Kurzfilm «Deine Strasse»
Auf Google Maps über eine Strasse gestolpert – Film gedreht: So kam es zu Güzin Kars Berlinale-Beitrag

Die Filmemacherin Güzin Kar nahm eine virtuelle Reise zum Anlass, an ein von Neonazis ermordetes Kind zu erinnern. Und das so einfach wie eindrücklich.

Daniel Fuchs
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Triste Aufnahme, triste Geschichte: Der Saime-Genç-Ring.

Triste Aufnahme, triste Geschichte: Der Saime-Genç-Ring.

Bild: PD

Der Saime-Genç-Ring liegt bei Bonn. 556 Meter lang, 6,6 Meter breit, 50 km/h Höchstgeschwindigkeit, erzählt eine Stimme aus dem Off. Es ist die Schriftstellerin Sibylle Berg, die spricht. Im Kurzfilm «Deine Strasse» von Güzin Kar erzählt Berg von der 4-jährigen Saime, die vor der Wahl stand: «Zu ersticken, zu verbrennen oder aus dem Fenster in den Tod zu springen», so die Stimme. «Kinder sollten keine solch grossen Entscheidungen treffen.»

Es ist die Nacht vom 28. auf den 29. Mai im Jahr 1993. In Solingen, 50 Kilometer nördlich von Bonn, legen Rechtsextreme Feuer am Haus der türkisch-stämmigen Familie Genç. Saime und vier Familienmitglieder sterben. Weitere 17 Bewohner des Zweifamilienhauses werden zum Teil schwer verletzt.

Nun, bald 30 Jahre nach der Tat, hat Filmemacherin Güzin Kar («Seitentriebe») einen Kurzfilm darüber gedreht. An der Berlinale diese Woche war «Die Strasse» im Wettbewerb. Den Gedanken, über die Opfer von Solingen von 1993 einen Film zu machen, trägt Güzin Kar schon seit 1994 mit sich, wie sie auf Anfrage sagt.

«Damals begann ich mein Filmstudium in Ludwigsburg und fragte mich, warum sich an unserer Schule niemand mit den Anschlägen der 1990er-Jahre auseinandersetzt. Es war mit Mölln, Hoyerswerda, Rostock, Solingen etcetera eine ganze Anschlagsserie.»

Und wann fiel der Entscheid für den Film? «Im Sommer 2019 entdeckte ich auf Google Maps zufällig eine Strasse, deren Name mir bekannt vorkam.»

Es war der Saime-Genç-Ring, ausserhalb von Bonn. Jemand hatte die Initiative ergriffen, eine Strasse im Industriegebiet nach einem der Mordopfer von Solingen zu benennen. «So kam die kleine Saime zu ihrer Strasse, die sie selber niemals betreten wird», sagt Güzin Kar. Im Winter 2020 reiste Kar hin, ging die Strasse auf und ab und suchte mit dem Smartphone nach passenden Bildern.

Im Zentrum dulden wir keine Mahnmäler

Entstanden ist ein erschütterndes Denkmal über ein Denkmal, Saimes Strasse eben. Güzin Kar will damit unsere Erinnerungskultur hinterfragen. «Strassen haben selten mit den Personen zu tun, denen sie gewidmet sind. Sie sagen aber trotzdem viel darüber aus, an wen wir uns wie erinnern.» Die triste Szenerie im Bonner Aussenviertel steht dafür exemplarisch. Kars Beobachtung:

«Je scham- und schuldbehafteter die Erinnerung an eine Person ist, umso weniger duldet man sie im Zentrum. Saimes Strasse liegt in einem Randgebiet, dort, wo niemand zum Flanieren hingeht.»

Und weiter: «Touristen sollen nicht mit der Erinnerung an das ermordete Kind erschreckt werden.» Im Film aber könne sie genau das tun: Einen Spaziergang durch den Ort unternehmen und gleichzeitig Saimes Geschichte ins Zentrum der Aufmerksamkeit rücken.

Sieht Kar ihren Film als eine Projektion auf den Holocaust oder geht es um ein Engagement gegen Hass? «Ganz im Gegenteil. Ich erzähle die Geschichte vollkommen emotionslos und wertfrei. Ich erlöse mein Publikum weder durch Erkenntnisgewinn noch durch Empörung oder Engagement, an das man andocken könnte. Man muss die Banalität des Bösen einfach 7Minuten und 22 Sekunden lang aushalten.»