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‹Kloster Einsiedeln: «Figaro»-Finale für ›das Mönchsgebet

Die Musiksammlung des Klosters ist eine der wichtigsten hierzulande. Eine Ausstellung zeigt Raritäten und Wunderbares. Über Trompetenfanfaren um 2 Uhr nachts, die Magie von Schriften und das «erste» Opernhaus der Schweiz.
Roman Kühne

Was für ein nächtlicher Krach! Da steht bei der Engelweihe vom ­ 21. September 1687: Von «2.15 bis 2.45 Uhr: Turmmusik im äusseren Glockenturm mit Trompeten, Pauken, Fagotten, Posaunen, Geigen und anderen Instrumenten durch unsere Musikerpatres. 2.45 bis 2.55 Uhr: Böllerschiessen mit 20 Schützen. 2.55 bis 3.00 Uhr: Klostergeläut mit allen Glocken». Wenn man bedenkt, dass aktuelle Zeitgenossen schon wegen des stündlichen Schlages vor den Gerichten klagen: Es waren definitiv andere Zeiten!

Immer wieder schimmert Witziges und Überraschendes auf. Doch dies ist nicht der Kern der Ausstellung «Ein himmlisch Werk» des Museums Fram in Einsiedeln. Vielmehr ist es eine mit Sorgfalt gestaltete Liebeserklärung an die musikalischen Schätze und Heimlichkeiten der Klosterbibliothek zu Einsiedeln. Authentisch, sinnlich, wichtig.

Zeugnis einer fast verlorenen Welt

In unserer Zeit zeichnen Bits und Pixel die Welt. Eine Verkünstlichung und ein Grad der Digitalisierung, welche auch vor den Museen mit all ihren interaktiven Spielereien und Sensatiönchen nicht Halt macht. Gerade dies ­erhöht die Faszination des Wirklichen, lässt das Bedürfnis nach dem Aufrichtigen und direkt Wahrnehmbaren wachsen. Zwar befinden sich auch die musikalischen Originalschriften und Faksimiles, originalgetreue, oft ebenfalls sehr alte Kopien, meist hinter Glasscheiben. Dennoch haben die kunstvollen Figuren, die Schnörkel und Kleckse der Komponierenden etwas Magisches, formen Zeugnis einer unwirklichen, fast verlorenen Welt.

Rund 50 000 Titel lagern heute in der Musikbibliothek des Klosters Einsiedeln. Vor allem von 1850 bis Mitte des 20. Jahrhunderts erlebte das Kloster eine musikalische Blütezeit mit komponierenden Äbten, singenden und musizierenden Mönchen. Pater Lukas Helg, seit 43 Jahren der Bewahrer und Zeremonienmeister dieses Wunderhorns, hat eine Ausstellung geschaffen, die diese Fülle in Überblick und Bereiche fasst. Es ist eine faszinierende Ausstellung, ein Nachmittag voll sich Wundern und Schmunzeln. Pater Lukas, selbst ein grosser Opern-Fan, hat ein Singspiel in sechs Akten geschaffen, Ouvertüre und Zugabe inklusive. Mit Audioguide und einem wachen Auge ausgerüstet, wird der Gast durch Zeit und Raum gelotst.

Da ist zum Beispiel die Ouvertüre: «Sie soll zeigen, was auf dieser Bühne gespielt wird», erklärt Pater Lukas. «Die Luft, die wir im Kloster atmen, den Zweck, zu dem wir dienen.» Denn die Hauptaufgabe der Benediktiner ist nicht etwa das Missionieren, sondern das Beten, Unterrichten und die Seelsorge.

So ist da eine Faksimile des Codex Einsidlensis 121 zu bestaunen, das älteste erhaltene Buch für Stundengebete weltweit, geschrieben zwischen 960 und 970 im Kloster Einsiedeln. Oder man findet den grössten Band der Ausstellung, einen Messendruck von 1566. In der heutigen Zeit des rasenden Kopierens kann man nur erahnen, wie viele Leben in solch einem Werk stecken.

Vor zwei Jahren war das Kloster Einsiedeln prominent im Landesmuseum Zürich zu Gast. Die Hauptattraktion war die prächtige Garderobe, die jeweils die schwarze Madonna des Klosters schmückt. Während jene Ausstellung eher die sichtbare Ober­fläche transportierte, zeigt der aktuelle Rundgang im Fram das Innere der Mönchsgemeinschaft, wirft einen Blick auf die kulturelle Seele des Benediktiners.

Klostergemeinschaft führte ganze Opern auf

Unter diesen hatte es eine Zeit lang so viele Musiker, Sänger und Komponisten, dass die Gemeinschaft ganze Orchester- und Opernaufführungen stemmte. So ist ein «Akt» der Ausstellung dem Singspiel gewidmet. Von 1804 bis 1966 sangen die Mönche und ihre Zöglinge jährlich ein neues Werk. Bereits 1833 wurde die «Entführung aus dem Serail» aufgeführt, ein Jahr vor der Eröffnung des ­ersten Opernhauses der Schweiz in Zürich. Noch 1965 führte das Kloster «Orfeo» auf, einige Jahre vor dem legendären Monteverdi-Zyklus am Opernhaus.

Bei einer reiner Männerclique war Fantasie gefragt. «Die Entführung aus dem Serail» (Mozart) wurde zu «Türkische Kadetten», «La fille du régiment» (Donizetti) zu «Marino, der Regimentsbursche». Berührungsängste gab es keine. Munter setzten die Mönche Opernszenen auch in der Kirche ein. Das Finale von «Figaro» wurde für ein Magnificat adaptiert, Teile aus «Idomeneo» in ­einen Psalm umgeschrieben.

Obwohl auf einen Saal konzentriert, sind es locker zwei bis drei Stunden, vergnügliche Stunden, die man in der Ausstellung verbringt: Brahms, der extra wegen zwei Bänden mit Toccaten (1637) von Girolamo Frescobaldi, ein sehr seltener Druck, nach Einsiedeln reist und dann in der Klosterkirche ein Ständchen spielt. Paul Hindemith, der Pater Daniel Meier jedes Jahr eine Glückwunschkarte schickt, versehen mit einer persönlichen Karikatur.

Und da sind auch Briefe und Autografen berühmter Komponisten, von Mozart bis Verdi, oder das Original der Melodie des Schweizerpsalms. Es ist ein Stöbern, Atmen, Reisen in eine andere Welt. Die Musikbeispiele, die Sorgfalt der Schriften, aufwendige Bücher, die eine ganze Lebensenergie widerspiegeln: Der Besucher spürt direkt, dass es noch anderes gibt als Leistungsgesellschaft und Multitasking.

«Ein himmlisch Werk, Musikalische Schätze aus dem Kloster Einsiedeln»: Bis 29. September, www.fram-einsiedeln.ch.

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