Comeback nach #MeToo
Kevin Spacey erhält wieder eine Filmrolle – und schon brodelt die Gerüchteküche

Der US-Schauspieler, der sich an Jugendlichen vergangen haben soll, erhält Unterschlupf in einem Film von Franco Nero, der Ikone des Italowestern. Warum dieses Comeback ein Zeugnis grosser Ignoranz ist.

Daniel Fuchs
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Kevin Spacey in besseren Tagen: als Lester Burnham 1999 in «American Beauty». Dafür gab es einen Oscar.

Kevin Spacey in besseren Tagen: als Lester Burnham 1999 in «American Beauty». Dafür gab es einen Oscar.

Bild: Imago

Sextäter, auch noch pädophil: Dieses Etikett haftet einem der einst grössten US-amerikanischen Schauspielern an, seit Männer Aussagen machten, wonach sie im Jugendalter von Kevin Spacey belästigt oder zu sexuellen Handlungen genötigt wurden.

Da war Kevin Spaceys Serie «House Of Cards» in aller Munde, der von ihm verkörperte ruchlose US-Präsident Frank Underwood eine Kultfigur. Spaceys angeblich langes Missverhältnis zu seiner Sexualität und die plötzlichen Vorwürfe im Zuge von #MeToo vor drei Jahren vermasselten der Serie gehörig den Abschluss. Ohne grosses Aufsehen liessen die Autoren Spacey zwischen zwei Staffeln sterben.

Seither ist der 61-Jährige von der Leinwand und vom Bildschirm verschwunden. Und in seinem Film «All The Money In The World» schnitt Ridley Scott Hauptdarsteller Spacey nachträglich heraus und ersetzte ihn mit Christopher Plummer. Der einzige Film mit Spacey seither, «Billionaire Boys Club» erzielte in den USA rekordtiefe 618 Dollar an den Kinokassen.

Kevin Spacey in seinen besten Rollen – hier geht's zu den Trailern:

Der unglückliche Familienmann in «American Beauty».

Quelle: Youtube

Der ruchlose Politiker Frank Underwood in «House Of Cards» von Netflix.

Quelle: Youtube

Spacey hielt den Ball flach. Diese Woche nun wurde bekannt: Spacey erhält Filmasyl in Italien und damit ein Comeback. Der 79-jährige Franco Nero, Urdarsteller des Rächers Django im gleichnamigen Spaghetti-Western von Sergio Corbucci aus dem Jahr 1966, bot seinem langjährigen Freund eine Rolle an in seinem neuen Film mit dem Titel «L’Uomo Che Disegnò Dio». Gedreht wird demnächst in Turin.

Was also tun? Sich freuen über die Rückkehr eines der grössten US-Schauspielers auf die Leinwand? Unvergessen ist Spaceys Darbietung in «American Beauty» (1999) von Sam Mendes. Für die Hauptrolle als unglücklicher Familienmann in einer Midlife-Crisis gab es einen von zwei Oscars (den zweiten erhielt Spacey für seine Nebenrolle in «The Usual Suspects» von 1995).

Viele Anzeigen, hängen blieb nichts

Erst letztes Jahr gingen in New York erneute Anzeigen gegen Spacey ein. Der Schauspieler soll bereits als 24-Jähriger übergriff gewesen sein und sich später als künstlerischer Direktor des Londoner Theaters Old Vic (2004 bis 2015) strafbar gemacht haben. Zu einer Verurteilung kam es nie, einige Anzeigen wurden zurückgezogen, andere sind verjährt, ein Mann starb, bevor sein Fall überhaupt vor Gericht kommen konnte. Die Vorwürfe stehen zum Teil aber noch im Raum, bewiesen ist nichts.

Offenbar aber beflügelte die News von Spaceys erster Rolle nach #MeToo die Fantasie der Kritiker. Plötzlich war auf sozialen Medien die Rede davon, in Franco Neros Film gehe es ausgerechnet um einen fälschlicherweise beschuldigten Pädophilen. Und Spacey selbst spiele den Kommissar, der diesen in die Mangel nehme. Sogar die deutsche «Welt» übernahm diesen Plott. Derjenige, dem vorgeworfen wird, sich an minderjährigen Männern vergriffen zu haben, will die Übergriffe also selbst ermitteln. Ein Schlag ins Gesicht der minderjährigen Opfer dieses Sexgrüsels!

Ganz so unappetitlich sind die Umstände indes nicht. Stimmt alles nicht, sagte der Produzent des Films, Louis Nero, ein Namensvetter des Regisseurs und Schauspielers, der Spacey nach Italien holt. Kevin Spacey untersuche als Ermittler Vorkommnisse innerhalb der Hauptfamilie des Films mit Franco Nero. Louis Nero sagte gegenüber der italienischen «La Repubblica»:

«Das hat null Bezug zu Pädophilie. Wer dieses Gerücht in Umlauf gebracht hat, mag Spacey nicht und hat bei uns nicht nachgefragt.»

Wie auch immer: Dem Low-Budget-Projekt ist mit der Nomination von Kevin Spacey natürlich ein Coup gelungen. Die Verbreitung des Films durch die medialen Interessen ist unbezahlbar. Und ganz ehrlich: Bis ein Gericht dereinst doch noch Klarheit schafft – und das ist zu hoffen – gilt für Kevin Spacey sowieso die Unschuldsvermutung. Filmemachern und Studios ist es selbst überlassen, ob sie dem Mann eine Bühne bieten wollen – oder ihn von der Leinwand verdammen, wie es amerikanische Studios gerne tun bei in Ungnade gefallenen Filmschaffenden.

Das mangelhafte Fingerspitzengefühl eines Westernhelds

Wenn Franco Nero dem Mann die Stange halten will, dann ist das sein Ding. Niemand ist zu einem Kinobesuch gezwungen.

Der Mann, der einen Sarg hinter sich her zog: Franco Nero als Original-Django im gleichnamigen Film von 1966.

Quelle: Youtube

Und doch lässt ein Satz aufhorchen, mit dem das Team um Franco Nero in der Filmdatenbank filmitalia.org den Inhalt beschreibt: Der Film sei eine Fabel über die Würde eines Menschen «in einer Welt, in der der Lärm der Medien das Problem menschlicher Imperfektion gelöst hat, in dem er dieses Problem schlichtweg entfernt». Das klingt stark nach einer Seilschaft von selbstgerechten Männern, die sich solidarisieren mit einem anderen ihres Schlags.

Kevin Spacey wurde vor drei Jahren auch zum Verhängnis, dass er eine halbbatzige Entschuldigung verband mit seinem Coming-out als Homosexueller. Der Tweet flog ihm danach um die Ohren, weil er damit erstens das Thema wechseln wollte und zweitens eine Verbindung zwischen Homosexualität und Pädophilie implizierte. Ob Spacey sich schuldig gemacht hat oder nicht: Es waren die falschen Worte zur falschen Zeit.

Dasselbe muss sich die Westernikone Franco Nero vorwerfen lassen: Ihre Inhaltsangabe für den Film im Zusammenhang mit Kevin Spaceys Engagement zeugt von Ignoranz und muss wie Hohn klingen in den Ohren derjenigen, die angeben, Opfer von Spacey geworden zu sein.