Guter Hauptdarsteller, verräterischer Regisseur: Mit «Richard Jewell» von Clint Eastwood läuten die Kinos die Post-Lockdown-Phase ein

«Richard Jewell» ist die Heldengeschichte über den Bomben-Helden von Atlanta. Diesen Samstag startet er in den Kinos. Clint Eastwood verpackt darin vor allem eines: seine Sicht auf Medien und Polit-Establishment.

Marlène von Arx
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Clint Eastwood (rechts) auf dem Filmset im Gespräch mit Paul Walter Hauser, der Richard Jewell sehr gut verkörpert.

Clint Eastwood (rechts) auf dem Filmset im Gespräch mit Paul Walter Hauser, der Richard Jewell sehr gut verkörpert.

Bild: Warner Bros.

Es ist das Jahr 1996, und in Atlanta beginnt die Sommer-Olympiade. Der Sicherheitswärter Richard Jewell findet bei einem Konzert im Centennial Olympic Park einen Rucksack mit drei Rohrbomben. Er benachrichtigt die Polizei und hilft beim Evakuieren. Als der Rucksack explodiert, wird ein grösseres Blutbad verhindert.

Richard Jewell wird kurz als Held gefeiert, doch dann richtet sich die Aufmerksamkeit des FBI auf ihn als Verdächtigen – ein gefundenes Fressen für die Medien, die ihn als Einzelgänger und pedantischen Möchtegern-Polizisten porträtieren. Monate später wird Jewell für unschuldig befunden.

Clint Eastwood jagte diesem Stoff des verfolgten Underdog fünf Jahre lang hinterher. Im Gespräch mit dieser Zeitung sagte der US-Filmemacher:

«Richard Jewells Geschichte ist eine grosse amerikanische Tragödie. Sie liess mich einfach nicht los.»

Jewell, im Film hervorragend gespielt von Paul Walter Hauser, passt denn auch gut in Eastwoods jüngste Filmografie, in der wahre Alltagshelden abgefeiert werden wie die drei amerikanischen Zugtouristen und Terroranschlagverhinderer in «The 15:17 To Paris» oder der Pilot Chesley «Sully» Sullenberger, der ein havariertes Passagierflugzeug sicher im Hudson River landete.

Eine in Film verpackte Kritik an Staat und Medien?

2007 starb der geplagte Held 44-jährig an Herzversagen. Die «Ballade von Richard Jewell», so der Titel des aufklärenden Artikels von 1997, hallt aber heute lauter nach als zuvor – vor allem in konservativen Ohren.

Clint Eastwoods konservativ bis libertäre Neigung ist bekannt, aber seine Filme sind nicht Propaganda. «American Sniper» zeigte einen nuancierten Einblick in das Leben eines Kriegsheimkehrers aus dem Irak.

In «Richard Jewell» brodelt nun aber eine unterschwellige Frustration, die oft mit der Trump-Nation in Verbindung gebracht wird: Da ist einerseits das Misstrauen gegenüber staatlichen Institutionen wie dem FBI, das durch die Russlandaffäre einen neuen Höhepunkt erreicht hat. «Ich habe das FBI vergöttert, als ich jünger war», erklärte Eastwood. «Da arbeiteten die aufrechtesten Leute. Heute machen sie Fehler und spielen den Medien Informationen zu, was sie nicht sollten.»

«Fake-News», ruft der Altmeister – und schummelt selbst

Noch mehr nimmt Eastwood die Rolle der Medien ins Visier: Richard Jewell als Opfer von Fake News. «Die Medien wurden leichtsinnig, was sie heute oft ebenfalls sind. Die sorgfältige Berichterstattung fehlt. Deshalb gibt es heute viele Konflikte zwischen Presse und Bevölkerung.»

Mit der Wahrheit nahm es Eastwood dann aber selber nicht so genau: Im Film bezirzt die Journalistin Kathy Scruggs (Olivia Wilde) den fiktiven FBI-Agenten Tom Shaw (Jon Hamm) mit einem Sex-gegen-Info-Deal.

Scruggs kann sich gegen die Anschuldigung nicht mehr wehren. Sie starb 2001 im Alter von 42 Jahren. Aber ihre Mitarbeiter bei der Zeitung, Freunde und Familie bestreiten, dass Scruggs auf diese Weise zu ihrer folgenschweren Schlagzeile kam. Mit dieser sexistischen Unterstellung zeigt Eastwood zudem auch kein Musikgehör für das Times-up-Zeitalter.

Überhaupt findet der inzwischen 90-jährige Filmemacher, seine häufig empörten Landsleute seien zu dünnhäutig geworden:

«Wir machen eher Rückschritte als Fortschritte. Jetzt gibt es Tabus, die wir vor 40 Jahren nicht hatten. Früher nahm man nicht alles so todernst.»

Und weiter: «Ich stamme aus Oakland, eine kulturell gemischte Stadt. Wir gaben einander Übernamen und lachten darüber. Jetzt muss man jedes Wort auf die Goldwaage legen, und die Medien bauschen alles zusätzlich auf.»

Trotzdem: Einen Freipass bekommt der Leader der Konservativen, Donald Trump, von der Hollywoodikone nicht. «Egal ob Obama oder Bush vor ihm: Jeder macht Gutes und Dummes. Täglich gibt es neue Überraschungen. Manchmal bin ich einverstanden, manchmal nicht. Aber ich erkenne Dummheit, wenn ich sie sehe. Und davon gibt es dieser Tage leider eine Menge.»

«Richard Jewell», (USA 2019, 131 Min.); R: Clint Eastwood. Ab 6. Juni im Kino.

Hier geht's zum Trailer: