Erzählen, wie es wirklich war: Diese zwei Bücher zeigen, warum autobiografische Romane spannender sein können als fiktionale

Annie Ernaux und Mely Kiyak erzählen von der Scham nach ihrem sozialen Aufstieg: kühl und soziologisch, warmherzig und anekdotisch.

Hansruedi Kugler
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Annie Ernaux und Mely Kiyak. Der Schulerfolg ist zu allen Zeiten der wichtigste Schritt aus der Armut zum sozialen Aufstieg.

Annie Ernaux und Mely Kiyak. Der Schulerfolg ist zu allen Zeiten der wichtigste Schritt aus der Armut zum sozialen Aufstieg.

Bild: Getty Images (Symbolbild)

Vielen Unterschichtkindern hängt auch nach ihrem sozialen Aufstieg lebenslang ein Minderwertigkeitsgefühl an. Der freie Atem ist bedroht von der Scham über die Herkunft und der Angst vor dem Unvermögen. Keinen Moment scheint den Aufsteigern die Zugehörigkeit zu einer anderen Gesellschaftsschicht selbstverständlich.

Zwei aktuelle, literarisch herausragende Bücher geben mit solchen Aufsteigergeschichten einen präzisen Einblick in unterschiedliche Milieus: Annie Ernaux in die muffigen 1950er-Jahre im kleinbürgerlichen katholischen Frankreich, Mely Kiyak in das warmherzige Milieu kurdischer Gastarbeiterfamilien in Deutschland der 1990er-Jahre. Beide zeigen einen Trend der Gegenwartsliteratur: Anstelle romanhafter Fiktion tritt die autobiografische Recherche, die dramaturgisch und stilistisch finessenreich erzählt wird.

Annie Ernaux sieht die Menschen als Marionetten ihres Milieus

In «Die Scham» schaut die 12-jährige Annie 1952 zu, wie ihr Vater mit einem Beil den Kopf ihrer Mutter spalten will. Die Horrorszene endet unblutig, bleibt ein Einzelereignis, über das nie mehr gesprochen wird. Es wirft das Mädchen aber in eine existenzielle Lebensangst. Autorin Ernaux analysiert 43 Jahre später nüchtern:

«Eine dominante Mutter, ein Vater, der seine Unterlegenheit durch eine tödliche Geste zertrümmern will».
Annie ErnauxSchriftstellerin

Annie Ernaux
Schriftstellerin

Bild: Getty Images

Die individuelle Schuldfrage stelle sich jedoch nicht. Denn Ernaux sieht die Menschen als Marionetten im System ihres Milieus.

Zur Angst kommt bald die Scham: Über den Pinkeleimer im Korridor, den ordinären Dialekt der Eltern, deren fantasieloses Befolgen kleinbürgerlicher Konventionen wie Duckmäusertum, falsche Höflichkeit und Prüderie inklusive Aufstiegswunsch für die Tochter.

Als Kolleginnen mitbekommen, dass es bei Annie zu Hause üblich war, sich nach dem Pinkeln mit dem Nachthemd abzuwischen, wird ihre Scham fast übermächtig. Und als der Zahnarzt sie fragt, ob es wehtue, wenn sie Cidre trinke, realisiert Annie, dass die Sprache allen ihren Platz in der Gesellschaft markiert.

Bauern und Arbeiter und deren Kinder tranken Cidre, was die Zähne kaputt macht, auf Verwahrlosung hindeutet. Sie als Tochter eines Ladenbesitzers hingegen trank Wasser, bleibt aber gefangen in den «feinen Unterschieden», die der Soziologe Pierre Bourdieu als Abgrenzung beschreibt.

Ebenfalls wie eine Soziologin spürt Annie Ernaux die gesellschaftlichen Codes und Normen auf, beschreibt präzis die sozioökonomische Topografie des elterlichen Quartiers. Ihre Methode ist strukturalistisch: Es ist der Versuch, den Einzelnen aus der Struktur seiner Lebensumgebung zu erklären.

Bei allem Detailreichtum wirkt dies unterkühlt. Wenn sie späteren Liebhabern vom Mordversuch erzählt, versteht man deren stummes Grauen: Sie müssen es als düstere Selbstprophezeiung auffassen, als Dokument einer verstörten Seele. In ihren anderen autobiografischen Büchern hat Annie ­Ernaux über ihren schmerzhaften Hochmut geschrieben, mit dem sie nach ihrem sozialen Aufstieg auf ihre Herkunft geblickt hat. Die Entfremdung ist grundlegend.

