Alpenseuche Après-Ski: Ein Norweger brachte das Partyvirus in die Schweiz

Schlager, Schnaps und Tröpfcheninfektion: Touristen des Après-Ski-Paradies Ischgl sollen das Coronavirus über Europa verstreut haben. Wie aber gelangte das Après-Ski-Fieber in die Alpen?

Daniel Fuchs
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Ischgl in der Optik des österreichischen Fotografen Lois Hechenblaikner. Im Bildband «Winter Wonderland» hat er das «Ibiza der Alpen» verewigt.

Ischgl in der Optik des österreichischen Fotografen Lois Hechenblaikner. Im Bildband «Winter Wonderland» hat er das «Ibiza der Alpen» verewigt.

Bild: Lois Hechenblaikner

Ischgl hat das Après-Ski nicht erfunden. Aber Ischgl steht für Après-Ski wie keine andere Winterdestination. Und das Tiroler Bergdorf auf 1300 Metern wirbt damit.

«Relax, if you can»

heisst sein Werbeslogan. Für manche klingt das wie eine Drohung. Nun herrscht Ruhe. Das Skigebiet ist geschlossen, die Boxen sind ausgeschaltet. Kuhstall, Kitzloch, und wie die Après-Ski-Lokale sonst noch heissen, schickten ihre Saisonarbeiter wegen Corona ins vorzeitige Saisonende. Wie überall im Alpenraum.

Das «Ibiza der Alpen» gilt als Drehscheibe für das Coronavirus in Europa. Ischgl-Touristen haben es zurück nach Deutschland, in die Schweiz, bis nach Island getragen. Der Vorwurf: Be­hörden und Touristiker sollen aus Rücksicht aufs Geschäft Corona-An­steckungen verheimlicht und zu zö­gerlich gehandelt haben. Die Gäste machten weiter Party. Und infizierten sich.

Ischgl ist nicht allein. Auch in der Westschweiz steht ein Wintersportort am Pranger. Vom Nobelort Verbier aus soll sich das Virus ebenso weiterverbreitet haben.

«Unter fünf Prozent werden wir nicht voll, unter fünf Prozent ist kein Alkohol»

, heisst es in einem der diesjährigen Après-Ski-Hits. «Saufi saufi saufi, ich bin ein Saufautomat», in einem anderen. Alle Hemmungen schwinden. Können sich Viren unter dem Après-Ski-Volk besonders gut verbreiten? Ja. Und nein. Denn Party ist Party. Und Ischgl als Schmelztiegel der Après-­Ski-Freunde aus ganz Europa war nur besonders anfällig. Unter Umständen reichte der eine Barkeeper, der das­ Virus trug. Oder ein Tourist. Viele erkennen im Après-Ski eine Epidemie, die vor Jahrzehnten die Alpen heimgesucht hat. Wie aber kam es überhaupt zu der Infizierung mit dem Après-Ski-Fieber?

Vor einer Skihütte in Arosa stehen Champagnerflaschen für müde Skifahrer bereit.

Vor einer Skihütte in Arosa stehen Champagnerflaschen für müde Skifahrer bereit.

Bild: Keystone

Der Umtrunk nach dem Skifahren hat seinen Ursprung in Norwegen

Der Brauch des Umtrunks nach dem Skifahren ist so alt wie das Skifahren selbst, auch wenn damals, gegen Ende des 19. Jahrhunderts noch niemand von Après-Ski sprach. Der mittlerweile verstorbene US-Historiker und Ski-Journalist Morten Lund nannte 2007 in einem Beitrag für die International ­Skiing History Association die Norweger, die Mitte 19. Jahrhunderts in der ­Gegend Telemark ihren eigenen alpinen Skistil erfunden hatten und sich nach der Anstrengung in der Kälte zu Hause mit viel Aquavit wärmten. 1877 wurde im damaligen Cristiania (heute Oslo) der erste Skiclub der Welt ge­gründet. «Als Höhepunkt des Après-­Ski gab es grosse Kartoffel-Portionen, um das Aquavit zu absorbieren», schreibt Lund.

Und so war es ein Norweger, der den Berglern in der Schweiz ein, zwei Techniktricks beibrachte, mit einer Flasche Schnaps im Gepäck quasi. Das war 1893 in Glarus, wo der erste Skiclub der Alpen gegründet wurde. In derselben Zeit etablierte sich der Wintertourismus im Alpenraum und damit in der Schweiz. Hotels wie das Kulm in St.Moritz entdeckten das Wintergeschäft. Etwas verzögert wuchs die Einsicht in den französischen Alpen, dass sich im Winter gutes Geld verdienen lässt. In Chamonix wurde schliesslich der Begriff Après-Ski geboren.

