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FILM: "Ist Glück eine Verantwortung?"

Im neuen Kinofilm "Eldorado" knüpft der 76-jährige Schweizer Regisseur Markus Imhoof an "Das Boot ist voll" aus dem Jahr 1981 an. Die europäische Flüchtlingskrise erinnert ihn an eigene Erfahrungen.
Geri Krebs
Markus Imhoof bei der Präsentation seines Filmes an der diesjährigen Berlinale. (Bild: Sascha Steinbach/EPA (Berlin, 22. Februar 2018))

Markus Imhoof bei der Präsentation seines Filmes an der diesjährigen Berlinale. (Bild: Sascha Steinbach/EPA (Berlin, 22. Februar 2018))

Interview: Geri Krebs

Markus Imhoof, Sie sind jetzt 76, strahlen nach wie vor eine unglaubliche Energie aus. Wie machen Sie das?

Ein Rezept habe ich nicht. Ich bin einfach in der glücklichen Lage, dass ich gesund bin. Ich bin viel unterwegs, dadurch viel in Bewegung, vielleicht hilft das ja, dass man nicht allzu schnell altert. Und Bewegung ist ja eigentlich die Grundlage von Leben, Evolution ist Bewegung – deswegen glaube ich auch, dass Starrsinn nicht gesund ist.

Mit Migration, Krieg und einem Flüchtlingsschicksal wurden Sie von frühester Kindheit an konfrontiert.

Ich war vier Jahre alt, als meine Eltern das italienische Halbwaisenmädchen Giovanna am Ende des Krieges für ein halbes Jahr aufnahmen.

Hatten Sie damals ver­standen, warum sie da war?

Also, ich würde jetzt nicht behaupten, dass ich noch bewusste Erinnerungen an den Tag hätte, da der Krieg zu Ende war. Aber es gibt viele Bilder aus jenen Tagen und Wochen, die mir präsent sind. So etwa die zerlumpten Flüchtlinge auf dem Sportplatz, die polnischen Internierten, die bei uns in der Nähe im Kirchgemeindehaus campierten, oder die US-Soldaten im Zürcher HB, die mir Kaugummi schenkten.

Gemäss Vereinbarungen der Schweiz mit dem Roten Kreuz musste Giovanna 1946 zurück ins zerbombte Milano. Drei Jahre später konnte sie noch einmal kurz in die Schweiz kommen. Wie hatten Ihre Eltern das geschafft?

Es hiess vom Roten Kreuz, dass keine zu engen emotionalen Bindungen zwischen den Kindern und den Gastfamilien entstehen durften. Deshalb waren diese Aufenthalte auf sechs Monate begrenzt. Meine Eltern sahen aber, in welch schlechtem Zustand Giovanna war und in was für ein Leben sie zurück musste: Der Vater in Stalingrad verschollen, die Mutter musste die Familie mit Heimarbeit durchbringen, das Haus war durch Bomben schwer beschädigt. Als 1947 die Schweiz mit Italien den ersten Staatsvertrag über Saisonniers unterzeichnete, bedeutete das auch eine scheinbare Grenzöffnung, aber nicht für Kinder. So reiste mein Vater nach Milano, um dort auf dem Schweizer Konsulat den ganzen Papierkrieg für Giovanna zu erledigen. Er musste eine Garantieerklärung für sämtliche Kosten unterschreiben und sich verpflichten, dass sie nach einem halben Jahr wieder zurückkehrte.

Einige Monate nach dieser zweiten Rückkehr nach Italien, im August 1950, verstarb Giovanna an einer Hirnhautentzündung. Wie erfuhren Sie von ihrem Tod?

Durch einen Brief ihrer Mutter, eine Woche später, Telefon gab es kaum. Giovannas Mutter schrieb, dass Giovanna ihre einzige Puppe meiner Schwester vermacht habe. Meine Eltern haben bis zu ihrem Tod damit gehadert, dass sie den Schweizer Behörden Folge geleistet hatten.

Giovannas Geschichte lässt die Wurzeln Ihres Engagements erkennen. Ihr Film wagt den Vergleich zwischen der Situation von damals und heute. Ist das zulässig?

Der grösste Teil der Flüchtlinge, die heute übers Mittelmeer kommen, sind Migranten, die nicht sofort im KZ umgebracht werden, wenn man sie zurückschickt. Das ist ein grosser Unterschied. Aber ich finde, die ablehnende Haltung von damals und heute ist durchaus ähnlich: Sprach man damals von einer «Verjudung», so heisst es heute «Islamisierung des Abendlandes». Mein Film soll ein Beitrag sein gegen dieses Denken, dass man einerseits die Globalisierung bejaht und andererseits meint, eine Insel zu sein. Dabei hat mit dem Handy jeder ein Stück Kongo in der Hosentasche. Einige Bestandteile gibt es nur dort. Ausgebeutet werden diese Bodenschätze von Schweizer Firmen. So stellt sich die Frage: Ist Glück eine Verantwortung?

Und wenn Sie politische Verantwortung hätten: Welche Flüchtlingspolitik würden Sie betreiben?

Es braucht eine gesamteuropäische Politik, von diesem Europa ist die Schweiz ein Teil. Flüchtlingspolitik ist auch Wirtschaftspolitik. Im Film gibt es die Geschichte des Afrikaners, der zwei Kühe verkauft hat, um sich die Reise nach Europa zu finanzieren. Er wird zurückgeschafft und erhält eine Rückkehrhilfe. Davon kauft er sich wieder zwei Kühe. Doch dieses Geschäft macht ihm das gleiche Europa kaputt, indem es mit Dumpingpreisen von hochsubventioniertem Milchpulver den afrikanischen Markt ruiniert.

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