«Vergangenheit Einfach!» an den Solothurner Filmtagen

«Moskau Einfach!» mit Mike Müller thematisiert die Fichenaffäre vor 30 Jahren und eröffnet die Solothurner Filmtage im Januar. Das Programm der 55. Ausgabe zeigt: Schweizer Filmemacher blicken nicht gerne in die Zukunft. Warum?

Daniel Fuchs
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Philippe Graber spielt einen Polizisten und soll Theaterleute bespitzeln: «Moskau Einfach!» thematisiert die Fichenaffäre von 1989 und eröffnet im Januar die Solothurner Filmtage.

Philippe Graber spielt einen Polizisten und soll Theaterleute bespitzeln: «Moskau Einfach!» thematisiert die Fichenaffäre von 1989 und eröffnet im Januar die Solothurner Filmtage.

Bild: Vinca Film

In «Moskau Einfach!», der ­neuen Komödie von Micha Lewinsky, soll ein Schweizer Polizist Informationen sammeln über linke Theaterleute am Schauspielhaus Zürich. Die Geschichte spielt im Herbst 1989, kurz bevor ans Licht kommt, dass der Staat Zehntausende Schweizerinnen und Schweizer überwachen lässt und Fichen anlegt.

Die Fichenaffäre hat das Land durchgeschüttelt und sich bis heute ausgewirkt, etwa wenn wir über Datenschutz reden.

«Moskau Einfach!» eröffnet im Januar die 55. Ausgabe der Solothurner Filmtage. Und er behandelt, was viele Schweizer Filmschaffende gerne tun: die Vergangenheit thematisieren. Das zeigt das gestern in Zürich vorgestellte Programm der Solothurner Filmtage. Präsentiert wurde es erstmals von Anita Hugi, die im Sommer den Posten von Ex-Direktorin Seraina Rohrer übernommen hat.

Die Dürre 1976 und der ­koloniale Blick auf Afrika

Drei Produktionen stehen exemplarisch für den Blick zurück der Schweizer Filmschaffenden: «Le milieu de l’horizon» von Delphine Lehericey spielt im Dürresommer 1976. Darin spürt der 13-jährige Bauernsohn Gus, wie sich um ihn nicht nur die Natur verändert, sondern auch seine Familie auf den Kopf gestellt wird – und er die Kindheit hinter sich lässt. Das Flirren der Hitze ist spürbar in diesem Film. Und man taucht gerne ein in diese Welt der Siebziger.

«Tambour battant» von Fran­çois-Christophe Marzal spielt in demselben Jahrzehnt und handelt von Konflikten in einer Walliser Dorfmusik, während die Schweiz über das Frauenstimmrecht und die Überfremdungs-­Initiative von James Schwarzenbach streitet. Diese beiden und zehn weitere Filme stehen im Wettbewerb um den Publikumspreis in Solothurn.

Das dritte Beispiel ist einer von zwölf Filmen im Wettbewerb für den «Prix de Soleure»: Die gefeierte Dokumentation «African Mirror» von Mischa Hedinger porträtiert den Schweizer Afrika-Erklärer und -Verklärer René Gardi.

Familiäre Konflikte, Frauen- und Ausländerrechte sowie unser koloniales Bild von Afrika sind ebenso aktuell wie der Syrienkrieg oder der Klimawandel, um die sich laut Filmtage-Direktorin Hugi viele der insgesamt 178 in Solothurn programmierten Filme drehen.

«À la recherche de l’homme à la caméra» begleitet die Filmerin Boutheyna Boslama auf der Suche nach ihrem Jugendfreund, einem vermissten syrischen Aktivisten im Bürgerkrieg. Und mit «Citoyen Nobel» von Stéphane Goël kommt das Engagement des Schweizer Chemie-Nobelpreisträgers Jacques Dubochet für das Klima auf die Leinwand.

Wo aber bleibt Science Fiction?

Der Blick in die Zukunft dagegen bleibt aus. Das ist typisch für den Schweizer Film. Wer nach dem Genre Science Fiction sucht bei Schweizer Filmen, findet nicht einmal zwei Handvoll Produktionen. Es mangelt an Filmen, die das veränderte gesellschaftliche Zusammenleben in der Zukunft thematisieren aufgrund von technologischem, gesellschaftlichem oder politischem Wandel.

Einer, der sich dem Genre annahm, ist Ivan Engler. 2010 ging er mit seinem Science-Fiction-Film «Cargo» nach Solothurn. Damals, sagt Engler nun am Telefon mit dieser Zeitung, war er überrascht von der Bereitschaft der Geberkommissionen, eine solche Produktion zu unterstützen.

«Dass es in der Schweiz kaum Sci-Fi-Produktionen gibt, liegt nicht an der Filmförderung, sondern am Interesse der Autoren», findet er. «Die Filmautoren, die ich kenne, sind eher an politischen Themen des Hier und Jetzt interessiert, als an Dystopien.»

Englers neues Projekt thematisiert wieder eine Welt in der Zukunft. Es handelt von der Bankenschweiz und davon, wer künftig die Kontrolle über die Geldflüsse hat, verrät er.

Ein Science-Fiction-Film findet sich dann doch noch im Programm der Solothurner Filmtage, der Kurzfilm «Dagu» von Aron Yeshitila Gebrehanna. Er handelt von einem isolierten Betreiber einer unabhängigen Radiostation in einem fiktiven afrikanischen Staat. Nur gerade eine Person wagt es noch, mit ihm zu sprechen. Eine Dystopie von 19 Minuten. 19 Minuten in 8 Filmtagen.

Solothurner Filmtage, 21. bis 29. Januar 2020.