Drama
«Before Midnight» ist das Meisterwerk einer unangekündigten Trilogie

Diese Sehnsucht. Diese Träume. Diese Verliebtheit. Was den US-Amerikaner Jesse (Ethan Hawke) an der Französin Céline (Julie Delpy) reizte, war eine der geistreichsten Romanzen der jüngeren Filmgeschichte.

Hans Jürg Zinsli
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Beziehungskrise in den Ferien: Der US-Amerikaner Jesse (Ethan Hawke) und seine Frau, die Französin Céline (Julie Delpy).Rialto

Beziehungskrise in den Ferien: Der US-Amerikaner Jesse (Ethan Hawke) und seine Frau, die Französin Céline (Julie Delpy).Rialto

Nach «Before Sunrise» (1995) und «Before Sunset» (2004) begegnen wir dem Traumpaar des Independentkinos jetzt ein drittes Mal: In «Before Midnight» werden Jesse und Céline, die bislang nie dauerhaft zueinanderfanden, plötzlich als Paar eingeführt, das mit blonden Zwillingstöchtern in Griechenland Urlaub macht.

Alles bestens also? Nicht ganz. Anstelle der einstigen Verliebtheit wird nun die langjährige Beziehung zwischen Jesse und Céline thematisiert. Da wird geflachst, gegiftelt, es knallen Türen. Und, kaum zu glauben, trotz ellenlanger Dialoge übertrifft «Before Midnight» seine Filmvorgänger noch an Schärfe, Witz und Klasse.

Ehre für die Figuren

Man muss sich das mal vorstellen: Regisseur Richard Linklater hatte zu Zeiten von «Before Sunrise» gar nie an eine Filmfortsetzung gedacht. Okay, der Regisseur, dessen grösster Publikumserfolg «School of Rock» (2003) war, ist in erster Linie Independentfilmer. Da sind personenbezogene Reihen oder Zyklen à la François Truffaut selten. Was Linklater zur Fortschreibung seiner Charaktere motivierte, war denn auch nicht autorenfilmischer Furor, sondern dauerndes Nachfragen der Zuschauer, wie es mit Jesse und Céline weitergehe. Kann es eine grössere Ehre für Filmer und ihre Figuren geben?

Inzwischen ist aus der vermeintlichen Eintagsfliege «Before Sunrise» ein halbes Leben geworden – inhaltlich wie formal einzigartig: Alle drei «Before»-Filme spielen an einem einzigen Tag, streifen Eigenheiten eines europäischen Landes und lassen die Hauptdarsteller in Einstellungen von über zehn Minuten über Gott und die Welt quasseln.

Altmodisches Kino? Ja, aber im besten Sinne. Denn die Kunst dieser Trilogie besteht darin, mit beiläufigen, aber messerscharfen Sätzen sowohl Vergangenheit wie Zukunft der Figuren lebendig werden zu lassen. In «Before Midnight» ahnt man etwa, dass Schriftsteller Jesse auf Lesereisen mehr als nur mündlichen Austausch mit weiblichen Fans hatte. Um dem auf den Grund zu gehen, benutzt Céline ein durchtriebenes Mittel: Sie schlüpft in die Rolle des naiven blonden Dummchens. Das sorgt inmitten einer gutgriechischen Tafelrunde zuerst für Gelächter, deutet aber schon auf jene Beziehungskrise hin, die die zweite Hälfte des Films dominieren wird.

Streit statt Sex

Übrigens: Ein ähnliches Rollenspiel hatte Céline schon in «Before Sunset» als Teil ihrer raffinierten Bezirzung eingesetzt, als sie (in Gegenwart von Jesse) ein fingiertes Telefongespräch mit einer Freundin begann. So bleibt «Before Midnight» seinem unangekündigten Konzept treu. Wenn sich Céline jetzt in «Before Midnight» in einem Hotelzimmer entkleidet und darauf kein Sex folgt, sondern Gezänk, erinnern wir uns: Bereits zu Beginn des ersten Films hatte sich im Zug ein Ehepaar angekeift. Als dieses die Plätze wechselte, sprach Jesse erstmals Céline an: «Hast du eine Ahnung, worum es da ging?» Bleibt zu hoffen, dass Jesse für die nächste Fortsetzung daraus lernt. Potenzial wäre jedenfalls vorhanden. Célines Statement lautete damals: «Wusstest du, dass Paare, wenn sie älter werden, die Fähigkeit verlieren, sich zuzuhören?»

Before Midnight USA 2013, 108 Min. Regie: Richard Linklater. Mit Julie Delpy, Ethan Hawke u. a.