FILM UND KUNST: Verrückte Suche nach einem Felsen

Rocky II, ein verschollenes Kunstwerk, steht im Mittelpunkt einer Ausstellung und eines Films des Oscarpreisträgers Pierre Bismuth in der Kunstzone und im Kinok in der Lokremise St. Gallen.

Christina Genova
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«Wo ist Rocky II?» will Privatdetektiv Michael Scott (rechts) von Ed Ruschas ehemaligem Assistenten Jim Ganzer (links) wissen. (Bild: PD)

«Wo ist Rocky II?» will Privatdetektiv Michael Scott (rechts) von Ed Ruschas ehemaligem Assistenten Jim Ganzer (links) wissen. (Bild: PD)

Christina Genova

christina.genova@tagblatt.ch

Nein, mit Sylvester Stallone hat die neue Ausstellung «Where is Rocky II?» in der Kunstzone der Lokremise nichts zu tun und auch nicht der gleichnamige Film, der parallel dazu im Kinok gezeigt wird. Der französische Künstler Pierre Bismuth erzählt darin von der Suche nach einem Felsen, der eigentlich kein Felsen ist. Das tönt langweilig? Das Gegenteil ist der Fall. Denn Bismuth bedient sich in seinem Film der Mittel des Hollywoodkinos, indem er sie gleichzeitig entlarvt. Dazu ge­hören: ein geschickt konstruierter Spannungsbogen, eine tempo­reiche Geschichte, Schiessereien und Explosionen.

Schein und Sein in der Wüste

Bei näherer Betrachtung gibt es zwischen «Where ist Rocky II?» und Hollywoodstar Sylvester Stallone aber sehr wohl Verbindungen. Die Fortsetzung von dessen Boxerfilm «Rocky» kam 1979 in die Kinos, just in jenem Jahr, in welchem der damals noch wenig bekannte Pop-Art-Künstler Ed Ruscha die zweite Version eines Felsens aus Fiberglas fertigstellte und ihm wohl als Seitenhieb auf die Scheinwelt Hollywoods den Titel «Rocky II» verlieh. Aus jener Zeit gibt es ein Zitat von Ed ­Ruscha, das Bismuth seinem Film vorangestellt hat: «Hollywood is not just a place, Hollywood is a verb. You can Hollywood something. You can Hollywood anything.»

Ed Ruschas rätselhafter Felsen wurde nie öffentlich ausgestellt und erscheint auch nicht in seinem Werkverzeichnis. Woher man überhaupt von «Rocky II» weiss? Das Werk taucht in einem BBC-Dokumentarfilm von 1980 über Ed Ruscha auf. Man sieht ihn bei der Herstellung des Felsens und bei dessen Transport in die kalifornische Mojave-Wüste. Dort platziert er den falschen unter die ­echten Felsen. Damit ist ein weiteres wichtiges Motiv von Pierre Bismuth’ Film und der dazugehörigen Ausstellung gesetzt, denn darin geht es zentral um das Verhältnis von Schein und Sein. Und niemand ist wohl besser beim Aufbau einer Scheinwelt als die Traumfabrik Hollywood.

Pierre Bismuth sah das BBC-Video erstmals vor über zehn Jahren, kurz nachdem er für das Drehbuch von «Eternal Sunshine of the Spotless Mind» 2004 einen Oscar gewonnen hatte. Bismuth fand die Geschichte mit dem Felsen seltsam, vor allem weil er wusste, dass Ed Ruscha eigentlich keine Skulp­turen anfertigt. Der Künstler versuchte, mehr darüber herauszufinden, doch niemand wusste ­etwas über «Rocky II». Bei der Eröffnung einer Ausstellung Ed Ruschas in London 2009 schlich sich Bismuth unter die Journa­listen und stellte dem Künstler die alles entscheidende Frage: «Where is Rocky II?» Der überrumpelte Künstler gab vor laufenden Kameras zu, dass der ­Felsen existiere, weigerte sich aber, mehr über dessen Standort zu verraten. Diese Szene bildet den Einstieg in den Film. Ein ­virtuoses Verwirrspiel um Realität und Fiktion beginnt mit dem Resultat, dass man als Zuschauer zunehmend alles in Frage stellt.

Neun Trailer zum Film

Denn «Where is Rocky II?» ist ein Dokumentarfilm, der wie ein Spielfilm erzählt wird; Pierre ­Bismuth nennt es «Fake Fiktion». Für die Suche nach dem Gesteinsbrocken engagiert er den Privatdetektiv und Ex-Polizisten Michael Scott. Dieser verfügt zwar über eine ausgezeichnete Spürnase, versteht aber nichts von Kunst, was zu unfreiwillig komischen Momenten führt. Scott spürt alle möglichen Informanten auf: Grössen aus der Kunstszene von Los Angeles, die Produ­zenten des BBC-Films und Ed Ruschas Assistenten Jim Ganzer. Scott macht seine Sache so gut, dass man sich ständig fragt, ob er wohl nicht doch eine Rolle rezitiert. Doch wie Bismuth versichert, wurde kein einziger der Dialoge nachgedreht.

Um die Geschichte noch komplexer zu machen, treten im Film mit D. V. DeVincentis und Anthony Peckham zwei echte Drehbuchschreiber auf, die im Auftrage von Bismuth versuchen, aus dem realen Stoff eine fiktionale Geschichte mit klassischer Hollywood-Dramaturgie zu entwickeln. Einsprengsel ihrer Ideen tauchen flashbackartig im Film auf. Nach dem überraschenden Ende des Dokumentarfilms folgt als Abschluss der Trailer zum Spielfilm «Where is monument one?», nach dem Drehbuch von DeVincentis und Peckham, der mit Profischauspielern wie Robert Knepper und Milo Ventimiglia gedreht wurde.

Dieser und acht weitere Trailer zu «Where is Rocky II?» sind in der Kunstzone der Lokremise unter dem Titel «Promotional Occurrences» in der Ausstellung zum Film zu sehen. Im Eingangsbereich gibt es Filmplakate, T-Shirts, Kaffeetassen, Baseballmützen und Stofftaschen, die Fan- und Werbeartikel zugleich sind. Unter den Trailern ist auch ein «Fake Trailer», den Bismuth herstellte, bevor der Film überhaupt produziert worden war und der ihm zur Mittelbeschaffung diente. Die Trailer sind neun ­Varianten davon, wie man die ­Suche nach «Rocky II» auch noch erzählen könnte: Nach Hollywoodmanier, für ein Arthouse-Publikum, aus der Perspektive des Detektivs oder der Drehbuchautoren. In einem hört man gar die Stimme von Lawrence Weiner. Jeder der Trailer erzählt auf seine Weise von der Verführungskraft der bewegten Bilder. Jedenfalls verspürt man nach dem Ausstellungsbesuch das dringende Bedürfnis, den ganzen Film zu sehen. Und Pierre Bismuth hat recht, wenn er sagt: «Der Film ist besser als alle Trailer zusammen.»

Heute um 19.30 Uhr Premiere in Anwesenheit von Pierre Bismuth und Kurator Lorenzo Benedetti. Nächste Vorstellungen 25.7., 19 Uhr; 20.8., 11 Uhr.