Solothurner Filmtage

Bruno Todeschini: «Es ist immer die Frau, die sich den Mann aussucht»

Der Schweizer Filmschauspieler Bruno Todeschini ist der diesjährige Ehrengast an den 54. Solothurner Filmtagen. Der gebürtige Neuenburger über seine lange Karriere im französischen Autorenkino und die Tücken seines Berufs.

Georges Wyrsch
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Bruno Todeschini – hier mit Alessia Barela in «Sette giorni» – mag nicht alle Filme, in denen er spielte.

Bruno Todeschini – hier mit Alessia Barela in «Sette giorni» – mag nicht alle Filme, in denen er spielte.

HO

«Je ne choisis pas un rôle, je choisis de faire partie d’une histoire.» Mit diesem Zitat lässt sich Bruno Todeschini im Programmkatalog der diesjährigen Solothurner Filmtage zitieren. Im deutschen Wortlaut: Er suche sich nicht einzelne Rollen aus, sondern Geschichten, an denen er teilhaben wolle. Gewichtet Todeschini also die Qualität der ihm zugesandten Drehbücher höher als die angebotene Gage und das damit verbundene Prestige? Oder heisst es eher, dass ihm die Einbettung als Darsteller in ein spannendes Konzept wichtiger ist als die Eigenheiten der Figuren, die man ihm zu verkörpern gibt?

Mit dieser Frage eröffnen wir das Gespräch mit Todeschini in einem Genfer Restaurant. Mit seiner Antwort schlägt er einen dritten Weg ein: «Ich möchte einfach vorab das Universum der Person kennen, die Regie führt. Ich will mit ihr sprechen. Ich will wissen, was ihre Referenzen sind oder was sie mit ihrem Stoff vorhat. Und tatsächlich kann das dann auch bedeuten, dass ich je nach Ausgangslage lieber eine Nebenrolle in einem Projekt annehme, das mich interessiert, als eine Hauptrolle in einem Film, der auf rein finanziellen Überlegungen basiert.»

Geht man die Liste von Bruno Todeschinis Filmografie chronologisch durch, ergibt sich daraus also nicht nur ein Bild seiner Karriere, sondern folgerichtig auch seiner persönlichen Vorlieben. Sein Weg führte ihn von einer Theaterausbildung in Genf zu einer internationalen Schauspieltruppe unter der Leitung des Opern-, Theater- und Filmregisseurs Patrice Chéreau. Ab den frühen Neunzigern übernahm er erste Filmrollen und wurde kurz darauf zu einem der vertrauten Gesichter des anspruchsvollen französischen Autoren-kinos.

Der Theatermann wechselt zum Film

Bruno Todeschini wurde 1962 geboren und wuchs im Neuenburger Dorf Marin auf. Nach einer Theaterausbildung in Genf stiess er nach einem Casting zur französischen Theatertruppe «Groupe Des Amandines» im Pariser Vorort Nanterre, die von Patrice Chéreau geleitet wurde. Neben seiner regelmässigen Präsenz im französischen Autorenkino ist er auch dem Schweizer Filmschaffen eng verbunden: Er hat mit Alain Tanner, Markus Imhoof, Thomas Imbach und Bettina Oberli gearbeitet. Nach mehreren Jahrzehnten in Paris wohnt der verheiratete zweifache Vater heute wieder in Genf. (gw)

Ein Herz für den Autorenfilm

Für diese frühen Filme macht sich Todeschini heute noch stark. Den Filmregisseur Arnaud Desplechin, der ihn 1992 in seinem Frühwerk «La sentinelle» («Die Wache») besetzte und damit auch seine Filmkarriere in Gang setzte, bezeichnet er als einen der wenigen Menschen in seiner beruflichen Laufbahn, die es verstünden, Schauspieler richtig zu führen. Desplechin sei, wie Chéreau auch, ein richtiger «directeur d’acteurs».

