur und seinen Hauptdarsteller Christian Friedel in Zürich zu einem Gespräch. Friedel sagt: «Aber ob sich das System dann wirklich zum Besseren verändert hätte oder ob Hitler vielmehr zu einem Märtyrer stilisiert worden wäre, kann man schlecht abschätzen.»

Hirschbiegel meint: «Im schlimmsten Fall würde Hitler heute in Schulzimmern hängen und wie ein Märtyrer verehrt werden.»

Kindische Verweigerung

Solche Gedanken bleiben Spielereien. Elsers Anschlag misslingt, Hitler überlebt. Die Stärke des Films ist, dass Hirschbiegel den Anschlag bereits in der ersten Szene abhandelt. Der Regisseur versucht gar nicht erst, künstlich Spannung aufzubauen.

Viel mehr als die Tat interessiert ihn nämlich der Mensch, der sie ausgeübt hat. Hirschbiegel fragte auch schon in seinem Film «Der Untergang» (2004) nach dem Wesen seines Protagonisten – dummerweise war dies der von Bruno Ganz gespielte Hitler.

Teile der deutschen Presse haben ihm diese Vermenschlichung des Führers nie verziehen. Der «Spiegel» nannte den Film, der für einen Oscar nominiert wurde, ein «Verbrechen». Dass man Leute wie Hitler nicht als Menschen sehen darf, findet Hirschbiegel eine kindische Verweigerungshaltung. «Ich habe mir das ja nicht ausgedacht. Der Film basiert auf jahrelangen Recherchen und zweifelsfreien Fakten.»

Auch «Elser» ist das Produkt grosser Recherchearbeit. Elser wurde nahe der Schweizer Grenze von der Gestapo gefasst, der Film folgt den Originalprotokollen des Verhörs.

Dazwischen eröffnen klug montierte Rückblenden, was diesen Mann zu seiner Tat veranlasst hat. Wir sehen zunächst sein unbeschwertes Leben voller Musik und Frauen, dann die Machtübernahme der Nazis in seinem Heimatdorf und schliesslich die schleichende – und erschreckend widerstandslose – Gleichschaltung der Menschen um ihn herum.

Schon bald wird auf dem Dorfplatz die erste Frau zur Schau gestellt, auf einem Schild steht: «Ich bin am Ort das grösste Schwein und lass mich nur mit Juden ein.» Alle schauen weg. Einzig in Elser regt sich etwas. Aus dem Pazifisten wird ein Widerstandskämpfer.

Widerstand leisten und Zivilcourage zeigen sei heute noch viel wichtiger als damals, findet Hirschbiegel: «Es ist eine Sache, gegen ein offensichtlich menschenverachtendes System Widerstand zu leisten. Viel schwieriger ist das in einem demokratischen System, das uns die Freiheit zur Selbstentfaltung verspricht, uns aber gleichzeitig ausspioniert. Die Notwendigkeit, etwas zu tun, ist heute zehnmal grösser als damals.»

Hirschbiegel sieht in Whistleblower Edward Snowden einen Geistesverwandten Elsers: «Was den Mut und die Selbstlosigkeit angeht, sind Snowden und Elser auf einer Linie.» Wie Snowden jetzt konnte auch Elser damals seine Familie nicht mehr sehen. Fünfeinhalb Jahre hält ihn die Gestapo fest. Am 9. April 1945 dann wird Elser in Dachau hingerichtet – nur wenige Wochen bevor das KZ von den alliierten Kräften befreit wird.

Siebzig Jahre später drohen die Erinnerungen an die schrecklichen Ereignisse jener Zeit zu verblassen. Die Anzahl Zeitzeugen nimmt ab. «Meine Grosseltern haben mir noch Dinge erzählt, die sie selbst erlebt haben», sagt Friedel. «Das rückt viel näher an einen ran. Meine Kinder, sollte ich mal welche haben, werden dann schon ganz anders an das Thema rangehen.» Gerade deshalb sei es wichtig, mit Filmen wie «Elser» die Ereignisse des Zweiten Weltkriegs wieder ins Gedächtnis zu rufen.

Braun gefärbter Nationalstolz

Denn vollständig aufgearbeitet ist diese Zeit auch heute noch nicht. Friedel findet es beispielsweise problematisch, zu sagen, er sei stolz auf sein Land. «Man hat sofort das Gefühl, solche Sätze seien braun gefärbt.» Der euphorisch bejubelte Sieg der deutschen Fussballnationalmannschaft bei der letztjährigen Weltmeisterschaft etwa habe bei ihm ein zwiespältiges Gefühl hinterlassen. «Zuerst bin ich natürlich hupend durch Schwäbisch Hall gefahren und habe mit den Kollegen gefeiert. Aber als ich abends im Bett lag, war die Erinnerung daran irgendwie unheimlich.»

Damit sich das deutsche Volk von den Schatten seiner Vergangenheit befreien könne, müsse es sich mit ihr bewusst auseinandersetzen. Eines Tages, hofft Friedel, wird man als Deutscher wieder Stolz für sein Land verspüren. «Denn vor dem Ersten und Zweiten Weltkrieg existierte bei uns eine Kultur, auf die wir durchaus stolz sein dürfen; auf die tollen Komponisten und Künstler, auf die Dichter und Denker, die dieses Land geprägt und über die Grenzen hinaus für Furore gesorgt haben.»

Mit seinen beklemmenden Bildern und überzeugenden Darstellern könnte auch Hirschbiegels Film ausserhalb Deutschlands für Furore sorgen. Innerhalb der Landesgrenzen wurde er schon mal mit deutlich grösserem Wohlwollen begrüsst als damals «Der Untergang» – sogar «Der Spiegel» hat sich mit Hirschbiegel versöhnt, und nennt seinen «Elser» eine «Wiedergutmachung».

Elser (D 2015) 110 Min. Regie: Oliver Hirschbiegel. Ab heute im Kino.

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