FIGURENTHEATER: Wenn vom Mami nur die Hülle bleibt

Eine Monsterpuppe ohne Seele – so erlebt ein Kind seine depressive Mutter. Frauke Jacobi inszeniert das schwere Thema leichtfüssig und mit viel Humor. Am Samstag war Premiere.

Mirjam Bächtold
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Der Kleine (Marcus Schäfer) muss das antriebslose Mama-Biest waschen. (Bild: Urs Bucher)

Der Kleine (Marcus Schäfer) muss das antriebslose Mama-Biest waschen. (Bild: Urs Bucher)

Professor Kleinbiest ist Experte, wenn es um Monster aller Art geht: Das Zeitmonster, das tickend wie eine Fliege herumschwirrt. Der Wasserschreck, der ihn als Kind aus der Badi geworfen hat, bloss wegen einer Arschbombe. Oder die Meckerjaule, die man auch mit einer geschenkten Blume nur für Sekunden vom Meckern abhalten kann. Professor Kleinbiest untersucht auch das Publikum, überprüft, ob schon jemandem ein Stachel gewachsen ist. «Denn die Verbiesterung kann ganz schnell passieren», weiss der Professor.

Professor Kleinbiest redet aus eigener Erfahrung: Als er ein kleiner Bub war, wurde sein Mami auch zu einem Biest. Als der Papi auszog, verbitterte und verbiesterte die Mami. «Und dann sah sie eines Tages so aus», sagt Marcus Schäfer in der Rolle des Professors. Er zieht ein Tuch von seiner Monster-Mama, und einem Mädchen im Publikum entwischt ein «Wäh!». Da sitzt keine Mutter mehr, sondern ein grosses pelziges Biest mit riesigen Händen, grossen Nilpferdzähnen und zwei Hörnern. Die Mundwinkel hängen nach unten, und das Mama-Biest schaut traurig und teilnahmslos ins Publikum.

Sohn muss Mama die Zähne putzen

«Der Kleine und das Biest», das im Figurentheater Premiere hatte, nimmt sich dem Thema Depression an. Ein schöner Einfall der Regie, dies mit einer Puppe zu inszenieren. Weil die Mutter keinen eigenen Antrieb mehr hat, muss Marcus Schäfer die Puppe selbst bewegen: Er muss ihr beim Aufstehen helfen, die Zähne putzen, den Kaffee einflössen, sie zum Bus bringen. Wenn Mütter plötzlich depressiv werden, müssen die Kinder zu früh Verantwortung übernehmen. Die Inszenierung zeigt dies aus der Kinderperspektive und nimmt sich dem schweren Thema mit viel Humor an. Etwa, als Professor Kleinbiest die Verdauung eines Biests erklärt, das nichts mehr essen will und dessen Magen voller schlechter Gedanken ist. Eine Videoprojektion mit Illustrationen von Frauke Jacobi zeigt, wie sich der Magen des Biestes mit schwarzen Blitzen füllt. Es rumort im Verdauungstrakt, bis diese Gedanken als stinkende Furze die Fahrgäste im Bus vergraulen. Dann ist das Mama-Biest peinlich. Auf einem Tisch spielt Schäfer mit Puppen von Mama-Biest und Papa-Biest und zeigt zum Soundtrack von «Spiel mir das Lied vom Tod», wie sie sich anbiestern.

Aber irgendwann ist auch die schlimmste Verbiesterung vorbei, weiss der Professor. Als der Kleine mit der Mutter über alten Fotos sitzt und über ein lustiges Bild lacht, löst sich aus der Biesterkehle ein zaghaftes Glucksen, das sich zu einem Lachanfall entwickelt. Ein klares Zeichen für Entbiesterung. Mit viel Zeit, schönen Sommertagen und einem Anruf einer alten Freundin verwandelt sich das Biest nach und nach wieder ins Mami.

Vorstellungen bis 8. April figurentheater-sg.ch