Im Gegenzug nennt Todeschini auch ohne ein Blatt vor dem Mund Namen von Filmschaffenden, mit denen die Zusammenarbeit weniger geklappt hat, bittet uns aber, sie nicht zu veröffentlichen. «Schlechte Filme verschwinden halt danach nicht einfach, sie verfolgen einen», ist Todeschini überzeugt.

Bei einzelnen Filmtiteln, die wir nennen, rümpft er leicht die Nase. Sein Blick sagt dann jeweils alles, und wir überspringen diese Teile seiner Filmografie.

Die zutiefst (selbst-)kritische Haltung auch gegenüber seinem Werk prägt wohl die Strategie des Charakterdarstellers, bei allen seinen Zusagen vorsichtig zu sein: Er wirkt nicht gerade erpicht darauf, einen Fehler zweimal zu machen. «Warum sieht man Sie eigentlich nicht öfters in Komödien?», fragen wir ins Blaue hinein. «Weil ich mir das so aussuche», lautet auch auf diese Frage wieder Todeschinis Antwort. «Verstehen Sie mich richtig: Ich mag Komödien, ich liebe Jim Carrey und Louis de Funès. Aber die Qualität der französischen Komödiendrehbücher, die ich bekomme, ist meist abschreckend. Neulich habe ich mir eine Filmkomödie angeschaut, bei der ich zuvor abgesagt hatte. Zum Glück war ich da nicht dabei!» Todeschini rümpft leicht die Nase und nennt den Namen der Regisseurin. Wir behalten ihn für uns.

Todeschini-Filme in Solothurn

Die Solothurner Filmtage zeigen anlässlich der «Rencontre» insgesamt dreizehn Filme mit Bruno Todeschini. Im gleichen Rahmen finden zudem eine öffentliche Begegnung und eine Masterclass statt. In weiteren Sektionen der Filmtage laufen neuere Schweizer Produktionen, in denen Todeschini mitwirkt: Die RTS-TV-Serie «Double Vie» sowie die im Piemont gedrehte Literaturverfilmung «Il mangiatore di pietre», die diesen Frühling in der Deutschschweiz in die Kinos kommt. (gw)

Die weibliche Seite in ihm

Dass es mit dieser Absage und dem danach vernichtenden Urteil des abgeschlossenen Films eine Regisseurin getroffen hat, ist jedoch alles andere als Zufall: Bruno Todeschini arbeitet auffallend oft mit Frauen auf dem Regiestuhl zusammen: «Seit meinen Anfängen ist das so – obwohl es zu dieser Zeit fast nur männliche Regisseure gab. Ich hatte absolut nie Probleme damit, mich auf dem Set von einer Frau leiten zu lassen. Ich habe eine weibliche Seite in mir, und die kommt da manchmal zum Vorschein.»

Dann ist also auch dieses Bekenntnis zu einem Kino aus weiblicher Sicht dazu auch immer ein bewusster Entscheid in seiner Karriere gewesen?

Todeschini widerspricht und wird heiter: «Also wenn die Frage jetzt lautet, ob ich es bin, der sich die Regisseurinnen aussucht oder eher sie mich – dann kann ich dazu nur sagen: Es ist immer die Frau, die sich den Mann aussucht. Überall im Leben. Immer.»

Director’s choice: Die persönlichen Kurzfilmtipps von Filmtage-Direktorin Seraina Rohrer

