Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

FILM: Eine Geschichte der Gewalt

Raoul Peck zeichnet in seinem für den Oscar nominierten Essayfilm «I Am Not Your Negro» mitreissend und erschütternd die Geschichte des Rassismus gegenüber den Afroamerikanern nach und spannt den Bogen von der Vergangenheit zur Gegenwart.
Auf seinem Romanprojekt basiert der Film: James Baldwin. (Bild: PD)

Auf seinem Romanprojekt basiert der Film: James Baldwin. (Bild: PD)

1979 begann der afroamerikanische Autor James Baldwin (1924–1987) an einem Roman, in dem er anhand der Geschichte der drei mit ihm befreundeten und zwischen 1963 und 1968 ermordeten Bürgerrechtskämpfer Medgar Evers, Malcom X und Martin Luther King die Geschichte der schwarzen Bevölkerung der USA nachzeichnen wollte. Doch über ein 30-seitiges Manuskript kam das Projekt «Remember This House» nie hinaus.

Der haitianische Regisseur Raoul Peck, der schon den kongolesischen Politiker Patrice Lumumba in einem Dokumentarfilm (1992) und einem Spielfilm (2000) vielschichtig porträtierte, nahm sich nun dieses Fragments an. Mit dem von Samuel L. Jackson gesprochenen Text Baldwins wirft Peck nicht nur einen radikal persönlichen Blick auf die Rolle der Afroamerikaner in der US-Gesellschaft und ihrer Marginalisierung und Unterdrückung, sondern zieht den Zuschauer damit auch in die Materie hinein, lässt ihn mit den Augen des Schriftstellers auf die Ereignisse blicken.

Die Gegenwart des Vergangenen

Gleichzeitig wird die subjektive Perspektive durch eine Fülle von Archivmaterial wiederum geweitet, werden die Aussagen Baldwins durch Fotos, Ausschnitte aus Filmen, Werbung und TV-Diskussionen belegt und verstärkt, aber auch Parallelen zwischen Geschichte und Gegenwart hergestellt. Wie zeitlos das Thema ist, wird auf erschütternde Weise sichtbar, wenn Peck in meisterhafter Montage Dokumentaraufnahmen von Rassenunruhen und Polizeigewalt in Watts, Los Angeles 1965, und Ferguson, Missouri 2014, aufeinanderprallen lässt. Perfekter mögen die neuen Bilder sein, doch austauschbar ist ihr Inhalt.

Eindrücklich und durch die autobiografischen Ausführungen Baldwins nachvollziehbar zeichnet der Haitianer anhand zahlreicher Ausschnitte aus Hollywood-Klassikern von «King Kong» (1933) über «Tarzan» und «Flucht in Ketten» (1958) bis zu «In der Hitze der Nacht» (1967) aber auch nach, welches verheerende Bild in Film und Popkultur von den Afroamerikanern gezeichnet wurde und wie sich dieses auf das Denken und das Selbstbild der Afroamerikaner auswirkte.

Das scheinbar Harmlose bekommt hier plötzlich Gewicht, wenn Peck und Baldwin aufzeigen, wie die Doris-Day-Komödien dem Publikum Wohlstand und eine heile bürgerliche Welt vorgaukelten, die der afroamerikanischen Bevölkerung völlig fremd waren, oder sich der afroamerikanische Zuschauer mit den weissen Stars John Wayne und Gary Cooper zu identifizieren lernte. Zu Helden wurden hier auch für das von den Weissen unterdrückte und ausgegrenzte schwarze Publikum Fi­guren, die in den Western den Genozid an den Indianern verherrlichten.

Keine schöne Geschichte

In seiner kraftvollen und ungemein dichten, aber immer übersichtlichen und durch die grossartige Musikmontage mitreissenden Collage an Gedanken und Bildern spannt Peck den Bogen vom Massaker an den Lakota-Indianern am Wounded Knee im Jahr 1890 bis zur Gegenwart. Mittels der Texte Baldwins zeichnet er dabei die Geschichte der USA nicht nur als eine Geschichte ­ der Gewalt und des Rassismus, sondern deckt auch die Gespaltenheit der US-Gesellschaft auf. Er macht die Indifferenz der weissen Bevölkerung und ihre völlige Unkenntnis der Lebens­situation der Afroamerikaner, die quasi ein unterirdisches Leben führen, als Wurzeln des Rassismus sichtbar. Keine schöne Geschichte, aber eine, die erzählt werden muss und gesehen werden sollte.

Walter Gasperi

ostschweizerkultur

@tagblatt.ch

Kinok St. Gallen, 15.4., 15 Uhr; 19.4., 18.40 Uhr; 23.4., 11 Uhr; 29.4., 17 Uhr

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.