Fiktion wird Realität: Dieser Film prophezeite schon vor 9 Jahren eine Fledermausviren-Epidemie

Fiktion wird Realität: Dieser Film prophezeite schon vor 9 Jahren eine Fledermausviren-Epidemie

«Contagion» von 2011 ist der am häufigsten gestreamte Film der Coronakrise. Drehbuchautor Scott Z. Burns und Berater Ian Lipkin blicken auf ihren alarmierenden Pandemie-Thriller zurück und wagen eine Prognose.

Marlene von Arx aus Los Angeles
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Ein chinesisches Fledermaus-Virus breitet sich aus über die ganze Welt. Viele Menschen sterben. Ein zweifelhaftes Wundermittel wird propagiert. Massengräber werden ausgehoben. Gesundheitsbehörden suchen verzweifelt einen Impfstoff. Das ist nicht die Coronavirus-Kurzfassung der letzten Monate, sondern der Plot von «Contagion», Steven Soderberghs Ensemble-Film von 2011 mit Matt Damon, Gwyneth Paltrow, Kate Winslet, Marion Cotillard und Jude Law. Der Pandemie-Film war ein moderater Erfolg. Die «Academy of Science Fiction, Fantasy and Horror Films» nominierte den Film in der Kategorie «Horror-Thriller». Neun Jahre später könnte «Contagion» fast auch als Dokumentarfilm durchgehen. Gemäss Warner Bros. wurde aus ihrem Katalog bisher nur «Harry Potter» öfter gestreamt.

Es war Drehbuchautor Scott Z. Burns, der Soderbergh eine Pandemie fürs Kino vorschlug. Inspiriert hatte ihn ein Gespräch mit seinem Vater, einem Wissenschafter, über die Vogelgrippe:

«Für mich kam nur eine realistische Abhandlung in Frage»

, erinnert sich Burns via Video-Interview aus Los Angeles.

Fans wundern sich, ob Drehbuchautor Scott Z. Burns hellseherische Fähigkeiten hat.

Fans wundern sich, ob Drehbuchautor Scott Z. Burns hellseherische Fähigkeiten hat.

Bild: zvg

«Also ohne Verschwörungstheorien, in der ein Virus aus einem Labor oder aus einem Mobilfunkmast entwischt. Die Experten waren sich damals schon einig, dass es nur eine Frage der Zeit sei, bis wir eine derartige Pandemie erleben würden.» Als technischen Berater zog er Ian Lipkin hinzu, Professor für Epidemiologie und Direktor des Zentrums für Infektionen und Immunität an der Columbia University. Lipkin trägt in Insider-Kreisen den Übernamen «Virusjäger» und wurde im Januar in Peking von der chinesischen Regierung für seine Forschungsarbeit während der Sars-Epidemie (2002–2004) ausgezeichnet.

Für ihn war «Contagion» ein Segen. Online zugeschaltet aus New York, erklärt er: «Der Film war ein Rekrutierungs-Tool für die Gesundheitsbehörde und machte mich zum prominenten Referenten, der selbst von Fox News als Gast eingeladen wird. Denn jeder hat den Film gesehen, unabhängig von seiner politischen Neigung.»

Als sie 2011 ihren Film am Venice Film Festival präsentierten, wusste noch keiner der Schauspieler, dass dessen Handlung in ein paar Jahren Realität werden sollte. (v.l.n.r. Matt Damon, Gwyneth Paltrow, Laurence Fishburne und Regisseur Steven Soderbergh)

Als sie 2011 ihren Film am Venice Film Festival präsentierten, wusste noch keiner der Schauspieler, dass dessen Handlung in ein paar Jahren Realität werden sollte. (v.l.n.r. Matt Damon, Gwyneth Paltrow, Laurence Fishburne und Regisseur Steven Soderbergh)

Bild: Keystone

Ein ausgezeichneter Forscher wird prominent

Aber seinen Worten folgten keine Taten: Die Berichte von Sonderkomitees unter Bush und Obama wurden ignoriert, Ausgaben gestrichen.

«Wenn das Gesundheitswesen einen guten Job macht, merkt man es nicht und betrachtet es als selbstverständlich»

, so Lipkin. «Wer hat schon vom Lujo-Outbreak in Südafrika gehört? Das war die tödlichste Substanz, die man je sah. Aber wir konnten sie kontrollieren.» Weder Lipkin noch Burns sind deshalb überrascht, wie schlecht die USA auf das Coronavirus vorbereitet waren. Burns schrieb sich seinen Frust humorvoll im Essay «A Bug’s Life » aus der Sicht des Virus von der Seele: «Damit wir nicht vergessen, was passiert ist und wieso wir so unorganisiert sind.»

Im März wurde Lipkin positiv auf Covid-19 getestet. Der Krankheitsverlauf war «sehr unangenehm», aber ins Spital musste er nicht. Theoretisch sollte er nun immun sein, aber ihm wäre eine Impfung lieber. Trotz internationaler Zusammenarbeit werde das aber noch ein Jahr dauern: «Das ist schon 30 Prozent schneller als normal.» Frühere Prognosen hält er für zu optimistisch und in Hinblick auf die US-Wahlen vom Trump-Lager politisch motiviert. Kurzfristig setzt Lipkin auf Plasma-Therapie. Er führt eine Studie mit Plasma von genesenen Covid-19-Kranken am New York Presbyterian Hospital durch. «Spätestens bis in vier Wochen sollten wir wissen, ob Plasma sehr kranken Menschen helfen kann oder eine präventive Wirkung für das Pflegepersonal und Nahestehende hat.»

Erwartet uns dasselbe wie im Film?

Kann man aus «Contagion» schliessen, was uns in den nächsten Monaten noch erwartet? Im Film werden Geschäfte geplündert. Um den begehrten Impfstoff zu ergattern, wird die Frau des Vorsitzenden der Gesundheitsbehörde überfallen und eine WHO-Angestellte entführt. Momentan funktioniert die Versorgungskette noch, aber in Indien haben Plünderungen begonnen.

«Mir konnte damals niemand beantworten, wie der Impfstoff verteilt wird, wenn er einmal da ist»

, so Burns. «Den Vorrang werden Leute in der Krankenpflege, im Militär und in der Regierung wohl haben. Und dann? Wir leben in einer Gesellschaft, die Reiche und die mit den richtigen politischen Beziehungen bevorzugt. Es würde mich nicht überraschen, wenn das die Nächsten wären.» Für den Film hat sich Burns eine Lotterie erdacht – wie bei der Einberufung von Soldaten für den Vietnamkrieg.

Für beide ist eine Rückkehr zur Normalität ohne Impfstoff unvorstellbar. Was das auch für Filmproduktionen bedeutet, wird derzeit beraten: Stephen Soderbergh wurde zum Leiter eines Komitees ernannt, das herausfinden soll, unter welchen Bedingungen wieder gedreht werden könnte. Lipkin fungiert als Berater:

«Jeder, der ein Filmset betritt, muss zuerst getestet werden»

, schwebt ihm vor. «Handschuhe wären Pflicht. Die Mittagsbuffets müssten anders aufgebaut sein, Schminke dürfte nur für eine Person verwendet werden.»

Wenn es so weit ist, hat Scott Burns eine Serie über den Klimawandel für AppleTV parat. Der Kern der Geschichte sei der gleiche wie bei «Contagion»:

«Wissenschafter warnen uns, aber wir machen als Gesellschaft keine richtigen Anpassungen, um das Schlimmste zu verhindern.»
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