1. Selfies von Claudius Gentinetta Heute schon ein Selfie gepostet? Von der Wiege bis zur Bahre fotografieren, teilen und taggen wir, was das Handy hergibt: #me, #like, #picoftheday. Claudius Gentinetta animiert zahllose Selfies zu einem phänomenalen Trip durch die Höhen und Tiefen unserer Existenz. #NoFilter!
10 Bilder
2. Kleingolf von Marvin Meckes Aus Spass wird bitterer Ernst an den Minigolf-Schweizer-Meisterschaften. Auf der Anlage zählen Konzentration und Geschick ebenso wie gutes Ballmaterial und Sachverstand. Marvin Meckes beobachtet einen Mikrokosmos, findet im Kleinen viel Grosses und erhascht einen Blick ins Herz der Schweiz.
3. Frida von Yvonne Pispico Vergilbte Fotos, künstliche Blumen und ein Zeitungsausschnitt. In sparsamen fotografischen Einstellungen entfaltet sich Fridas Lebensgeschichte, von der Hochzeit über die Geburt der Kinder hin zum Moment, der alles veränderte. Ohne die Erzählerin je zu sehen, sind wir ihr doch ganz nah.
4. Uno strano processo von Marcel Barelli Die Jagd teilt die Welt in zwei Lager: Menschen und Tiere, Männer und Frauen, oder Fleischesser und Vegetarier. Gekonnt verknüpft Jägersohn Barelli Zeichnungen mit dokumentarischen Sequenzen und Bildern aus dem Familienarchiv. Ein filmischer Schauprozess voller Humor!
5. Tote Tiere von David Oesch und Remo Rickenbacher Röbus Katze ist zwar schon länger tot, aber so richtig Abschied nehmen mag er nicht. Als der Eigenbrötler den Weg zur Kadaver-Sammelstelle endlich auf sich nimmt, betritt er eine neue Welt. Hauptdarsteller Matto Kämpf läuft in trockener Manier zu komödiantischer Hochform auf. Haben sie kürzlich ein Haustier verloren, empfehlen wir ein Taschentuch.
6. Krähen schiessen von Christine Hürzeler Krähen gehen nie auf ein verletztes Lebewesen los, hat der Wildhüter einmal gesagt. Doch diese Gewissheit bröckelt, als in seinem Park eine Frau verschwindet und ein Schuh gefunden wird. «Die Vögel» kreisen am Horizont. Christine Hürzelers experimenteller Tierfilm ist ein Krimi der anderen Art.
7. All Inclusive von Corina Schwingruber Ilić Auf den Weltmeeren gleicht ein Tag dem anderen, doch für Unterhaltung ist gesorgt. Ohne Worte, aber mit sprechenden Bildern nähert sich Corina Schwingruber Ilić dem Phänomen Kreuzfahrt: mal künstlich, mal schrill, mal lustig, immer faszinierend. Alles inbegriffen halt.
8. Brother Move on von Antshi von Moos Lastwagen, Tuk-Tuks und mittendrin ein weisses Taxi. Geeta manövriert ihren «Cab for women by women» durch Neu-Delhis Strassen. Während die junge Frau sich mutig einen Weg bahnt, erzählt sie von Belästigung und nächtlichen Pannen, von Selbstbestimmung und gesellschaftlichem Wandel: Sie weiss, sie sitzt in einem Vehikel der Emanzipation.
9. Soy tu Papá von Garrick J Lauterbach Azul starrt hypnotisiert in den Fernseher. Telenovelas ziehen die 8-Jährige in Bann. Bald wird ein Puppenhaus zum Filmset, verwandeln sich Plüschfiguren in Serienhelden, und die Lage eskaliert. Eine überspitzte, fantasievolle Hommage an den dramatischen Exzess lateinamerikanischer Seifenopern.
10. Ligne noire von Mark Olexa und Francesca Scalisi Während eine Frau ihr Netz nach Nahrung auswirft, ziehen Fischer Abfall aus dem Fluss. In wenigen Einstellungen erfassen Mark Olexa und Francesca Scalisi das Ausmass einer Umweltkatastrophe, um die niemand ein Aufheben macht. Im Wettbewerb «Prix de Soleure» zeigt das Regie-Duo übrigens den ebenso brisanten Dokumentarfilm «Digitalkarma».

1. Selfies von Claudius Gentinetta Heute schon ein Selfie gepostet? Von der Wiege bis zur Bahre fotografieren, teilen und taggen wir, was das Handy hergibt: #me, #like, #picoftheday. Claudius Gentinetta animiert zahllose Selfies zu einem phänomenalen Trip durch die Höhen und Tiefen unserer Existenz. #NoFilter!

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