Grossartig ist «Die Scham» in der Rekonstruktion des Privaten als Ort der Einsamkeit und des Mangels – und das Erzählen und Schreiben als deren Überwindung. Ernaux’ Minderwertigkeitsgefühl endet.

Annie Ernaux:Die SchamSuhrkamp111 Seiten

Annie Ernaux:
Die Scham
Suhrkamp
111 Seiten

Bild: zvg

Mely Kiyak erzählt warmherzig und mit Sinn für Tragikomik

Von schmerzhafter Entfremdung erzählt auch die deutsch-kurdische Autorin Mely Kiyak. Auch für sie ist das Schreiben das Ziel ihrer Emanzipation. Im Gegensatz zu Ernaux’ kühlem Blick beeindruckt sie mit einem Erzählreichtum, der anekdotisch und witzig, mit scharfer Sozialkritik, aber fabelhafter Warmherzigkeit gesättigt ist.

Das mag erstaunen, Kiyak berichtet von einem zweifachen Exil: aus der durch die Migration verdoppelten Heimat und aus dem Gastarbeitermilieu (Leitspruch: «Keinen Ärger machen») kommt sie an die Universität, wo sie sich verloren und unfähig fühlt. Ein für sie ungewohntes Minderwertigkeitsgefühl, das sie an ihrer Mutter beobachtet hatte, kracht in ihr Leben.

Die als Putzfrau arbeitende Mutter nimmt stumm die nicht verspeisten Pausenbrote eines Arbeitgebers entgegen, statt selbstbewusst das Bild über ihre nur relative Armut zu korrigieren. Mely Kiyak schreibt:

«Vielleicht glaubte sie, dass er sie nur als arme und hungrige Frau mögen würde.»
Mely KiyakSchriftstellerin

Mely Kiyak
Schriftstellerin

Bild: Getty Images

Sie macht aus ihrer Entfremdung weder Rührseligkeit noch eine Tragödie. Das ist die Grösse des Buchs. Denn Kiyak gelingt im kaleidoskopischen Erzählen, das Feindselige und den Schutz der Liebe zu einem farbigen, aufrichtigen Lebensbild zu vereinen. Sexuelle Attacken und die beglückende Behutsamkeit ihres ersten Liebhabers sind zwei Seiten einer Lebensrealität.

Die gesellschaftliche Verrohtheit gegenüber Migranten und Frauen und die rassistische Feindseligkeit sind in «Frausein» so präsent wie die Geborgenheit in Frauenfreundschaften, die kichernden Cousinen, die poetisch bildhaft von ihren sexuellen Erlebnissen erzählen. Wenn man einen Grund für Kiyaks erzählerische Offenheit und Lebenskraft benennen mag: Es ist wohl die jederzeit unterstützende Liebe der Eltern, vor allem ihres Vaters.

«Studiere!» lautet der Auftrag der Eltern, die sich mit Putzen und Nachtschichten in der Fabrik für ihre Kinder abrackern («sei nicht Publikum, sei Macherin!») und sich, kaum sind die Kinder an der Uni, in ihrer leeren Wohnung aber nur noch nutzlos fühlen.

Mely Kiyak ist ein dringlicher Text mit verblüffender Pointe gelungen: Sie fragt sich, warum man so eine Entwicklungsgeschichte immer mit Mangel und Mühsal beginne. «Warum sah ich nicht sofort das Vorhandene? Die Pracht, die aus sich heraus schon da ist?» Das gelingt ihr in «Frausein» überzeugend. Gesellschaftlich bemerkt sie entspannt, dass ihr Aufstieg unterdessen Normalität sei – ihre Altersgenossen hätten den Sprung in die Mitte der Gesellschaft geschafft.

Mely Kiyak: FrauseinHanser Verlag127 Seiten

Mely Kiyak:
Frausein
Hanser Verlag
127 Seiten

Bild: zvg

Wieso lesen wir überhaupt Autobiografien? Wenn sie gut sind, bedienen sie nicht einfach Voyeurismus, sie vermeiden Rührseligkeit und Empörungsbewirtschaftung. Man lernt in ihnen Milieus kennen und allgemeine Lebensmuster erkennen und nimmt an einer Reflexion über die Fragilität der Erinnerung und der Sprache teil. Dass Literatur eine lebensbewältigende Kraft hat, beweisen «Die Scham «und «Frausein» eindrücklich.