«Zu dicke Hüften und Oberschenkel für Ihre Ski- (und Après-Ski-)Anzüge? Dann ist es höchste Zeit für die erfolgreiche RTR-Schlankheitsbehandlung»

, warb ein Zürcher Schönheitsstudio 1970 in der NZZ. In gepflegten Kreisen kehrte man nach dem Skifahren zurück ins Hotel und wechselte die Garderobe.

In Kandersteg gibt es einen Verein, der einmal im Jahr die Anfangszeit des Wintertourismus und damit des Après-Ski aufblühen lässt. In der Belle Époque waren es vor allem bri­tische Gäste, die den Tourismus zum Florieren brachten. Sogenannte Thé-­dansant-Nachmittage waren en vogue und spielen bei den Belle-Époque-­Tagen Kanderstegs und für die Entwicklungs des Après-Ski eine Rolle.

Mit DJ Ötzi, Hüttengaudi und Massenabsturz in der Iglu-Bar hatte das freilich nichts zu tun. Jack Säuberli mag sich an solche Thé-dansant-Zusammenkünfte erinnern. Der 72-jährige Schweizer Komponist, Produzent und Musiker hat in manchen Hotels gespielt.

Jack SäuberliSchweizer Komponist, Produzent und Musiker

Jack Säuberli
Schweizer Komponist, Produzent und Musiker

Bild: zvg

«Das waren Anlässe der Hotelgäste, reichen Menschen aus England zum Beispiel in Gstaad oder aus Italien in St.Moritz», sagt er. Gegen 16 Uhr habe das jeweils angefangen, in anderer Garderobe freilich als der Skikluft.

Tanz-Orchester erlebten ihre Blütezeit von 1940 bis 1980

Von Hazy Osterwald bis Pepe Lienhard, Säuberli kannte sie alle. Es war die Zeit der Tanzorchester. Sie hatten ihre Auftritte zwischen 1940 und 1980 auch und gerade in den Nobelhotels der Berge. Die Formationen bestanden nebst Rhythmusgruppe aus mehreren Bläsern. «Häufig waren wir zu acht. Oftmals ging das nachmittags los. Erst zum Thé dancant, anschliessend war ‹Dîner mit dezenter Musik› angesagt, welchem der abendliche ‹Tanz bei Kerzenlicht› folgte. Wir spielten oft durch bis in die frühen Morgenstunden.»

In Ischgl gab es schon früher Grossveranstaltungen im Skigebiet – hier zum Beispiel ein Konzert von Tina Turner.

In Ischgl gab es schon früher Grossveranstaltungen im Skigebiet – hier zum Beispiel ein Konzert von Tina Turner.

Bild: Keystone

Säuberli verfällt der Nostalgie, wenn er über diese Zeit spricht. Er habe Einblicke erhalten in eine Welt, in die man sonst keinen Zugang hatte, sagt er. Und erinnert sich an einige Anekdoten. So sei hie und da der Zimmerschlüssel einer reichen Touristin in einem der Saxofonbecher gelandet inklusive verführerische Notiz. In St.Moritz sei die italienische Sportwagen-Gründerfamilie Ferrari zu Gast gewesen. «Der als Wunderkind angepriesene Sohn sollte am Klavier mit uns spielen. Es war schrecklich, der Junge hatte kein Talent», erinnert sich Säuberli lachend.

Mit dem Wintersport, der sich über die Jahrzehnte hin vom elitären Freizeitvergnügen für die Massen öffnete, veränderte sich die Art der Abendunterhaltung. Die Orchester wurden immer kleiner, erinnert sich Säuberli. Schliesslich wurde der Platz in den Salons und Speisesälen der Hotels gebraucht für mehr Tische, was mehr Umsatz brachte. In den 1980ern übernahm die Elektronik. «Mit der Schnelligkeit der Bergbahnen verschnellerten sich auch die Beats in der Musik.»

So landen wir beim Après-Ski von heute. Mit den Elektrobeats aus der Dose entstanden gerade in Österreich ein paar Après-Ski-Klassiker. Unver­gessen DJ Ötzi mit «Anton aus Tirol».

«Wie heisst die Mutter von Niki Lauda?» lautet der Refrain eines ­Après-Ski-Hits. «Mama Lauda, Mama Lauda», heisst die gegrölte Antwort. Blamieren kann sich bei solcher Vor­gabe eigentlich niemand mehr. Anders als bei der Ferrari-Familie am Bar-­Piano.

So gesehen hat das Après-Ski der Ischgl-Ausprägung seine ganz eigene demokratische Berechtigung. Und vielleicht ist es gut, dass mit dem Wintersport auch das Après-Ski nicht mehr den Reichen vorbehalten ist. Seuchenherd hin oder her.

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